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Die Welt · 1911-02-24 · 8 (24.2.1911) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 8 - —— DIE] Österreich am wenigsten schätze, aus der kleinen Bureaukratie,- aus den Staatsdienern. Mir ist das nicht sehr sympathisch. Aber niemand kann ja für seine Geburt (Heiterkeit), und ich habe mich mein ganzes Leben lang bemüht, diese Tradition in meinem Blute zu überwinden und das Gegenteil davon zu werden. Aber es ist, soweit man in diesen Dingen irgendeine Sicherheit haben kann, ziemlich unwahrscheinlich, daß ich einen Tropfen jüdischen Blutes in mir habe. Das hat aber nicht verhindert, daß in gewissen Zeitungen, wenn ich nämlich etwas diesen Zeitungen Unangenehmes sage oder schreibe, „der Jude Hermann Bahr11 angegriffen wird, oder daß ich als ein besonders krasser Fall jüdischen Geistes zitiert werde. Es gibt eine deutsche Literaturgeschichte von einem deutschen Professor, in der ein Kapitel, das Kapitel über das junge Wien, mir gewidmet ist und in dem an meinem Beispiel gezeigt wird, wie jüdischer Einfluß ein ganzes Land korrumpieren kann. Nun, ich habe den Herrn nie berichtigt. Es hat mir widerstrebt, dies zu tun, weil da leicht das Mißverständnis aufgekommen wäre, als würde ich mich etwa schämen, ein Jude zu sein. Ich würde mich aber genau so wenig schämen, ein Jude zu sein, wie ich mich schämen würde, ein Franzose oder Japaner zu sein. Ich achte alle Nationen gleich hoch. Alle sind mir gleich wichtig in dem großen geheimnisvollen Schauspiel des Lebens. Der Erzbischof von Canterbury hat einmal so schön gesagt: „Das Leben der Menschheit ist ein Teppich, den Gott webt. Die einzelnen Nationen und Parteien und all das sind Fäden in diesem Teppich. Kein solcher Faden darf fehlen, sonst wird der ganze Teppich zerstört." Ein eifriger Freund von mir war über jenen deutschen Professor gekränkt und schrieb ihm einen Brief, worin er ihm nachwies, daß ich kein Jude sei. Er forderte ihn übrigens auch auf, mich anzusehen, worauf er dies sofort bemerken würde. Der große deutschnationale Autor antwortete darauf, das sei ihm ganz gleichgültig. Wenn ich auch kein Jude sei, so sei ich doch ein Jude (Heiterkeit), und wenn ihm nachgewiesen würde, daß ich keinen Tropfen jüdischen Blutes haben könnte, so würde ihn dies nur veranlassen, an die Seelenwanderung zu glauben; denn dann sei eben durch einen geheimnisvollen Prozeß in einen rein arischen Körper eine jüdische Seele gefahren. (Lebhafte Heiterkeit.) Diese jüdische Seele hat mich übrigens nicht verhindert, eine Zeitlang recht antisemitische Stimmungen in meinem Busen zu hegen und sie manchmal auch recht deutlich auszusprechen. Ich habe mich auch mit einer Jüdin in erster Ehe verheiratet und mich dabei sehr wohl gefühlt. Ich habe viele jüdische Freunde, ich kenne das jüdische Familienleben. Ich habe mich auch sehr oft in starker innerer Opposition gegen Juden befunden. Ich habe also Erfahrungen gesammelt. Und nun will ich einige dieser Beobachtungen und Erfahrungen, die mir seltsam waren, hier mitteilen. Der Vortragende behandelt nun zunächst die Tauffrage. Er sucht die Motive zur Massentaufe in einem religiösen Mystizismus der Juden. (Der Jude von heute sieht in dieser Erscheinung kein seelisches Problem, sondern nur eine zur Mode gewordene Desertion. Anm. d. Red.) Er führt dann weiter aus: Nun eine andere Seite: die soziale Karriere. Wir alle begegnen im Leben reichgevvordenen Juden. Irgendein Jude, der sich sehr schwer emporgearbeitet hat und nun durch einen Glücksfall oder kaufmännische Genialität reich geworden ist, hat jährlich ein Einkommen von drei bis vier Millionen. Jeder weiß, daß dies in Berlin W nichts mehr außergewöhnlich Seltenes ist. Nun ist es interessant, was dieser reiche Jude mit dem Geld, das doch eine reale Macht ist, anfangen wird. Da ist so ein Jude aus Polen oder Posen oder irgendwoher, ganz frei von germanischer Vergangenheit, in Berlin zur Macht gelangt und hat nun die Fähigkeit, auf deutsche Verhältnisse in irgendeinem engern oder weitern Kreise bestimmten Einfluß auszuüben. Man meint füglich, daß er trachten werde, seine Farbe, seine Gedankenwelt durchzusetzen. Was aber tut dieser Jude? Er mietet sich ein Barockpalais, kauft sich ein königliches Schloß, womöglich unter der Bedingung, daß es den Titel „Königliches Schloß" weiterführen darf. Dem Mann muß doch eigentlich unheimlich sein in dem königlichen Schloß. Jedes Barockornament müßte ihn doch daran erinnern, wie niederträchtig die Herren, die das Barockpalais erbaut haben, seine Väter und Großväter behandelt haben. Was für ein merkwürdiger Geschmack ist das, sich in eine Gegend hineinzusetzen, die der vollständige Ausdruck dessen ist, was die ärgsten Feinde des Judentums geschaffen haben! Genau so ist es mit der Geselligkeit. Wir haben keine moderne Form der Geselligkeit mehr. Nun kommt ein Jude, unbelastet von allen germanischen Traditionen, also geeignet, eine neue Geselligkeit zu schaffen. Was tut aber der Jude? In England nimmt er sich einen butler, einen Kammerdiener, der die feinen Herren bedient, und wird nun, was sehr lustig wirkt, der ängstliche Diener seines Bedienten, von dem er alle Gewohnheiten der Aristokraten lernt. Wenn der butler ihm sagt, der Graf X. steht um 9 Uhr morgens qffiELT . ^---167 auf, nie früher, so muß der arme reichgewordene Jude auch bis 9 Uhr schlafen, nur weil er der Sklave einer fremden, für ihn nicht passenden und nichts bedeutenden Geselligkeit geworden ist. Auch - in Berlin und anderswo sind diese Karrikaturen zu finden, die, statt ihr eignes Leben zu leben, sich einen verarmten Grafen als Sekretär engagieren und von diesem sich vorschre ben lassen, wie sie leben - sollen. Diese reichen Juden leben nicht ihr eignes Leben, sondern sind in lächerlichster Weise die Affen und Bedienten einer fremden Geselligkeit und fremder Lebensgewohnheiten (Beifall). Ich bitte, ich kritisiere nicht, ich erzähle Tatsachen. Überall finden Sie diese Erscheinung, auch in der Literatur. Wie ungeheuer töricht ist das : geheimnisvolle Interesse, die geheimnisvolle Sympathie, die jüdische . Autoren für germanische Sagenkreise haben! Jeder von diesen Berliner modernen Juden macht ein verzücktes Gesicht, wenn er : den Namen des Königs Artus hört. Warum? Wer ist der König- Artus? Ich mißbillige diese Juden, aber psychologisch bewundere : ich sie, ich bewundere das Gehirnkunststück, das sie zustandebringen. Um noch einmal vom Reichtum der Juden zu sprechen: Was machen die Reichgewordenen mit ihrem Gelde? Sie sind Wohl- ■ täter, manchmal in großem Stil. Schön, prachtvoll. Sie bauen dem deutschen Kaiser Kriegsschiffe. Sehr schön. Aber warum? Wozu? Sie geben dem Kaiser das Geld, damit er auch eine Luftflotte machen kann. Nun sagt man ja, das menschliche Leben beruht auf Beziehungen und Gegen bezieh ungen, und wenn ich als reicher Jude dem deutschen Kaiser das Leben so erleichtere, so muß er doch auch mir wohl einen Gefallen tun. Was aber tut er? Er läßt meinen Sohn nicht Offizier werden! (Lebh. Beifall.) Er sagt dem reichen Juden: „Ja, Sie sind ein famoser Mensch, Sie haben mir jetzt wieder ll/i Mill. gjgeben für eine Regatta oder so etwas. Aber es tut mir leid. Ihr Sohn kann doch nicht Richter werden. Das geht nicht. Das feinere Rechtsgefühl fehlt Euch." Der Jude, der IV* Millionen gegeben, steht da und läßt sich vom Kaiser oder von einem hohen Beamten sagen, der ihm dabei jovial auf die Schulter klopft: „Sie sind ja eigentlich gar kein Jude!" (Lebh. Beifall.) Was sind das, frage ich, für Menschen? Denen man kein höheres Lob sagen kann, als wenn man ihnen sagt: das was Sie sind, sind Sie eigentlich nicht? Ich habe einmal einen wunderschönen Brief gelesen, der so recht bezeichnend ist für diese ganze, mir unverständliche Verwirrung in aufgeklärten, modernen jüdischen Köpfen. Ein Dichter, Jude, ich nenne ihn der Jude A, hat ein Stück geschrieben. Ein anderer Jude, Jude B, hat ihn in einer Krit.k sehr verrissen. Ein dritter Jude, hat das Stück des Juden A sehr schön gefunden und schrieb ihm mit Rücksicht auf die verreißende Kritik einen Brief, worin gesagt wird: Der Herr B sei ein niederträchtiger Kerl, es empöre ihn, wie gemein und dumm dieser Herr über das feine Stück geschrieben habe. „Aber machen Sie sich nichts daraus", schließt er, „wie kann denn ein Jude je die Herrlichkeit Ihrer Schöpfung verstehen!" Ich kenne alle drei Herren, alle drei sind Juden, alle drei anständige Menschen, und der diesen Brief geschrieben hat, hat ihn im tiefsten Ernst geschrieben. Ich kann die Wahrheit dieser Anekdote beeiden. Nun denken Sie sich die breite Masse des Volkes, die Durchschnittsintelligenz des deutschen, französischen, tschechischen Volkes, die solchen Erscheinungen gegenübersteht. Alle diese Völker in Europa bestehen ja nur aus zwei großen Parteien, alles andere sind kleine Differenzen. Es gibt nur zwei Parteien, zwei Prinzipien, die herrschende, feudale, und die geknechtete, zur Freiheit strebende. In irgendeiner Vergangenheit haben starke Menschen sich des Grund und Bodens bemächtigt. Der Besitz von Grund und Boden hat sie zu Herren gemacht, und der übrigen Menschheit blieb nichts anderes übrig, als Knechte zu werden, und erst in der Reuaissancezeit ist einzelnen der Knechte der Gedanke gekommen: Ich bin soviel wie du, Herr! Es entbrannte der Kampf zwischen den alten Herren, die ihre Herrschaft erhalten wollten, und den Knechten, die keine Knechte mehr sein wollten. Das ist die ganze Geschichte seit der Renaissance in tausend verschiedenen Farben und Nuancen. Überall haben wir zwei Gruppen, die feudale, die an der Herrschaft festhalten will, und die liberale oder humanistische oder demokratische Gruppe, den andern Teil der Menscheit, der empor will, der das alte Joch brechen will. Wie müssen sich nun diese beiden Parteien zu diesem Reformjudentum stellen? Glauben Sie, die alten feudalen Herren, die herrschende Klasse, kann eine Freude haben an diesen konservativen feudalen Juden? Ich glaube nicht. Die bloße Existenz dieser feudalen Juden ist ja doch schon ein großes Fragezeichen für d:e ganze feudale Welt Denn mögen sich die Juden noch so sehr bemühen, feudale Formen anzunehmen, die feudale Welt wird sie immer von sich abwehren nnd abwehren müssen. Und der demokratische, der emporstrebende Teil der Menschen, d:r h:;t sich oft schon direkt für die Juden begeistert, so in der Zeit der Freiheitskriege von 1806—1810, wo jeder freiheitlich gesinnte Mensch für

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