Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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166 DIEE^ELT No. 8 sich gewiß auch der Schanker annehmen werde. Die Versammlung sandte an den in Budapest weilenden Kaiser eine Loyalitätsdepesche. Abgeordneter S t a n d teilte der Versammlung mit, daß das Abgeordnetenkomitee im Vereine mit fünf Deputationsmitgliedern morgen (Mittwoch den 14. Februar) in Budapest dem Ministerpräsidenten F^iherrn v. Bienerth die Bitte der Schanker nach Schaffung von Übergangsbestimmungen vortragen werde." Dr. Landau besprach die Antwort des Obmannes des Polenklubs; dessen Behauptung, in öalizien gebe es keine konfessionellen Unterschiede, sei eine Heuchelei. Es sei das letztemal gewesen, daß eine jüdische Deputation sich an den Polenklub um Intervention gewendet habe. In beiden Versammlungen wurde einhellig folgende Resolution angenommen: Die heutige Versammlung brotloser Schanker aus Galizien erwartet zuversichtlich, daß die Zentralbehörden in Anbetracht der furchtbaren Notlage und der zu einer Ka'astrophe führenden Entziehung der bisherigen Erwerbsweise vieler tausender galizischer Schanker durch Schaffung von gerechten Übergangsbestimmungen im Sinne des den Ministern überreichten Memorandums die Möglichkeit bieten wird, auch weiterhin sich ehrlich eine wenn auch kärgliche, so doch menschenwürdige Existenz zu schaffen. Nach Schluß der beiden Versammlungen marschierten die Teilnehmer in die Volksküchen, wo sie schichtweise auf Kosten des Hilfskomitees das Abendessen erhielten. Um 12 Uhr 8 Min. nachts erfolgte die Rückreise nach Galizien. Die Haltung der Wiener Bevölkerung Der Demonstrationszug machte einen durchaus günstigen Eindruck. Längs der hingen Ringstraße bildeten die Passanten Spalier und erörterten lebhaft und teilnahmsvoll die Beschwerden der jüdischen Schanker. Die Haltung der Wiener Bevölkerung, das muß angesichts der Hetze des „Deutschen Volksblattes" und der vielfach geäußerten Besorgnisse hervorgehoben werden, war durchaus korrekt. Ich habe — schreibt uns unser Wiener Korrespondent — viele Äußerungen des Mitgefühls und gar keine höhnischen Bemerkungen oder judenfeindlichen Anrempelungen gehört. Der Zug, der abgehärmten, alten, meist ärmlich gekleideten Juden erregte großes Aufsehen. Die gesamte Wiener Presse brachte eingehende Berichte. * Der Präsident der Wiener Kultusgemeinde hat das Ansuchen der Abg. Dr. Straucher und Stand, zu den Kosten der Verpflegung der Schänker beizutragen, abgelehnt. Beim Ministerpräsidenten Ministerpräsident Freiherr v. Bienerth empfing Mittwoch nachmittags im „ Hotel Hungaria" in Budapest eine sechsgliedrige Deputation, die von den Abgeordneten Stand, Mihler und Straucher geführt war. Unter den Mitgliedern der Deputation befand sich auch ein Schänker katholischen Bekenntnisses. Die Führer der Deputation führten dem Ministerpräsidenten gegenüber, der sich vollkommen informiert zeigte, aus, daß hier einzugreifen Pflicht der Menschlichkeit wäre, da durch das Inslebentreten des Propinationsgesetzes 50000 Menschen brotlos geworden sind. Der Ministerpräsident sprach eingehend mit jedem einzelnen Mitglied der Deputation und ließ sich genau üb^r die Sachlage informieren. Er führte dann aus, daß er bestrebt sein werde, die eingetretenen Härten, zu mildern und wenn es natürlich auch ausgeschlossen wäre, daß alle brotlos Gewordenen Berücksicht gung finden, werde er dennoch trachten, daß zumindest die Alten und Erwerbsunfähigen in erster Linie bei Erteilung neuer Konzessionen in Berücksichtigung gezogen werden. Bezüglich der Schaffung von Obergangsbestimmungen könne er eine Zusage nicht machen. Nachdem die Teilnehmer der Deputation, der der Ministerpräsident sehr liebenswürdig entgegengekommen war, sich entfernt halten, nahm Freiherr von Bienerth Gelegenheit, sich in eingehender Weise mit den erschienenen Abgeordneten über die zu treffenden Maßnahmen zu besprechen. Er gab die Zusicherung, daß er sich mit dem Handeisminister Dr. Weiskirchner und dem Statthalter von Galizien, Dr. Bobrzynski über die Sache auseinandersetzen werde. Vorläufig dürften voraussichtlich neunhundert Nachtragskonzessionen zur Verteilung gelangen. Die Abgeordneten erklärten dies als Maßregel für völlig unzulänglich. Sie führten auch eine Reihe der krassesten Fälle an sowohl in bezug auf Verweigerung der Konzessionen, wie auch bezüglich der Verleihung solcher an Witwen hoher Staatsbeamter, Funktionäre von Raiffeisenkassen, Großgrundbesitzer usw., legten noch dem Ministerpräsidenten dar, in welcher Notlage sich die betroffenen Schänker befinden und daß sie in ihrer Verzweiflung nur den einzigen Ausweg sahen, Zuflucht an den Stufen des Thrones zu suchen. Die Deputation gewann den Eindruck, daß Baron Bienerth tatsächlich vom bebten Willen zu helfen erfüllt sei und die volle Schwere der Situation erfasse. Falls der Erfolg nicht den Hoffnungen entspricht, wird man nun wissen, wo die Ursache zu suchen ist. Ein Bericht des „Berliner Tageblatt" In seiner Abendausgabe vom 14. d. M. läßt sich das „Berliner Tageblatt44 von seinem Wiener Korrespondenten melden: „Heute vormittag begaben sich Deputierte der galizischen Wirte, insgesamt 2500 Personen, unter Führung galizischer Abgeordneter in das Handelsministerium. Eine Deputation überreichte dem Minister ein Memorandum, das die Bitte um Berücksichtigung der wirtschaftlichen Interessen der Schankwirte enthält. Dann begab sich der gesamte Zug zur Hofburg, wo sich eine Deputation in die Kabinettskan/dei des Kaisers begab und eine Huldigungsadresse überreichte. Die Deputationsführer begaben sich dann zum Parlament, wo vier Mitglieder von den Obmännern des Polenklubs empfangen wurden. Der Riesenaufzug der galizischen Deputierten in der Nationaltracht erregte auf der Ringstraße großes Aufsehen. Heute abend begibt sich eine Deputation nach Budapest, um dem österreichischen Ministerpräsidenten, der augenblicklich anläßleh der Delegation in Budapest weilt, ebenfalls ein Memorandum zu überreichen. Um 2 Uhr fährt die Massendeputation mit Extrazügen wieder nach Galizien zurück." Nach dem Wortlaut dieser Meldung dürfte in dem uniformierten Leser die Ansicht entstehen, es sei etwa ein ruthenisches oder polnisches Banderium in Nationaltracht in Wien erschienen. Aus keinem Wort ist zu erkennen, daß es sich um jüdische Opfer der Schlachta handelt. So werden Nachrichten gefärbt. Das Judenproblem Von Hermann Bahr Vortrag, gehalten in der Jüdischen Lesehalle in Prag am 19. Februar. Ich möchte hier über das so merkwürd:ge, für alle Nationen Europas so bedeutungsvolle Problem des Judentums sprechen, und zwar so, wie es mir am ersprießlichsten scheint, ganz von meinen eigenen persönlichen Eindrücken und Erlebnissen aus. Ich bin kein ""Philisoph, kein Prophet, kein Seher, ich kann Ihnen nicht versprechen, die Wahrheit zu sagen. Ich kann nur meine subjektive Wahrheit sagen. Das, was ich mir denke, wird wahrscheinlich für keinen von Ihnen richtig sein. Denn es gibt, meine ich, nur subjektive Wahrheiten, die man sich nach eigenen Erfahrungen für sich zum persönlichen Gebrauch zu eigen gemacht hat, und es gibt nur eine wissenschaftliche und Kulturaufgabe jedes einzelnen: seine persönlichen Eindrücke zu prüfen, zurechtzulegen, durch Erfahrung zu erhärten, dann aber auf ihnen zu bestehen. Der Nachbar mag dasselbe tun, der dritte, vierte und fünfte auch, und indem sie sich ihre eigenen Erlebnisse und Eindrücke rücksichtslos und rückhaltlos kundtun und einander gegenüberstellen, wird daraus das erwachsen, was jedem einzelnen versagt ist: die objektive Wahrheit. So lassen Sie mich in ruhiger und ' sachlichpersönlicher Weise ein paar Dinge über das Judentum im Österreich sagen, die mich befremden, die mich verwundern, erstaunen, interessieren und die mich zum Teil bewegt haben. Vorher: Ich bin kein Jude. Ich stamme väterlicherseits aus den Rheinlanden, von wo mein Vater nach Österreichisch-Schlesien eingewandert ist, und mütterlicherseits aus def Gegend, die ich in