Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 8 DIE^ELT 165 Ausführungen der beiden Sprecher das lebhafteste Interesse erregt hätten. Er glaube aber, daß die Kraft der Argumente genügen sollte und eine Unterstützung derselben durch massenhaftes Auftreten nicht notwendig gewesen wäre. Wenn einer der Herren Vorredaier von der Urplötzlichkeit der neuen Verhältnisse gesprochen habe, so müsse er betonen, daß die heutigen Verhältnisse durch ein Gesetz geschaffen wurden, welches schon vor ca. 26 Jahren zustande gekommen sei, und daß daher genügend Zeit gewesen wäre, sich auf die neue wirtschaftliche Lage vorzubereiten. Selbstverständlich könnten Schankkonzessionen nicht in demselben unbeschränkten Maße verliehen werden, wie dies in Ansehung der Propinationsberechtigungen möglich gewesen sei, weil die Verleihung der Schank- und Verschleißkonzessionen nach ausdrücklicher Vorschrift des Gewerbegesetzes in persönlicher Hinsicht an strengere Voraussetzungen und in sachlicher Beziehung vornehmlich an das Moment des Lokalbedarfes gebunden sei. Dem Minister sei bekannt, daß die beiden Landeschefs alle in Betracht kommenden Gesichtspunkte bei Verleihung der neuen Schankkonzessionen durch-die Behörden erster Instanz in humanster Weise geprüft haben. Auch stehe fest, daß speziell in Gaüzien mehr als drei Viertel dieser Gewerberechte in die Hände der bisherigen Propinationsschänker gekommen seien; außerdem sei die Zahl der zu verleihenden Konzessionen noch nicht erschöpft und es dürfte sich noch Gelegenheit ergeben, in besonders berücksichtigungswürdigen Fällen mit der Konzessionsverleihung an bisherige Schänker vorzugehen. Was die Berufungen an die Zentralstellen anbelange, so mache der Minister auf die Bestimmungen der Gewerbeordnung aufmerksam, wonach gegen zwei gleichlautende Entscheidungen keine weitere Berufung zulässig sei, demnach die Ingerenz des Handelsministeriums von vornherein sehr eingeschränkt erscheine. Insofern aber Rekurse oder Auf sichtsbesch wer den an das Handelsministerium gelangen werden, so werde der Mandelsminister im Einvernehmen mit dem Minister für Galizien diese mit aller Objektivität prüfen und mit peinlicher Gewissenhaftigkeit das Notwendige veranlassen. Sicherlich aber werde eine gewisse Zahl bisheriger Propinationsschänker sich einem andern Berufe zuwenden müssen, und es biete sich genug Gelegenheit, vornehmlich für jüngere Kräfte, bei Fleiß und Ausdauer sich in einem andern freien Berufe zu betätigen. In letzterer Richtung werden die berufenen Faktoren diese Bestrebungen nach Kräften unterstützen." In der Hofburg In der Kabinettskanzlei des Kaisers wurde die Abordnung von dem Direktor Freiherrn v. Schießl empfangen. Der Führer der Abordnung, Abgeordneter Dr. Mahler, hielt eine längere Ansprache, in welcher er sagte, daß es den armen Schänkern, welche gekommen sind, um den gänzlichen Zusammenbruch ihrer materiellen Existenz zu verhüten, am Herzen liege, an den Stufen des Thrones ihrer treuen Ergebenheit und Loyalität Ausdruck zu geben. Abgeordneter Dr. Mahler richtete an Freiherrn v. Schießl die Bitte, die Aufmerksamkeit des Kaisers auf die traurige Lage der galizischen Judenschaft zu lenken. Freiherr v. Schießl erwiderte, daß der Kaiser über diese Angelegenheit eingehend informiert sei. Der Monarch werde die Frage in seiner gewohnten väterlichen Weise erwägen und das Nötige veranlassen, damit die Lage der galizischen Judenschaft erleichtert werde. Im Parlament Im Abgeordnetenhause, wo der Zug um 1 Uhr eintraf, wurde die Abordnung, 25 Männer und fünf Frauen, vom Präsidium des Polenklubs empfangen. Der Zug der Schänker nahm auf der Ringstraße Aufstellung. Die Rampe wurde durch berittene Polizei abgesperrt. In der Säulenhalle richtete Abgeordneter Stand an den Obmann des Polenklubs, Abgeordneten Dr. Lazarski, eine polnische Ansprache, in der er folgendes ausführte: „Die Deputation erscheint vor dem Obmann des Polenklubs, nicht nur weil er der Repräsentant einer der mächtigsten Parteien ist, sondern auch weil sie gerade in ihn volles Vertrauen setzt, daß er den Wünschen der Deputation entgegenkommen werde." Der Redner schilderte die Notlage der Schänker und das Elend von 20 000 Familien mit 50 000 Köpfen. In diese erbarmungswürdige Lage seien diese Leute nicht durch die eigene Schuld, sondern durch die Regierung gekommen. Zwei Wege könnten betreten werden, um den armen galizischen Schänkern eine Linderung ihrer Not zu sichern." Der Obmann * des Polenklubs, Dr. Lazarski, begrüßte die Deputation, deren Bestrebungen er vollkommen begreife. Er führte dann aus, er könne ruhig sagen, daß alles, was der Polenklub tut, ohne Rücksichtnahme auf die Nationalität geschehe, und daß die traurige Lage der Juden ganz gewiß in den Herzen der Mitglieder des Polenkiubs lebhaften Widerhall findet. Es sei indessen dem Polenklub nicht erwünscht, daß die galizischen Bürger ökonomische Angelegenheiten mit konfessionellen verquicken. Der Klub wünsche dies schon deshalb nicht, weil dadurch der Eindruck erweckt werde, als ob die Behandlung der Nationen im Lande seitens der Landesregierung keine gleichmäßige wäre. Er sehe die schwierige Lage der Judenschaft vollkommen ein und wisse, daß Tausende von ihnen in den ärmlichsten Verhältnissen leben. Er müsse aber betonen, daß nicht sie allein von diesem Schicksal betroffen sind, sondern daß es in Qalizien auch Tausende und Abertausende anderer Bürger und Kleingewerbetreibende gebe, die im Lande ihr Brot nicht verdienen können und dadurch zur Auswanderung gezwungen werden. Bedauerlich sei auch, daß zahlreiche Juden fortwährend aus Rußland einwandern und in Galizien Erwerb suchen. So viele Leute könne aber das an und für sich arme Land nicht erhalten. Was die Frage der Schankkonzessionen betrifft, so gebe er zu, daß neun Zehntel der bisherigen Konzessionen in den Händen der Juden gewesen sind. Es gehe aber nicht an, zu verlangen, daß die Abgabe von Schankkonzessionen ins Unendliche gehe, da durch eine zu große Vermehrung dieser Konzessionen in moralischer Beziehung depravierend auf die Bevölkerung gewirkt werde. Im allgemeinen sei er der Ansicht, daß die Schänker zuwarten sollen. Von seiten des Polenklubs würde gewiß alles geschehen, um ihre Lage zu erleichtern. Sie müßten aber berücksichtigen, daß hier auch die Statthalterei ein Wort dreinzureden habe, und eine Aktion keinen Zweck hätte, bevor nicht die Kommission, die zur Feststellung der neuen Konzessionen in der Statthalterei eingesetzt wurde, ihre Entscheidung gefällt haben wird. Dr. Lazarski versicherte schließlich nochmals, daß von seiten des Polenklubs alles geschehen werde, um den unabweislichen Bedürfnissen der galizischen Schänker gerecht zu werden. Die Versammlungen Dienstag nachmittag fanden im „Goldenen Widder" und im „Hotel Central" Massenversammlungen der Schänker statt, um die Berichte der Mitglieder des Jüdischen Klubs entgegenzunehmen. Die Stimmung der Schänker, die durch eine 24 stündige Eisenbahnfahrt abgemüdet, viereinhalb Stunden in der Winterkälte durch die Straßen Wiens marschiert waren, die Nacht vorher kaum geschlafen hatten, war eine verzweifelte. Im „Goldenen Widder'" ergriff einer der Schänker das Wort zu einer flammenden Rede, „Wir können nicht mit leeren Händen und Vertröstungen nach Hause zurückkehren. Was sollen wir unsern hungernden Familien sagen? Wir haben nichts zu verlieren. Sind wir so weit gereist, darin gehen wir noch weiter. Wir wollen alle die Deputation nach Budapest begleiten, wo jetzt der Monarch weilt. Alle nach Budapest zum Kaiser!" Es bedurfte der Kaltblütigkeit des Abgeordneten Adolf Stand, um die erregten Männer und Frauen von ihrem Plan abzubringen. In beiden Versammlungen wurden die Mitglieder des Jüdischen Klubs mit stürmischen Ovationen empfangen. Die „Neue Freie Presse" berichtet hierüber: „Als die Abgeordneten Stand, Dr. Mahler und Dr. S trau eher den Saal betraten, wurden sie mit stürmischen Hochrufen begrüßt und es war rührend, zu sehen, wie sich die Männer und Frauen um die Abgeordneten drängten, ihre Hände zu erfassen suchten und die Abgeordneten beschworen, ihre Intervention zu Gunsten der brotlos gewordenen Schänker fortzusetzen. Abgeordneter Dr. Straucher teilte das Ergebnis der Intervention beim Handelsminister Dr. Weiskirchner und beim Minister für Galizien Ritter von Zaleski mit. Abgeordneter Dr. Mahler schilderte unter fortgesetzten Hochrufen auf den Kaiser den Eindruck, welchen die Antwort des Kabinettsdirektors Freiherrn von Schießl auf die Abordnung gemacht habe. Dr. Mahler sagte unter anderm: „Die brotlos gewordenen Schänker Galiziens blicken mit ihren berechtigten Wünschen zum Kaiser empor, der wiederholt kundgetan habe, daß seinem Herzen alle Untertanen ohne Unterschied des Glaubens gleich nahestehen.u Kanzleidirektor von Schießl habe in wohlwollendster Weise die Huldigungsadresse für den Monarchen übernommen und erklärt, daß der Kaiser in seiner väterlichen Güte?