Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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164 - ülE^ Zur Schänkerfrage Von Doz. Dr. Arthur Mahler, Reichsratsabgeordneter Ja, gibt es überhaupt eine Schänkerfrage? Muß es nicht vielmehr jeder mit Freuden begrüßen, daß die Zahl der Schanker vermindert, diese „Vergiftungsstätten des Volkes" reduziert werden? Und sollen wir Juden nicht im Gegenteil uns freuen, daß, wenn auch mit Gewalt, 10000 Juden aufhören „Vergifter des Volkes" zu sein? Diese und noch eine ganze Reihe ähnlicher Fragen müssen sich jedem aufdrängen, der die Verhältnisse nicht genau kennt. Im Gegensatz zum übrigen Osterreich war der Branntweinausschank in Galizien und der Bukowina kein konzessioniertes Gewerbe, sondern der Propinationspächter, d. h. der Schankrechtsinhaber für einen bestimmten Bezirk konnte so vielen Leuten, als ihm zulässig dünkte, das Recht zum Ausschank erteilen. Dies erlosch mit Ende 1910, und der Betrieb eines Ausschankes ist nun an den Besitz einer Konzession geknüpft, die die politische Behörde (Bezirkshauptmann) erteilt. Entgegen bisher bestandenen 17 000 Schankstellen wurden nun bloß ca. 10000 Konzessionen erteilt, und zwar 7000 an bisherige Schanker, ca. 3000 an neue Petenten. Ca. 10000 der bisherigen Schanker gingen leer aus. Doch wird, um die erste Frage zu beantworten, die Reduktion der Ausschankstellen keine Verminderung des Konsums zur Folge haben, höchstens — und das leuchtet von selbst ein — eine Umsatzsteigerimg der nun bestehenden Konzessionäre, ja, man kann ruhig behaupten, daß die neuen Inhaber einen erhöhten Umsatz erzielen müssen, falls sie bestehen wollen, da sie, mit dem Geschäft völlig unvertraut, mit höhern Spesen arbeiten werden, die nur ein erhöhter Konsum hereinbringen kann. Unter diesen neuen Konzessionären befinden sich sehr viele Bauern. Daß diese ihre Kollegen aber weit leichter zum Trinken bewegen werden als der Jude, leuchtet eigentlich a priori ein. Die erste Frage aber eigentlich, die sich jedem beim Anblick des nun entstandenen Elends aufdrängt, ist: Wie kam es, daß die durch Verlust derKonzessionen betroffenen zirka zehntausend galizischen Schänker sich nicht schon früher um einen andern Erwerb umgesehen haben? Eine Frage, die jedem im Westen so selbstverständlich ist, wie sie für den mit den Verhältnissen im Osten Vertrauten keine Frage ist. Das Land Galizien ist an und für sich heute noch so arm, entbehrt so durchaus der Industrie und des Großhandels, daß es ganz unmöglich ist, größere Menschenmengen unterzubringen. Wenn etwa in Böhmen oder Niederösterreich etwas Ähnliches denkbar wäre, dann würden gewiß viele Hunderte oder Tausende vielleicht als kleine Agenten, als Aufseher oder als Fabrikarbeiter ihr Brot suchen und finden. Das gibt es nun in Galizien nicht. Der einzige Beruf, der eben dem nichtgelernten Mann offensteht, ist der des kleinen Zwischenhandels und des Schänkers. Daß der erstere keinerlei neuen Zuwachs verträgt, erhellt schon aus der einen Tatsache, daß in Galizien jeder sechste Mensch Händler ist. So kam es, daß faktisch unter dem Drucke der Unmöglichkeit die Leute fatalistisch das Herannahen des Erlöschens der Propination erwarteten und daß jeder sich mitderHoffnungschmeichelte, er würde von dem Geschicke nicht betroffen werden. Berücksichtigt muß ferner werden, daß eine große Zahl der nun brotlos Gewordenen alte Leute sind, — manche betreiben das Schankgewerbe :ELT - No. 8 durch über fünfzig Jahre, — und hieraus ergibt sich schon diephysischeUnmöglichkeit, den Beruf zu wechseln. Bei andern wieder, und das sind gerade natürlich die Ärmsten, war der vollkommene Mangel aller Subsistenzmittel die Ursache, daß sie sich an diesen, vielleicht traurigsten aller Berufe klammerten. Diewestlichen Juden haben der Frage nicht teilnahmslos gegenübergestanden, aber angesichts der ungeheuren Zahl der in Betracht kommenden Personen mußte man sich sagen, daß jede Privathilfe versagen müsse und daß nichts erreicht ist durch Mildtätigkeit, etwa durchSammlung von ein paar Kronen. Die Leute wirklich zu versorgen hätte viele Millionen erfordert, die nicht aufzubringen waren. Die Aussichten für die Zukunft scheinen mir sehr trübe zu sein. Es ist gar kein Zweifel, daß ein großer Teil dieser Schänker in die größern Städte ziehen und dort einfach die Zahl der Brot- und Arbeitslosen vermehren wird. Nur ein geringer Bruchteil dürfte zur Auswanderung kommen, denn den meisten fehlen die Mittel dazu. Ein schwerer Schlag ist die Sache übrigens für das Land Galizien; denn sicherlich bedeutet es einen nationalökonomischen Schaden, wenn Tausende von Menschen, die produzieren wollen, dies nicht tun können und doch vom Lande leben müssen. Das Gesetz über die Propinationsablösung wurde zweifellos vor Jahren von höhern ethischen Motiven diktiert. Es liegt mir nichts ferner, als etwa der Alkoholseuche das Wort reden zu wollen; auch ist es mir vollkommen klar, daß das immer weitere Umsichgreifen der Abstinenzbewegung und des Kampfes gegen den Alkohol von selbst zu einer Reduktion des Schankgewerbes führt, ein Resultat das jeder von uns Abgeordneten freudig begrüßt. Was wir aber beklagen müssen, ist einzig und allein der Umstand, daß zur Erreichung dieses Zieles nicht ein minder schmerzvoller Weg gewählt wurde und daß man nicht daran dachte, daß auch Schänkern Hunger und Elend ebenso wehe tut wie andern Menschen! Die Schänkerdeputation in Wien Zu unserrn in der letzten Nummer der „Welt" veröffentlichten Bericht über die Massendeputation der Schänker aus Galizien und der Bukowina in Wien ist noch folgendes nachzutragen: Beim Handelsminister Der Riesenzug der Schanker bewegte sich Dienstag den 14. Februar, früh in Viererreihen, von dreihundert studentischen Ordnern flankiert, in tadelloser Disziplin über die Ringstraße. Dem Zug, den die Mitglieder des Jüdischen Klubs, die Abgeordneten Dr. Straucher, Dr. Mahler und AdolfStand, sowie Abgeordneter Ernest Breiter eröffneten, wurde eine Tafel vorangetragen mit der Inschrift: „Brotlos gewordene galizische Schanker." Im Handelsministerium wurde eine fiinfzehngliedrige Abordnung vom Handelsminister, dem Minister für Galizien und einigen höhern Beamten empfangen. Abgeordneter Stand ergriff das Wort zu einer kurzen Ansprache und übergab der Ministern das Memorandum der Deputation. Namens der Bukowinaer Schänker sprach der Abgeordnete Dr. Strauch er, worauf der Handelsminister erwiderte. Über seine Rede wird offiziös folgendes mitgeteilt: „Anknüpfend an die Ausführungen der Abgeordneten Stand und Straucher, welche die Notlage derjenigen Schänker schilderten, die bisher eine gewerbliche Schankkonzession nicht erhalten hätten, bemerkte der Handelsminister zunächst, daß er im eigenen Namen sowie im Namen seines Kollegen, des Ministers für Galizien, das Wort ergreife und vor allem versichern müsse, daß bei ihnen die