Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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no. 7 —-—:—- die: aber schon ist ein zweiter Dolchstoß des Polenklubs zu verzeichnen. Das Hausiergesetz wurde mit den Stimmen des Polenklubs beschlossen. Freilich Herrn Dr. Kolischer wurde erlaubt, dagegen zu stimmen, aber die Polen stimmten stramm antisemitisch. Der Polenklub als Judenschutztruppe . . . Die Russifizierung der Polen schreitet auch in Galizien vorwärts. Das polnische System beruhte stets auf ungeschriebenen Beschränkungen, wie wir bereits in diesen Spalten ausgeführt haben. Wir meinen das polnische System in der Judenfrage seit dem Verlust der staatlichen Unabhängigkeit und dem Beginn der konstitutionellen Ära. Wo der Russe mit dem Gesetzesparagraphen, mit grausamen Ausnahmebestimmungen, mit der Nagaika grob, brutal, gewalttätig eingreift, verschmäht die polnische Schlachta das ausdrückliche Ausnahmegesetz. Sie schafft nur den tatsächlichen Ausnahmezustand. Fürwahr, die Schlachzizen kennen den Sinn und die Quelle des Rechtes. In den Gesetzen mag es schön freiheitlich und „gleichheitlich" — wenn der Ausdruck gestattet ist — sein. Sie sorgen dann für das nötige Machtverhältnis. Die Ungleichheit soll nicht dekretiert, sie soll tzur Tatsache und Gewohnheit werden. Nun, diese schönen Überlieferungen zerrinnen langsam. Nach so vielen Jahrhunderten staatlichen Zusammenlebens mit den Juden, nach nahezu vier Jahrhunderten hochentfalteter jüdischer nationaler Autonomie innerhalb des polnischen Staates scheinen die Polen erst jetzt bemerkt zu haben, daß in ihrer Mitte ein Millionenvolk von Juden lebt. Der Gedanke, daß diese Millionen ihr staatliches und nationales Recht beanspruchen, dünkt ihnen unerträglich, als ein Anschlag gegen das Polenturn. Und jenseits der Grenze, ebenso wie in Galizien, bekehrt man sich, offen oder versteckt, zum russischen System der geschriebenen Rechtsverweigerungen. Die Rechte der Juden müssen geschmälert werden, damit die Souveränität des Polentums überall, auch wo es keine Polen gibt, gewahrt wird. Eine Illustration zu dieser russisch-polnischen Methode führte Abg. Stand in seiner bedeutsamen Enquete.ede an. Er führte aus: „Im ganzen Lande entstehen Gremien kaufmännischer Vereine. Dieselben sind sehr notwendig und könnten in erheblichem Maße zur Hebung des Handels beitragen. Das von der Zentral regier ung herausgegebene Musterstatut ist objektiv gehalten und beschränkt in keiner Hinsicht die Selbständigkeit der Gremialmitglieder. Nun hat der Gewerbeinspektor für Galizien, Herr Schönet, das Statut mit Zusätzen versehen, welche die Interessen des jüdischen Handels in hohem Grade zu gefährden vermögen. Während das Wiener Statut den Mitgliedern mit Bezug auf die Wahl des Ausschusses völlig freie Hand läßt, finden wir in den Verbesserungen des Herrn Schönet die Bestimmung, daß entweder der Vorsitzende oder dessen Stellvertreter, ferner eine gewisse Anzahl von Ausschußmitgliedern Christen sein müssen, und daß im Falle der Auflösung des Vereins ein Teil des Vermögens christlichen Fonds zufällt. Was soll nun z. B. in Brody geschehen, wo fast sämtliche Mitglieder des Gremiums Juden sind? Um nur Herrn Schönet befriedigen zu können, müssen sie das Präsidium einem Christen übertragen, ob er nun hierzu qualifiziert ist oder nicht." Die „Statutenverbesserungen" des Gewerbeinspektors Schönet sind ein Abklatsch des Gesetzentwurfs über die Gemeindeverwaltung in Russisch-Polen. Oder sie sind ihnen — in der Tendenz — verzweifelt ähnlich. Das bedeutendste Wort hat freilich der Herr Professor und Landesschulrat Sternbach gesprochen. Wir kennen den Professor Sternbach. Es ist der fürsorgliche Vertreter der Judenheit im galizischen Landesschulrat. Diese Körperschaft hat die polnisch-schlachzizische Methode bis zur Virtuosität entfaltet. Es bestehen keine Ausnahmebestimmungen für die Juden. Aber die Verhältnisse schilderte Abg. Stand in seiner Rede in folgender Weise: Er ergänzte den Herrn Dr. Tilles, der auf den faktischen Boykott der jüdischen Lehramtskandidaten hingewiesen hatte. Abg. Stand zitiert nun Ziffern. In den weiblichen Lehrerinnenanstalten sinkt die Zahl der Jüdinnen von 9,3 °o im Jahre 1885 auf 2,2% in den Jahren 1901—1905. Unter 1126 Schülerinnen gab es 25 jüdische Mädchen. Jetzt gibt es in Lemberg überhaupt keine einzige jüdische Seminarisiin, die Jüdinnen besuchen . . Privatlehranstalten. Die Eröffnung von Baron Hirsch-Schulen wird verhindert, zum Teil, weil man jüdische Schulen ungern sieht, aber auch aus Gefälligkeit für den Wunderrabbi von Beiz. In zwei Lemberger Gymnasien mit 75 " o und 90°/.> jüdischen Schülern gibt es keinen einzigen jüdischen Lehrer. In jüdischen konfessionellen Schulen, die nach dem Gesetze jüdische Schulleiter haben müssen, bilden die jüdischen Lehrer nur ein Drittel des Lehrkörpers. Jüdische Volksschuldirektoren gibt es nahezu keine. Es wäre noch hinzuzufügen, daß sich die polnischen Lehrer antisemitische Roheiten erlauben, daß jedes £ELT-----z- _= 149 Bekenntnis zum jüdischen Volkstum streng geahndet wird, daß man die jüdischen Mittelschüler zwingt, anläßlich polnischer Nation tfeiertage Gottesdiensten beizuwohnen, daß man ihnen den Besuch von hebräischen Kursen verbietet, kurz, auf Schritt und Tritt verletzt und schikaniert. Was sagte nun der Hüter der jüdischen Kulturinteressen im polnischen Landesschulrat? Herr Prof. Stern bach sprach ein großes Wort. Unaufgefordert erklärte er gleich am ersten Tage der Enquete, die Juden hätten vorzeitig die gesetzliche Gleichberechtigung erlangt. Das Wort darf nicht vergessen werden. Es offenbart uns die tiefsten, die geheimnisvollsten, die verborgensten Regungen einer Assiniilantenseele, eines polnisch-1 israelitischen Heloten! Wer vermag dieses völlige Aufgehen im „Herrn", diese vorbehaltlose Unterwerfung und Anerkennung der Suprematie des Polentums, diesen inbrünstigen Knechtsinn zu begreifen! Ihr rufet die Gesetze wider die Machtpolitik der Polen an, ihr klaget die Herren der Zurücksetzung, der Zurückdrängiing, der Verschiebung der Machtverhältnisse zu euren Ungunsten an» ihr behauptet, die tatsächlichen, von den polnischen Behörden, von der polnischen Gesellschaft geschaffenen Verhältnisse widersprechen den Gesetzen? Um so schlimmer für die Gesetze! Die tatsächlichen Verhältnisse müssen gerecht sein, wenn ihr mit eurem ganzen Herzen dem Polentuni, der polnischen Souveränität und Vorherrschaft dienen sollt! Und wenn es der Wille der Herren ist, euch Juden zu entrechten, so ist dieser Wille, so ist dieser Zustand der Ungleichheit, dieses Ergebnis der Machtverhältnisse — die Quelle allen Rechtes. Die Gesetze widersprechen den Interessen des Polentums, die die unsrigen sein müssen, sie stehen nicht im Einklang mit den Wünschen der „polnischen Gesellschaft", die von Juden weder verwaltet, noch gerichtet, noch belehrt, noch erzogen werden will. Die gesetzlich gewährleistete Gleichheit und Gleichberechtigung ist daher unhaltbar, nicht die Verhältnisse! So denken die Rosenblatts, wenn auch nur einer den Mut hatte, dies zu bekennen. Vor diesem Abgrund der Knechtseligkeit graute es sogar den hartgesottenen Assimilanten der Löwenstein-Merwinschen Richtung. Stürmisch lehnten sie die Solidarität mit dem gesprächigen Professor ab. Wir aber reihen die Ereignisse des letzten Jahres aneinander, stellen den Ausspruch Sternbachs der Pilgerfahrt Dickstein- Natansohn gegenüber, gedenken des geeinigten Vorgehens Löwenstein-Gomperz-Kuranda gegen das gleiche Recht der Juden Bukowinas — und die Konsequenzen der Assimilation treten uns nicht nur in ihrer psychologischen Verächtlichkeit, sondern in ihrer erschreckenden Realität entgegen. Die Assimilation gibt sich nicht bloß Betrachtungen Sternbachscher Art beschaulich hin. Sie ist entschlossen, überall, wo sie an der Macht ist oder wo sie Naderergift in die Ohren der Machthaber träufeln kann, gegen das gleiche Recht der Juden vorzugehen. Die Israeliten rüsten überall zum aktiven K.impf gegen die Juden. Brief aus Bulgarien In der ersten Hälfte des Monats Januar haben in unserin LanJe die jüdischen Gemeinde wählen unter großer Beteiligung der Wähler stattgefunden. Ein scharfer Kampf zwischen Zionisten und Antizionisten war voraufgegangen, der mit einem vollen Siege der Zionisten auf der ganzen Linie endigte. In Philippopel, in Rustschuk, in Warna, inWiddin, Hascovo und inKüstendil sind es ausschließlich Zionisten, die das Vertrauen der Wähler zu Führern der Gemeinde bestellt hat. Die letzten Wahlen haben den guten Ruf der bulgarischen Zionisten vollauf bestätigt. Im ganzen Lande waren unsere Gesinnungsgenossen rege und rührig und mit Einsetzung ihrer ganzen Kraft an den Wahlkampf herangetreten. Der Wahlkampf in Sofia, auf dessen Ausgang man ganz besonders gespannt war, ist damit eingeleitet worden, daß die vorzüglich organisierte Wählerschaft im Juni 1909 einen 2ionistischen Schulvorstand gewählt hat. Der neugewählte Schulvorstand wiederum hat seine Arbeiten mit einer großen Aktion begonnen. In höflicher, aber entschiedener Weise wurde die Allianz in Paris ersucht, ihre Lehrer zurückzuziehen. Mit Recht wurde darauf hingewiesen, daß eine Gemeinde, die sich ein Gotteshaus für eine halbe Million Francs leisten kann, wohl auch imstande sein wird, aus eigenen Mitteln eine Schule zu unterhalten. Die Allianz ließ sich das nicht zweimal sagen. Zum Direktor der Schule wurde dann vom Schulvorstand Herr Menachem Azari a, früher Redakteur des „Haschofar , berufen. Unter der neuen Leitung ist die Schule vollkommen reorganisiert, dem Hebräischen ein größerer Raum im Lehrplan eingeräumt und auf vielfachen Wunsch sind auch deutsche Unterrichtsstunden eingeführt worden. Inzwischen war der Wahlkanipf in Sofia, den man fieberhaft