Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316469--54281-3348061- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
144 -_ DIE 3 (Dr. Reisner) ruhenden Artikels über den Gegenstand in „The Harvard Theol. Revue" für Janinr 1911 zuzusenden. Eine, wie mir schien, ungenaue und zum Teil irreführende Darstellung im „Berliner Tageblatt" vom 19. Januar d. J. gab mir Veranlassung, in den „Leipziger' Neuesten Nachrichten" vom 23. Januar auf Grund meiner Informitionen einiges richtigzustellen und den wahren Sachverhalt so wie er mir sich darstellte, kurz zu beleuchten. Da nun, bis diese Blätter in die Hände der Leser kommen, auch die Januarnummer der „Harv. Th. Rev." gedruckt vorliegen wird, nehme ich keinen Anstand, hier noch einige nähere Mitteilungen über den Sachverhalt zu machen. Samaria ist bekanntlich eine Gründung Omris, des Vaters Ahabs von Israel. Es führt heute in Anlehnung an seine römische Benennung den Namen Sebastije. Nachdem man schon 1908 und 1909 bedeutende Funde aus der Zeit des Hemdes — deren Spuren jedem, der den Hügel begangen hat, schon an der Oberfläche in die Augen fielen — gemacht hatte, gelang es 1910, weiter in die Tiefe und bis auf den Grund zu kommen. Es fanden sich Palastbauten in mehreren Schichten, die versuchsweise als auf die Könige Omri (889—877), Ahab (877—855 4), Jehu (842—814) und Jerobeam II. (781--740) zurückgehend angesetzt wurden. Daß man damit im ganzen das Richtige getroffen hatte, scheint eine hier gefundene Alabastervase zu bestätigen, die den Namen von Ahabs Zeitgenossen Osorkon II. von Ägypten (874--53), trug. Leider sagt der vorläufige Bericht nicht, in welcher Schrift die Vase sich fand, so daß man nicht ganz genau sieht. Vollkommen klar könnte man überhaupt erst urteilen, wenn man wüßte, wie und wann die Vase hierher kam. Immerhin gibt sie Wahrscheinlichkeitsschlüsse an die Hand, die durch die Ostraka noch gestützt werden. Für die Kenntnis des hebräischen Alteitums von besonderer Wichtigkeit sind nun aber eine große Anzahl von beschriebenen Tonscherben (Ostraka), die in Verbindung mit jener Vase gefunden wurden, somit allem Anschein nach aus der Zeit des Ahab stammen. Die Scherben sind als Scherben, also nach dem Zerbrechen der Gefäße, beschrieben. Es handelt sich also nicht etwa um Kruginschriften, sondern um richtige „Ostraka". Wenigstens sofern die Beschreibung genau ist, woran vorläufig nicht zu zweifeln ist. Die Schrift ist der Größe des Scherbens genau angepaßt, sie wird mehrfach gegen Ende der Linie, also gegen den Rand des Scherbens, gedrängter, und mehrfach ist ein Wort am Rande abgesetzt und auf der nächsten Linie fortgeführt. Die Schrift ist die nordsemitische, genauer die phönikischkanaanitische, wie wir sie aus dem Mesa- und Siloastein und verwandten Denkmalen kennen. Sie ist mit Tinte und Rohrfeder auf den Ton aufgetragen, zeigt aber viel gefälligere Formen und, wie es scheint, schon einen viel stärker kursiven, auf lange Übung im Schreiben deutenden Duktus. Der Berichterstatter stellt sie in ausdrücklichen Gegensatz zu der Schrift der Inschriften und redet von „graceftil curves". Natürlich müßte man erst Abbildungen haben, da eine Neigung zur Kursive schon bei Mesa erscheint. Sie scheint aber erheblich weiter zu gehen, woraus man natürlich bei dem andersartigen Schreibmaterial (Rohrfeder) keinen Schluß auf größere Jugend ziehen daif. Punkte und Striche, wie wir sie auch sonst kennen, erleichtern die Worttrennung und damit das Lesen. Einige Proben: Nr. 5: Im zehnten Jahr. Dem Schemarjau (gehörig'). Vom Hügel. Ein Krug mit feinem Öl. * Der Sachverhalt klingt im höchsten INIalSc auffallend, da solche etwa angebundene oder beigelegte „Begle't scheine" sonst nicht bezeugt sind. Daher haben auch meine beiden auf diesem (iehietc so besonders .sachkundigen Kollegen Dr.Wilcken und Dr. S t e i n d o r f f unabhängig voneinander — freilich noch ohne die genauere J>e Schreibung, wie ich sie hier gebe, zu kennen — an wirklichen Ostraka im engern Sinne gezweifelt und denken an Kruginschriften auf dem Krug selbst. Allein wenn die oben gegebene Darstellung Lyons, die ich, wie gesagt vorläufig nicht anzufechten wage, richtig ist, können wir (zwei Ausnahmen, wo es sich um richtige Krug-Etiketten handelt, abgerechnet) nicht an wirklichen Ostraka zweifeln. Dazu würde auch Nr. 6, falls dort □ y oder etwas ähnliches stand, stimmen. iE LT - __ _ No. 7 Nr. 6: Im zehnten Jahr. Wein vom Weinberg des Hügels. Mit („with" Ey?) einem Krug feinen Öls. Nr. 13: Im zehnten Jahr. Von Abi'ezer. Dem Schemarjau (gehörig;?). Ein Krug alten Weins für Asa. Vom Hügel. Nr. 19: Im elften Jahr. Von Schemida'. Dem Cheles, Aphsak, Ba'ala, Zeker (gehörig?). Die Jahre werden zweifellos als die des regierenden Königs angenommen werden dürfen. Es könnte wohl Ahab gemeint sein. Die Ostraka lassen sich doch wohl nur deuten als eine Art „Zettel" oder „Etiketten", die irgendwie den Krügen beigegeben, vielleicht an sie angebunden waren (Löcher zum Durchziehen von Bast scheinen zu fehlen; sie mögen also als „Begleitscheine" gedient haben). Es scheint sich demnach um ein großes Lager von Öl und Wein zu handeln. Lyon vermutet, wo kein Eigentümer genannt sei, gelte der Palast als Eigentümer, und der „Hügel" sei einer der königlichen Weinberge. Mehrere Namen würden dann wohl gemeinsames Eigentum^verraten. Doch bleibt die Sache vorläufig noch nach mehreren Richtungen unklar. Am liebsten möchte man an Abgaben an den Palast denken. Doch stimmt dazu auch nicht alles. Handelt es sich um ein Warenlager, so könnte das Gebäude doch wohl nicht der Palast sein. Man wird gut tun, die Originalpublikation abzuwarten. Schon das Bisherige zeigt uns, daß es sich um einen Fund vom höchsten Werte für die altisraelitische Kulturgeschichte handelt. Ostraka kennen wir hauptsächlich aus der Ptolemäerzeit in Ägypten. Sie kommen dort aber auch, besonders in der Form von Kalksplittern, was für die Sache nichts ausmacht, schon viel früher und schon im zweiten Jahrtausend v. Chr. vor. Aber sie setzen dort ein schon jange geübtes und ausgedehntes Schrifttum auf Papyros voraus. In Palästina sind Ostraka, jedenfalls in israelitischer Zeit, bisher überhaupt nicht gefunden. Daß wir sie in so früher Zeit und in einheimischer Schrift jetzt vor uns sehen, eröffnet nach mancher Richtung eine ganz neue Perspektive. Ich habe aus andern Gründen (auf Grund eines ägyptischen Papyrus) seit einiger Zeit die bestimmte Vermutung, daß sich ein ausgedehntes Schrifttum auf Papyrus und am ehesten in der einheimischen Schrift für das Syrien und Palästina des ausgehenden zweiten Jahrtausends nachweisen lasse und gedenke mich darüber in Gesch. Israels P demnächst zu äußern. Diese Vermutung erhält hier eine ungeahnte Stütze. Denn auch für Palästina daif angenommen werden, daß für Tinte und Feder nicht der Tonscherbe, sondern Tierhaut und Papier das erste Material waren. Bestätigt sich vollends die Angabe Lyons, daß die Schrift schon stärker kursiven Charakter zeige als die Inschriften, so trifft das Gesagte zweimal zu. Weder die Schrift, noch das Material: Tinte und Feder sind dann um 900 erst aufgekommen, sondern sie setzen längere Übung in Papyrus und damit ein größeres Schrifttum, das vor 90O liegt, jedenfalls für Kanaan, höchst wahrscheinlich, aber auch für Israel voraus. Die Entwicklung wird analog sein wie in Ägypten. Ich halte das zahlreiche Vorkommen von mit Ba'al gebildeten Namen neben JHVH enthaltenden für einen starken Wahrscheinlichkeitsgrund dafür, daß die Ostraka vor Jehu verfaßt sind, und dann am ehesten unter Ahab. Von nicht geringerer Bedeutung ist der Inhalt, und zwar für die Religionsgeschichte. Es sind etwa 75 Ostraka mit Personen- und Ortsnamen. Manche unter ihnen stimmen mit bekannten biblischen Namen vollkommen überein, andere gehen eigne Wege. Namen wie Abie'zer, Achimelek, Achino'am, Ela, Elisa, Asa, Gera, Cheles, Jojada', Jojaschib (vgl. Eljaschib), Jo'asch, Natan, 'Abda, 'Uzza, Rapha, Scheba* sind sofort jedem als biblische Namen bekannt. Ebenso Sikem (SKM). Daneben treten auf Ba'ala, Abiba'al, Ba'alzamar, Ba'aläzakar (vgl. bibl. Sekarjah), Ba'alme'oni (bibl. Ba'alme'on), Gadijau* (bibl. Gaddiel), Jeda'jau (bibl. Jedajah), Meriba'al, Maranjau, Aga(l)ljau**). ** Lyon gibt hier for; es wdrd wohl heißen. Hei Mr. 5 fügt er bei belouyinf}, später nicht mehr. Schade, daß nur Übersetzung vorliegt.