Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 7 DIE2SELT [43 Wortlaut und dem Geist des Gesetzes über die Volkszählung, welches für wahrheitsgetreue Angaben keine Strafen kennt. Sie ist in politischer Hinsicht eine Verletzung der durch die Staatsgrundgesetze garantierten politischen Rechte der Staatsbürger und moralisch gleichbedeutend mit einem Zwang zu falschen Aussagen und wissentlicher Irreführung der statistischen Zentralbehörden. Furcht vor Geld- und Arreststrafen sowie die betrübende Aussicht auf endlose Schikanen seitens der politischen Behörden scheinen die ultima ratio der polnischen Regierungskunst zu sein. Dieser Schreckschuß übte seinen Eindruck zunächst auf unsere „landesüblichen" Assimilanten, welche einen kurzatmigen Aufruf „an die Glaubensgenossen" erließen mit der zitternden Bitte, sich doch wegen des bischen Judentums nicht bestrafen zu lassen, in zweiter Reihe auf den Beizer Zadik, der seinen Verehrern die Weisung erteilte, „polnisch" zu schreiben, obwohl er und seine Scharen vielleicht die einzigen Juden in Galizien sind, die kein polnisches Wort verstehen. — Eine Landesregierung, die wider. rechliche Verfügungen erläßt, eine erschrockene Scharenbande, mit Orden versehen oder nach ihnen lüstern, und ein finsterer Wunderrabbi, der vorn Zionismus den Rückgang seines „Geschäftes" befürchtet, das waren drei gegen das Judentum verbündete Gewalten, vierzig Kronen oder vier Tage Arrest ihr Losungswort. Aber die Zeiten der Gespensterfurcht sind unwiderruflich vorbei. Die anfangs Januar in Lemberg abgehaltene Vertrauensmännerkonferenz faßte nach reiflicher Überlegung den Beschluß, auszuharren. In Aufrufen, in der Parteipresse und auf Volksversammlungen präzisierten wir unsern Standpunkt folgendermaßen: „Wir zwingen niemanden, durch die Annahme der jüdischen Umgangssprache sich und seine Familie Verfolgungen auszusetzen. Wer Grund hat, Strafen zu fürchten, tue, wozu der Zwang ihn nötigt. Nur die mutigen Juden fordern wir zur Ausdauer auf." Das jüdische Volk gab eine klare Antwort. Die armen, abhängigen Juden schrieben „jüdisch", ohne einen Augenblick nachzudenken. Die Behörden antworteten mit persönlichen Vorladungen. Die Juden erschienen, beharrten und empfingen ihre Straferlässe im höchsten Ausmaß mit einer nie dagewesenen Gleichgüiiigkeit. Einmai in zehn Jahren, heißt es im Volkshumor, ist das Judentum 40 Kr. wert. Der Erfolg der Volkszählung ist ein großartiger. Die Festellung der Zahl der Juden ist nicht das wichtigste, obwohl sie eine ungeahnte Höhe erreicht. Hun Jerte von Beamten, Lehrern und Schülern kommen nicht einmal in Betracht. Sie müssen „polnisch" schreiben, weil sie sonst morgen aufs Pflaster geworfen werden könnten. Eine Menge Schanker, die gestern um eine Konzession eingereicht und noch heute auf eine günstige Erledigung hoffen, armer Hausierer, ohne Erlaubnis handelnder Kaufleute, blinder Drehorgelspieler, bei denen das Einziehen der „Erwerbskarten" dem Hungertode gleichkommt, sind ohne Zweifel statistisch zu „Polen" geworden. Viele wurden durch die politischen Beamten verschüchtert oder auf ähnliche Art „überzeugt". Wir wissen es, weisen aber mit desto gerechterm Stolze auf die Hunderte und Tausende von Juden hin, die trotz alledem nicht einen Schritt nach rückwärts taten, In Krakau allein sollen 4000 Familien „jüdisch*4 geschrieben haben; die Zahl der Juden in andern Städten ist bis heute noch unbekannt, jedenfalls aber beträchtlich. Sie wird von den politischen Behörden und der pol* nischen Presse auf hunderttausend angegeben. Galizien sieht wie ein Schlachtfeld aus. Die Landesregierung macht keine Scherze. Der berüchtigte, schleppende Instanzen zug, bei dem früher Jahre verflossen, bis eine Verordnung der politischen Behörde in Rechtskraft erwuchs, hat sich in dem Volkszählun^skampfe in einen wahren Instaiuenexpreßzug verwandelt. Die Rekurse, welche das zionistische Rechtsschutzbureau einreicht, werden in Lemberg postwendend abweislich erledigt. Am 10. Januar wurde die erste Geldstrafe auferlegt, am 30. Januar wurde in Rzeszow die erste Pfändung als politische Strafmaßregel vor genommen, und schon hat sich in Tarnow der erste Verurteilte, ein Doctor juris, zur Abbüßung seiner Arreststrafe gemeldet. Die gesamte akademische Jugend wird diesein Beispiele folgen. Einmal in zehn Jahren, heißt die Variante des Volksgedankens bei der Intelligenz, ist das Judentum vier Arresttage wert. Der Kampf des freien galizischen Judentums um seine Menschen- und Volksrechte wird nicht in Galizien enden. Es wird die Pflicht der zionistischen Parteileitung sein, die Sache in erster Linie vor die Wiener Zentralregierung zu bringen und von ihr ein Machtwort zugunsten der Juden zu erwirken. Inden nächsten Tagen wird auch eine Gesamtklage gegen die Statthalterei beim Reichsgericht anhängig gemacht werden. Wir sind überzeugt, daß man von Wien ans dein Treiben der Landesreg;erung ein Ende machen wird. Sache unserer Reichsratsabgeordneten wird es sein, von der Tribüne des Parlaments aus die Aufmerksamkeit der europäischen Öffentlichkeit auf die Verhältnisse in Galizien zu richten. Der Angstschrei dedarbenden Judentums gelangt nicht an die Ohren dir Geldmiliionäre, der Rui des kämpfenden Judentums wird gewiß an die Millionäre des jüdischen Geistes dringen, wie der Ruf der Finnländer. Wir werden unsere Streitsache vorden höchsten RichterEuropas. vor die öffentliche Meinung bringen. — Uns ist um das Urteil nicht bange, denn mit uns ist die Wahrheit. Die Massendeputation der galizischen Schänker in Wien Wien 14. Februar. (Von unserm Berichterstattern Nachdem schon im Laufe des gestrigen Tages mit verschiedenen Zügen Schänkerabordmmgen eingelangt waren, kamen um 2 Uhr nachts zwei Separat/ügc mit zusammen 2600 Schankern hier an. Die Deputationen wurden auf dem Nordbahnhof von einer nach huncU-rten zählenden Menge empfangen und durch Mitglieder des in Wien vom Jüdischen National verei n gebildeten Empfangskomitees in die bestimmten Quartiere gel eitel. Augenblicklich (11 Uhr vorm.) weilen die Pühner der Deputation beim Handelsminister Dr. Weiß k i r e h n e r. {) ie übrigen Schänker, über 3000 Mann an der Zahl, haben i u einer dichten Kette, die sich vorn Aspernpkd/ bis zur Marxergasse ausdehnt, Aufstellung genommen. (Weitere Nachrichten siehe I.S-h (□□□□□□ w FEUILLETON Merkwürdige Funde im alten Samaria Von Prof. R. Kittel-Leipzig*) Schon vor einiger Zeit hörte ich gerüchtweise von allerlei bemerkenswerten Funden, welche die amerikanische Expedition, die seit einiger Zeit die Städte des alten Sarnaria auszugraben begonnen *) Aus der jüngsten Nummer des (Leipzig). „Theo]. Litteraturblatts" C. A. Ihmels hat, gemacht habe. Ich wandte mich deshalb an eine frühere, seil einiger Zeit wieder in Amerika lebende Zuhöreriii mit der Bitte in; nähere Auskunft. Auf ihre Veranlassung hatte Prof. Lyon von Harvard Cambridge, Massachusets, die Güte, mir die Konvklnr eines von ihm verfaßten, auf Mitteilungen des Leiters der Ausgrabungen .>*