Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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140 SIEGEL! No. 1 Judentumresultiert aus einemnegativenTrägheitsmoment: Er ließ sich nicht taufen. Er ging alljährlich zu den hohen Festtagen mit seinen Söhnen zur Synagoge; — in seinen Witkowitzer Werken wurde seit Jahren prinzipiell kein Jude mehr angestellt. Er verweigerte seinem Sohne hartnäckig die Erlaubnis zur Ehe mit einer Christin und — hißte als Erster die Trauerfahne, als Lueger starb. Er lehnte die Geheimratswürde wegen der katholischen Beleidigungsformel ab — und zeichnete eine große Summe für das Lueger-Denkrnal. Er hatte wenig übrig für jüdische Wohlfahrt — und zeichnete doch öfters für Synagogenbauten. Der Fürstin Metternich gab er alljährlich große Summen für ihre charitativen Zwecke; der jüdischen Gemeinde, die infolge der fortschreitenden Verelendung im zweiten und zwanzigsten Bezirk und des wachsenden Zustromes aus dem Osten mit einem alle Kräfte absorbierenden Armenbudget zu kämpfen hat, zahlte der milliardenreiche Mann, dessen Hinterlassenschaft dem Staate rund 28 Millionen Kronen Erbschaftssteuer bringt, jährlich 12000 Kronen, fügte wohl auch später noch ein paar tausend Kronen zu, als das Defizit ständig wurde. Dafür „ernannte" er einen Kultusrat, der als Rothschilds Almosenier in der Seitenstettengasse saß. Denn der Baron interessierte sich sehr für alles, was in der Kultusstube vorging. * * * Almosenier. Diese eine Bezeichnung erschöpft alles, was über Albert Rothschilds Beziehung zum Judentum zu sagen ist. Er gab an Schnorrer Almosen, richtige Betteigelder. Das berühmte Rothschild-Spital, das sein Vater gebaut hatte, ist durch die Gleichgültigkeit des Sohnes für die Wiener Kultusgemeinde und ihren Säckel eine ständige Last geworden, die den Steuernträgern sich jährlich schwer fühlbar macht. Für die Erweiterung des Spitals zeichnete er 125000 Kr. Die Sorge für die Erhaltung des Instituts selbst blieb weiter der Gemeinde überlassen. Es ist aber dies auch die einzige größere Spende, die er für ein jüdisches Hilfswerk gemacht hat. Bei allen Gelegenheiten pflegte er, wenn man größere Summen von ihm für jüdische Zwecke erbat, zu erwidern: „Ich habe doch Kinder!" Die Rothschilds zu Paris und London haben stets aus der Geschichte ihres Hauses, aus ihrem Adelstitel und der Macht ihres Besitzes die Verpflichtung abgeleitet und erfüllt, das Judentum, so wie sie es auffassen, zu fördern und zu unterstützen. Albert Rothschild hat diese Pflicht nicht gekannt und nicht geübt. Deshalb hat das Judentum nichts in ihm verloren. Eher die Wiener Antisemiten, die das Hinscheiden einer beliebten und erfolgreichen Schreckfigur, aus deren Existenz ihre Agitation stets neue Argumente zog, betrauern. Sie mögen am Rathause die Trauerfahne hissen. Mit den Wiener Machthabern hat Rothschild seinen Frieden gemacht. Und so schritten wohl neben den offiziellen Führern des Wiener Judentums auch die Vertreter der christlich-sozialen Reichspartei hinter seinem Sarg. Zur gleichen Stunde marschierte der Elendzug der galizischen Schänker, der Opfer antisemitischer Brutalität, die von ihren Reichen im Kampf um Brot und Recht im Stiche gelassen wurden, vor dem Handelsministerium auf. Um Rothschilds Bedeutung für das Judentum zu ermessen, denke man an diese beiden Aufzüge. Denn wenn Baron Albert Rothschild j sich an die Spitze einer Rettungsaktion gestellt hätte,!! dann wäre nicht die Expropriation der jüdischen Schänker erfolgt. Am 11. Februar ist in Wien Albert Baron Rothschild im 67. Lebensjahr einem Schlaganfall erlegen. — Albert Salomon Anselm Freiherr von Rothschild wurde am 29. Oktober 1844 als drittes Kind und zweiter Sohn des Anselm Frhrn. von Rothschild und dessen Gattin Charlotte von Rothschild aus der Londoner Linie des Hauses zu Frankfurt a. M. geboren. Der ältere Bruder des Barons Albert ist ihm im Januar 1905 im Tode vorangegangen. Am 22. März 1876 vermählte sich Baron Albert in Paris mit Bettina Freiin von Rothschild, dem ältesten Kinde des Frhrn. Alfons und der Baronin Eleonore von Rothschild aus der Londoner Linie. Sieben Kinder sind der Ehe entsprossen, eines davon, das Mädchen Alice, starb im zartesten Alter. Die übrigen Kinder sind Georg Anselm, Alfons, Luis Nathaniel, Eugen Nathaniel, Valentine Noemi und Oskar; der letztere starb durch Selbstmord am 13. Juli 1909. Die Gattin des Barons Albert, Bettina, ist am 24. März 1892 gestorben. Die Auswanderung nach Palästina über Odessa im Jahre 1910 Die untenstehende statistische Tabelle gewährt einen Überblick über die Auswanderung nach Palästina im abgelaufenen Jahre, über die Zahl der Auswanderer, Alter, Beruf und Beschäftigung, Vermögensverhältnisse derselben (in verschiedenen Kategorien), Herkunft, Ziel und Zweck der Reise und dgl. Um ein richtiges Bild von dieser Auswanderungsbewegung zu bekommen, wird es angebracht sein, das Zahlen Verhältnis der verschiedenen Kategorien untereinander und die diesbezüglichen Änderungen, die im Laufe des Berichtsjahres eingetreten sind, hervorzuheben. Im allgemeinen ging im abgelaufenen Jahre die Auswanderung nach Palästina zurück. Insgesamt reisten im Laufe des Berichtsjahres mit Hilfe des Odessaer Informationsbureaus nach Palästina 1979 Personen (gegen 2459 im Vorjahre). Folgende Umstände verursachten den Rückgang der Auswandererzahl: aj die schwierigen und umständlichen Quarantänebedingungen, denen die russischen Schiffe im Laufe von mehr als sechs Monate unterworfen waren; b) die damit zusammenhängende Erhöhung der Fahrkartenpreise um zirka sechs Rubel pro Karte; c) weil die Behörde dieses Jahr aufgehört hat, den Juden Pilgerpässe für Palästina auszustellen, so daß nunmehr für die Palästinareise der gewöhnliche, sehr kostspielige Auslandspaß erforderlich ist. Von den 1979 Passagieren waren 1253 Personen männlichen Geschlechts 65o/0 und 726 weiblichen Geschlechts 35 0 «. Dem Alter nach lassen sich die Reisenden folgendermaßen einteilen: Kinder unter 15 Jahre 410 21°/o (wie im Vorjahre); Personen von 15 bis 30 Jahren 425 =22°/o (gegen 28 °/o im Vorjahre); von 30 bis 50 Jahren 547 22% (gegen 21°/o); ältere Personen von 50 Jahren ab 606 30% (wie im Vorjahre). Auskunft über ihren Beruf bzw. über ihre Beschäftigung erteilten 619 Personen =32°/0 aller Passagiere (gegen 37°/«» im Vorjahre); darunter waren Handwerker. Arbeiter und Ackerbauer 260 43°o (gegen 47°,o); Handelsleute und Gewerbetreibende 184 29° o (gegen 37 ,}/o); Vertreter der liberalen Berufe 175 =28°/o (gegen 17%). Ober ihre Vermögens Verhältnisse erteiten Auskunft 213 Personen, deren Vermögen insgesamt 1 125 000 Rubel betrug. Auch bezüglich des Zwecks der Reise sind im Berichtsjahre beträgtliche Änderungen im Zahlenverhältnisse eingetreten. Zwecks Niederlassung reisten im Laufe des Jahres 1472 Personen 75 °/o (gegen 65 °o im Vorjahre); zu dauerndem Verbleib aus religiösen Motiven („um die letzten Lebensjahre im heiligen Lande zuzubringen") 151 =8°/o (gegen 21lVVo); zeitweilig als Touristen, um Verwandte zu besuchen, geschäftshalber und dgl. 264= 13 % (gegen 9°/o); eine Lehranstalt zu besuchen, 46= 2lk% (gegen 3l/2u/o); zur Kur 21 l°/o (gegen l/2n/o). Der Herkunft nach lassen sich die Reisenden wie folgt einteilen: Palästinenser (meistens russische Juden, die sich in Palästina niedergelassen halten und nun in Familienangelegenheiten oder geschäftshalber nach Rußland gekommen waren), 164 8°/o gegen 7°/o); aus Südrußland 743 38% (gegen 31 V'o); aus Lithausen .462 22% (gegen 251/2,7o); aus Polen 232 ll(>/o (gegen 19ö/o); laus Bucharah 215 11 % (gegen 7 °/o); aus dem Kaukasus 68 ■4o/o (gegen 5°/o); aus Persien 19=1% (im Vorjahre keiner); aus