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Die Welt · 1911-02-17 · 7 (17.2.1911) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
7 (17.2.1911)
Date
1911-02-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XV. JAHRO. KÖLN, 17. Februar 1911 3D"nn'tf tt"1 No. 7. ALBERT BARON ROTHSCHILD Von Julius Löwy Der liberalen bürgerlichen Presse ward letzten Samstag früh ein großes Ereignis beschert: Albert Baron Rothschild starb an einem Schlagfluß. Dieses Ereignis gibt der Presse Anlaß zu seitenlangen Nekrologen, in denen Albert Rothschild als Finanzkönig, als Schachmeister, Sportsfreund, Amateurphotograph, Kunstliebhaber, Astronom gewürdigt wird. Wir wollen dem Juden Rothschild nähertreten, von unserm jungjüdischen Standpunkt aus. Denn alle die Federn, die" ob freiwillig, ob in gutem Sold, dem jüdischen Leser einen großen Verlust suggerieren wollen, setzen sich doch nur in einer vielleicht unbewußten, vielleicht uneingestandenen Verehrung vor dem großen Besitz an gemünztem Gold in Bewegung, in einer Ehrfurcht, die sich an den abstrakten Begriff schließt, den der Name Rothschild allein darstellt. Den in herkömmlichen traditionellen Unklarheiten lebenden Qhettomenschen ebensosehr wie den alles Jüdische unbarmherzig verfolgenden Antisemiten galt und gilt der Name Rothschild als der Typus, der legitime Vertreter des Judentums. Den einen eine segenspendende Macht, die aus der Fülle irdischen Besitzes den Armen gibt, Verfolgten beispringt, — den andern eine unheimliche, im Golde wühlende geheimnisvolle Gewalt, die mit tausend Polypenarmen nach Geld langt, in nie gestillter Gier aus tausend Augen schaut, in das Leben der Großen wie der Kleinen eingreift. Der Name Rothschild ist im Laufe einer langen Reihe von Jahren zu einer abstrakten Vorstellung geworden. Der Wiener Rothschild! Er war populär durch Tausende von Scherzworten und Anekdoten, die fleißige Skribenten zu Büchern zusammentrugen. Er war der Gegenstand unzähliger Brandreden in Parlamenten und Versammlungen. Wollte Lueger die Juden verhöhnen, so sagte er: Rothschild. Wollten die Sozialdemokraten die Übermacht des Kapitals sinnfällig darstellen, so sagten sie: Rothschild. Viele, nein, alle Angriffe, die dem Schloßherrn von Waidhofen und Langau zuteil wurden, galten dem Judentum, das er in der Meinung jener repräsentierte. Auch wir können wohl den Namen Rothschild als einen Typus nehmen, als eine typische Erscheinungsform der Einwirkung des Milieus auf die Persönlichkeit. Der Name Rothschild hat im Judentum guten Klang. Die Begründer der Dynastie, die Frankfurter Rothschilds, standen treu zu ihrer Nation. Sie waren Juden, sie blieben es. Sie hatten ein volles sympathisches Verständnis "für die Literaturschätze des Judentums, versenkten sich in das Studium altersgrauer Werke, unterstützten die jüdische Wissenschaft. Ihr tief in der Seele wurzelndes jüdisches Empfinden vererbten sie ihren Nachkommen in Frankreich und in England. Es werden viele Augen im heiligen Lande feucht, wenn man den Namen Edmund Rothschilds nennt, des warmherzigen, selbstlosen, immer hilfsbereiten, immer jüdisclisozial empfindenden Förderers des Kolonisationswerkes. Die englischen Rothschilds standen im Kampf um die politische Gleichberechtigung der Juden in der ersten Reihe. Lord Rothschild, das gegenwärtige Oberhaupt der Londoner Familie, nimmt lebhaften Anteil an allen Äußerungen des jüdischen Lebens und trat energisch für seine Stammesgenossen als Mitglied der Alienskommission ein. Der Wiener Rothschild hatte zum Judentum überhaupt kein Verhältnis. Er war — sagten wir oben — ein Typus, nämlich der Typus des Wiener reichen Juden. Das Wesen dieser Stadt, der erschlaffende Einfluß der halb südlichen, halb orientalischen Donaustadt erstreckt sich auch auf den Juden. Wenig ist dem Wiener ernst, nichts schwerer wiegend als die Pflege äußerlicher Dinge. Was anderwärts das höchste und stärkste Ideal ist, die Liebe zur eigenen Nationalität, das ist in dieser Stadt kaum bekannt. Diesem Einfluß unterlag auch der Sproß der alten Frankfurter Familie. Auf keinem Gebiet ist er irgendwie hervorgetreten. Als Mensch war er Erbe. Als Finanzmann war er nichts als ein reicher Bankier. Als Bürger nichts als ein Steuerträger. Ais Jude ein „Parnes". Das Londoner Haus Rothschild hat sich der russischen und rumänischen Juden angenommen und wiederholt die Intervention des englischen Auswärtigen Amtes angerufen. Vom Wiener Haus hat man niemals eine solche Einsetzung der moralischen Machtstellung vernommen. Und doch scheint es, als ob in diesem Manne zwei Wesen vereinigt gewesen wären. Sein Bekenntnis zum

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