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Die Welt · 1911-02-10 · 6 (10.2.1911) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
6 (10.2.1911)
Date
1911-02-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Ncx 6 ÖIE^KI E LT 129 Und so hätte sich denn auch vielleicht die ganze „Bewegung" erübrigt, die die um den „Tiempo" inszenierten, um die Verbesserung der Lebenssituation Rabbi Chajim Nahums zu verhindern. Für Freunde in der Tat ein sonderbares Vorgehen. Man intervenierte gegen die Ernennung bei der Regierung. Man wandte sich mit Briefen und Telegrammen an die ottomanischen Gemeinden, um auch sie in diese Intervention hineinzuziehen. Eine geheimnisvolle, mit „Jüdische Jugend" firmierende Gesellschaft hatte diese sonderbare Aktion übernommen, die aber nicht viel Verständnis bei den Gemeinden fand. Aber es war alles nicht nötig. Die Ernennung erfolgte nicht. Rußland Die jüdisch-polnische Krisis Die Judenfrage in Polen, die in letzter Zeit sehr akut geworden ist, will gar nicht mehr zur Ruhe kommen. Von Tag zu Tag mehren sich die Zeichen höchster Erregung gegen die jüdische Bevölkerung, und den Juden wird der Boden immer heißer unter den Füßen. Die antijüdische Agitation ist bereits vom Königreich Polen nach dem litauischen Gouvernement übergegangen. So hat in Wilna das Organ der polnischen Volksdemokraten „Goniec Wilensky" vor einiger Zeit begonnen, mit Nachdruck für die wirtschaftliche Boykottierung der Juden zu agitieren. Besondern Eifer entfaltete diese Zeitung vor Weihnachten, wo die polnische Bevölkerung in spaltenlangen Artikeln aufgefordert wurde, bei den Juden nichts zu kaufen. Der Wilnaer Korrespondent der „Nowoje Wremia" stellt nun mit großem Bedauern fest, daß diese Agitation die in sie gesetzten Hoffnungen nicht gerechtfertigt hat, da die Bauernbevölkerung hauptsächlich aus Litauern und Weißrussen bestehe, die der polnischen Agitation nicht zugänglich sei. Verhaftungen Aus Warschau meldet die „Vossische Zeitung": In Nowosielce (Gouvernement Radom) wurde nach vorangegangenen Durchsuchungen das ganze jdortige Komitee der Ica verhaftet. Ein Gesuch um Freilassung gegen Kaution wurde abgelehnt. Die Affaire Freudenberg Bekanntlich hat der Gouverneur von Poltawa vor einiger Zeit dem Rabbiner Freudenberg in Krementschug wegen seiner Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation verschiedene Schwierigkeiten bereitet. Zunächst verbot er ihm, sich um die Wiederwahl zum Rabbiner der Gemeinde Krementschug zu bewerben, obwohl er dieses Amt 15 Jahre lang ausgeübt hatte und das Vertrauen der ganzen Gemeinde genoß. Als der Gouverneur sich dann überzeugte, daß die Gemeindemitglieder den Rabbiner Freudenberg trotzdem wiederwählen würden, verfügteer, daß derselbe das Gebiet des Poltawaer Gouvernements für die Dauer von zwei Jahren verlassen müsse. Ferner erwirkte er einen Erlaß des Ministeriums, wonach Freudenberg auch in anderen Städten nicht mehr als Rabbiner fungieren dürfe. — Vor kurzem hat nun Rabbiner Freudenberg vom Minister des Innern die Erlaubnis erhalten, sich in jeder beliebigen russischen Stadt um das Rabbineramt zu bewerben. Jüdische Studentinnen an der Pariser Universität Von den dreißig Frauen, die im verflossenen Jahre an der medizinischen Fakultät der Pariser Universität promovierten, wiren vierzehn Jüdinnen aus Osteuropa (Rußland und Rumänien). Eine russische Jüdin, Savina Aaronovitz, erhielt eine besondere Aiszeichnung bei der Prüfung. Allen diesen erfolgreichen Kandidaten war in ihrer Heimat die Zulassung zum Universitätsstudium wegen ihres Judentums verweigert worden. Die Ausweisungen „Die Vertreibung der Juden aus Rußland" ist der Titel eines aufsehenerregenden Artikels, den die Berliner „Jü dis ch e R un dschau" in ihrer vorletzten Nummer bringt. Der Verfasser des Artikels ist eine hochgestellte jüdische Persönlichkeit in Petersburg, die offenbar mit den Intentionen der russischen Regierung genau vertraut ist. Nach ihm besteht der Plan der russischen Regierung, den sie mit ihrer unaufhörlichen Drangsalierung der Juden verfolgt, in nichts weniger als der völligen Vertreibung der Juden aus Rußland! Wenn man bedenkt, daß allein im Laufe der letzten Jahre zwei Millionen Juden Rußland verlassen haben, so gewinnt die Behauptung des Verfassers, für die er eine Reihe gewichtiger Belege bringt, hohe Wahrscheinlichkeit. Der Verfasser erklärt, es sei noch heute die feste Absicht der russischen Regierung, durch alle ihre Maßnahmen gegen die jetzt sechs Millionen Juden Rußlands das Programm des berüchtigten Pobjedonoszew durchzuführen, der die Judenfrage in folgender Weise „lösen" wollte: „Ein Drittel der Juden soll auswandern, ein Drittel den Hungerstod sterben und ein Drittel sich taufen lassen!" Fürwahr, ein schönes Programm für eine „europäische" Regierung im 20. Jahrhundert! Aus Kiew wird über massenhafte Ausweisungen jüdischer Apothekergehilfen berichtet. Als Grund für die rigorose Maßregel wird eine Senatserklärung angegeben, wonach Apothekergehilfen nur dann das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons genießen, wenn sie sich über ihre Beschäftigung in bestimmten Apotheken ausweisen können. Bekanntlich hat der regierende Senat die Verordnung getroffen, daß die Ausweisung von Kindern, auf welche das Wohnrecht der Eltern nach Auffassung der Behörde nicht übergeht, vorläufig einzustellen sei, bis die Frage ihre prinzipielle Erledigung gefunden hat. Nun hat Vizeminister Kryshanowsky beim Staatsrat gegen diese Senatsentscheidung Verwahrung eingelegt. Es sei gutes Recht der Behörden, die Eltern zu veranlassen, daß sie ihre wohnrechtlosen Kinder selbst „ausweisen"; widrigenfalls müßten sie selbst „wegen Ungehorsam gegen die Verfügungen der Behörde14 ausgewiesen werden. Eine Millionenspende für ein jüdisches Krankenhaus in Petersburg Ein jüdischer Multimillionär in Petersburg hat der jüdischen Gemeinde eine halbe xMillion Rubel für" die Errichtung eines jüdischen Krankenhauses in Petersburg gespendet. Palästina Neues aus Tel^Awiw In der jüngst abgehaltenen Generalversammlung der Bewohner des Jaffaer jüdischen Stadtviertels „Tel-Awiw" wurde beschlossen, die Straßen des neuen Viertels, wie folgt, zu benennen: Jehuda Halevy-, Lilienblum-, Achad Haam- und Haschachar-Straße. Die Bettlergenossenschaft von Jerusalem Wohl in keiner Stadt der Welt gibt es, so erzählt die „Truth", verhältnismäßig so viele Bettler wie in Jerusalem; aber diese „Armen" der heiligen Stadt lassen sich durchaus nicht dazu herab, etwa auf den Straßen die Mildtätigkeit der Passanten anzurufen. Sie haben sich ihren Beruf meisterhaft organisiert und arbeiten nur Engros, wobei ihr Arbeitsfeld sich über die ganze Erde erstreckt. Sie haben das Betteln zu einer Kunst, zu einer Wissenschaft, zu einer Industrie erhoben und eine musterhaft organisierte Genossenschaft gebildet, die mit allen Mitteln und Kunstgriffen das Mitleid guter Herzen hervorzulocken weiß. Der Hauptsitz ist in Jerusalem, wo die Geschäftsführer dieses Verbandes unausgesetzt neue Tricks ersinnen, die sich ausgezeichnet bezahlt machen. Ein ganzes Bureau ist eingerichtet, mit anständig besoldeten Beamten, doppelter Buchführung und einer Reihe von Schreibmaschinen. Überall in der Welt unterhält diese Genossenschaft ihre Agenten und Reisenden, die hohe Gehälter beziehen. Die Aufgabe dieser Auslandsvertreter ist es, in allen Großstädten genaue Informationen über die vermögenden Persönlichkeiten zu sammeln, von denen es sich erwarten läßt, daß eine bewegliche Schilderung der Leiden und Nöten der Armen von Jerusalem eine kiingende Antwort finden könnte. Alle diese Adressen laufen zu Tausenden in Jerusalem ein und sind von genauen Charakteristiken der betreffenden Persönlichkeiten begleitet, so daß bei dem Bettelbrief, der nun verfaßt wird, die Eigentümlichkeiten und Neigungen des Empfängers berücksichtigt werden können und die richtige Seite seines Herzens getroffen wird. Gewöhnlich ist der Bettelbrief dann von einer Erinnerung aus dem heiligen Lande begleitet; meist schickt man getrocknete Blumen mit, die im Garten Gethsemane oder in Bethlehem gepflückt sein sollen. Hin und wieder schickt man auch billige Ölivenholzarbeiten, die ein Bild von den Sachen geben sollen, "die die „Ärmsten der Armen" in Jerusalem mühselig herstellen, „um nicht zu verhungern". Diese Industrieprodukte kommen gewöhnlich aus Marseille. Trotz aller Warnungen und Aufklärungen blüht das Geschäft der Bettlergenossenschaft. Ein großer Teil der ausgesandten Briefe wird beantwortet, und nicht selten damit sogar die Bitte verknüpft, finden Spender der mitfolgenden milden Gabe an irgend einer biblischen Stätte ein frommes Gebet zu sprechen. Die Zahl' der Briefe,

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