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Die Welt · 1911-02-10 · 6 (10.2.1911) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
6 (10.2.1911)
Date
1911-02-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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-128 DIES^ELT No. 6 32000 Männer und Frauen. Dagegen bildeten die im „Lohndienst" stehenden bei den Christen des Landes bloß 31 ° o der Berufstätigen. Das will sagen, daß im Lohndienst relativ viermal soviel Juden beschäftigt sind als bei den Nichtjuden. Tagelöhner im wörtlichen Sinne des Wortes wurden in Österreich (im Jahre 1900) 36657 gezählt. Davon im Handel und Verkehr allein in Galizien mehr als 19000. Die statistische Zentralkommission bezeichnet diese Tatsache ..als den zahlenmäßigen Ausdruck des jüdischen Massenelends Galiziens". Die Herren in Lemberg aber sehnen sich nach einer Vermehrung dieses „zahlenmäßigen Ausdrucks des jüdischen Massenelends". Ein sozialpolitischer Spottvogel scheint die Beschlüsse der Israeliten verfaßt zu haben. Die Juden Galiziens arbeiten auch physisch genug. Man gebe den Tagelöhnern lohnende Arbeit, bevor man an die Vergrößerung ihrer Zahl „schreitet". Vortrag Dr. Pasmanik Im dicht gefüllten Hörsaale 33 derWiener Universität veranstaltete der akademische Verein „Theodor Herzl" am 1. d.M. einen Vortrag desHerrn Dr. Pasmanik über „Sinn der jüdischen Geschichte." Redner führte beiläufig aus: Die jüdische Geschichte in der Diaspora müßte zu den Geschichtsrätseln gezählf werden. Die Lösung dieses Rätsels ist in der ersten Hälfte unseres bodenständigen palästinensischen Volkslebens zu suchen. In dieser ersten Geschichtsperiode war das Judentum schöpferisch. Drei leitende Gedanken beherrschen das jüdische Schaffen: der Gedanke der sozialen Gerechtigkeit, die Idee des diesseitigen irdischen Glücks und das Ideal des völlig autonomen Volkes als Grundlage eines freien Völkerb ündnisses. Das Judentum kannte daher keine Sklaverei und keine Sklavenaufstände, die jüdische Demokratie vermochte Rom zu trotzen. Dieses Schaffen ewiger Werte mußte in der Zerstreuung versiegen. Um seine Eigenart, seine Werte zu erhalten, verzichtete das Volk auf die Würde, auf Rechte und Freiheiten. An Stelle des Schaffens trat das Kommentieren und die Kommentare zu Kommentaren. In den Blüteperioden der Diaspora suchte man das biblische und das palästinensische Judentum mit Plato oder Aristoteles zu versöhnen. Das originelle Schaffen hörte auf, und die Grundgedanken des Judentums begannen zu verblassen. Die Mystik und die Erwartung des Wunders wucherten im geistigen Leben. Der Chassidismus war der letzte Versuch, die Juden zur Freude zu zwingen. Er bedeutete keine Erneuerung der Hauptgedanken des Judentums und entartete, indem er den Mittler zwischen Gott und den Menschen schuf, den Wunderrabbi. Die große französische Revolution brachte uns die neueste Wendung in der Diasporageschichte. Die Juden Westeuropas waren entschlossen, die Würde um jeden Preis wieder zu erlangen, auch um den der eignen Werte. Dieser Kaufvertrag wurde von Napoleon diktiert. Doch die Assimilation war erst in den Anfängen, als sich das Geschrei von der zersetzenden Wirkung der Juden erhob. Die Assimilation kann nicht der Sinn der jüdischen Geschichte sein, denn sie ist der Tod. Auf uns lastet das Verhängnis ewigen Schaffens, dessen nur ein bodenständiges Volk fähig ist. Herr Dr. Pasmanik war Gegenstand lebhafter Beifallskundgebungen. Brief aus Rumänien Von unserm Berichterstatter Der Kabinettswechsel Die liberale Partei hat zu Beginn des Jahres einem konservativen Regime Platz gemacht. Die Juden haben keinen Anlaß, den Systemwechsel zu bedauern. Die Liberalen sind hierzulande freiheitlich nur dem Namen nach und ihre Herrschaft hat uns nur Schaden gebracht. Ihre Gesetzesmacherei war ganz nach russischem und ostösterreichischern Muster gegen die Juden gerichtet die den Liberalen das Sonntagsruhegesetz, die antijüdischen Bestimmungen des Industrie- und Schänkergesetzes, Massenausweisungen, Eindämmung der Arbeitsbedingungen, willkürliche Handhabung der Normen über das Schulwesen, Verfolgung in der Dobrudscha — um nur ein paar Dinge herauszugreifen - verdanken. Der Eintritt in die Gymnasien wurde den Juden von den Liberalen fast unmöglich gemacht. Die Lage der Juden hat sich bis zur Unerträglichkeit verschlimmert. Das neue Ministerium, an dessen Spitze ein uns gegenüber wenigstens einigermaßen vorurteilsfreier Politiker, P. P. Carp steht, zählt auch einige bekannte Antisemiten zu seinen Mitgliedern. Infolgedessen erwähnt das neue Regierungsprogramm die jüdische Frage mit keinem Wort. Da aber die Konservativen die Revision des größten Teiles der von den Liberalen durchgebrachten Gesetze versprachen, so ist eine Besserung möglich. Viel Hoffnung Ial.it uns aber das zwischen Konservativen und Antisemiten abgeschlossene Wahlkartell nicht. Studentenkrawalfe im Jassyer Theater Am 21. Januar sollte am Nationaltheater zu Jassy die Sängerin Franziska Rosau debütieren. Da sie Jüdin ist, beschlossen die antisemitischen Studenten, die von dem bekannten Urrumänen Professor C u z a (einem Zigeuner, dem bekanntlich die österreichische Regierung wegen seiner Hetzereien in der Bukowina den Ausweisungsbefehl zustellte) geleitet wird, das Gastspiel zu verhindern. Der Polizeipräfekt forderte nun den Theaterdirektor auf, Frl. Rosan nicht spielen zu lassen, was der Direktor ablehnte. Am Abend des Gastspiels kam es nun im Theater zu wüsten Szenen. Die akademische Jugend hatte die Galerien besetzt und begann, als die Sängerin die Bühne betrat, zu johlen und zu pfeifen, rief ihr antisemitische Pöbeleien zu und erzwang durch ihren Terrorismus, da die Polizei trotz der angesagten Demonstrationen nicht zur Stelle war, den Abbruch der Vorstellung. Der eiserne Vorhang mußte niedergehen. Voll Freude über ihren Erfolg veranstalteten dann die Studenten einen patriotischen Straßenaufzug, sangen Hetzlieder und insultierten alle Juden, denen sie begegneten. Die jüdische Bevölkerung der Stadt hat sich nun entschlossen, ähnlich wie im Jahre 1908, wo die Studenten die Aufführung des Schauspiels „Manasse" von dem jüdischen Dichter Roman verhindert hatten, über das Theater solange den Boykott zu verhängen, bis ihr Genugtuung gegeben wird. In Telegrammen an den König, den Premierminister und den Minister des Innern haben die Juden die Bestrafung der Schuldigen verlangt. Die jüdischen Studenten erließen einen Aufruf an die jüdische Einwohnerschaft, solidarisch vorzugehen und das Theater nicht mehr zu besuchen. Da hier wie überall das Hauptkontingent des Theaterpublikums sich aus den jüdischen Kreisen rekrutiert, hat das Theater mit einer empfindlichen materiellen Einbuße zu rechnen. Die Direktion hat vorläufig noch nichts getan, um der Sängerin Rosan Satisfaktion zu verschaffen. In zwei Erklärungen der Theaterleitung wird abgeleugnet, daß die lärmenden Demonstrationen eine Beleidigung der jüdischen Nation darstellen. Es wird aber nicht gesagt, ob Frl. Rosan wieder auftreten werde. Der Minister des Innern hat in einem Schreiben an den Bürgermeister von Jassy die Folgen beklagt, die der Krawall hervorrufen werde, und mitgeteilt, daß der König seinen Unwillen über die Manifestation ausgesprochen habe. Erfreulich ist, daß die jüdische Bevölkerung einig vorgeht. Landstreicher Die erste Sektion der Jassyer Kammer, die durch ihre More judaico-Angelegenheiten bekannt geworden ist, hat eine Verfügung erlassen, die den Geist unserer Justiz deutlich charakterisiert. Ein fallit gewordener jüdischer Kaufmann, der nach der Konkursverhängung in Haft genommen worden war, hatte seine Freilassung gegen Kaution beantragt. Sein Verlangen, dem sonst immer stattgegeben wird, wenn eine ausreichende Kaution vorliegt, wurde abgelehnt, „weil der Artikel XV1I1 des Strafgesetzes die provisorische Freilassung von Landstreichern untersagt." Bisher hat man die Juden als Fremde betrachtet und behandelt. Das Gericht stempelt sie nun zu Landstreichern. Rumänien gilt aber überall in der Welt als ein Rechtsstaat. Eine neue jüdische Revue Seit 1. Januar d. J. erscheint in Bukarest eine neue jüdische Revue, die von unserrn Gesinnungsgenossen Herrn Horia Carp, dem ehemaligen Herausgeber der zionistischen Wochenschrift „Mebassereth Zion", ediert wird. Das uns vorliegende erste Heft der Revue „C u 11 u r a" enthält neben einigen sehr interessanten Artikeln auch verschiedene geschmackvoll ausgewählte Illustrationen. Türkei Von unserm Konstantinopeler Berichterstatter Rabbi Nahum wird nicht Senator Die Aufregung über die Ernennung Rabbi Nahums und seine unmittelbar bevorstehende Demission als Großrabbiner war anscheinend ganz vergeblich: er wird nicht Senator. Die Ernennung hatte von vornherein gewisse Schwierigkeiten. Rabbi Nahum hatte nicht das vom Gesetz verlangte Alter. Auch wartete der eine oder der andere von seinen nahen Freunden ihrerseits auf diese Ernennung, deren Förderung sie gerade von ihm erwarteten. Ferner soll es im Senate entschiedenen Widerstand gegen ihn als neues Mitglied der Körperschaft geben. Die Chancen waren also nicht bedeutend.

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