Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Alle Gesinnungsgenossen, die aus den obengenannten Ländern nach Berlin kommen oder hier bereits ansässig sind, werden gebeten" ihre Adresse an Buchhandlung Gonzer in Berlin, Oranienburger Straße 26, einzusenden. Duisburg. Am 24. Januar sprach vor überfüiltem Saale in der Zionistischen Vereinigung der Parteisekretär Herr Curt Blumenfeld über „Die Zukunft der Juden". Herr Blumenfeld legte in l3> stündiger Rede dar, daß die wirtschaftliche Entwicklung unserer Zeit die Position des Juden in der ganzen Welt immer mehr herabdrücke und daß alle Mittel gegen die Judennot gescheitert sind und scheitern mußten mit Ausnahme der planvollen Besiedlung Palästinas. Die Diskussion gab dem Redner Gelegenheit, die Ausstreuungen über eine angebliche Stellungnahme der türkischen Regierungskreise gegen den Zionismus, ferner die Beziehungen zwischen Zionismus und Religion, die Stellung der deutschen Zionisten zu der Jugendvereinsbewegung und die Frage der industriellen Erschließung Palästinas eingehend zu erörtern. Blumenfelds in ihrer vornehmen Objektivität begeisternde Darstellung hinterließ eine außerordentlich tiefgehende Wirkung, weit mehr als der äußere Erfolg, der sich in einer Reihe von Neuanmeldungen zur Ortsgruppe kundtat, erkennen läßt. Frankfurt a. M. Der zweite zwanglose Diskussionsabend über Zionismus und Deutschtum erfreute sich eines starken Besuchs. Herr Dr. iur. J. Gottlieb hatte es übernommen, die Begriffe, die den Gegenstand der Diskussion bilden sollten, nochmals klar zu definieren. Nachdem der Vorsitzende L. Perlmutter die Ergebnisse des letzten Diskussionsabends zusammenfaßte, entwickelte sich eine äußerst lebhafte Diskussion, an der die Herren Spiero, Levigard, Sohlberg, Perlmutter, Haas und der Referent teilnahmen. Offenbaqh. Sonntag den 12. Februar findet im Kaiser- Friedrich-Hotel eine öffentliche Versammlung des Zionistischen Gruppenverbandes für Hessen und Hessen-Nassau statt, in der Herr Dr. jur. J. Gottlieb-Frankfurt a. M. „Zur Judenf rage in Ost und West", Herr Martin Levigard-Frankfurt a. M. über „Der Zionismus, eine Lösung der Judenfrage" und Herr Leop. Perlmutter-Frankfurt a. M. über „Emanzipation und Antiemanzipation" sprechen werden. Österreich Brünn. Jüdisch-akademische Verbindung „Veritas." Die Chargenwahlen: X Ludwig Spitz cand. ing., XX,FX Albin Goldschmiedt ing. ehem. ( X), XXX Alfred Sommer ing. ehem. Wien. Der Arbeitsausschuß der zionistischen Mittelscliüler veranstaltete am 7. Januar im Saale des Zentral Vereins einen gut besuchten Diskussionsabend, der durch einen Vortrag eingeleitet wurde, den Herr Rudolf Glanz Irelt. In der darauffolgenden Diskussion nahm Herr F. Kaplan-Kaplanski das Wort zu einer längern wirkungsvollen Rede, die viel Neues und Lehrreiches den Milteischülern vermittelte und stürmischen Beifall auslöste. Sie gipfelte in dem Wunsche, daß dem Poalezionismus, der die Synthese des Zionismus und des Sozialismus darstelle, seitens der studierenden Jugend mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden möge. Schweden Stockholm. Die hiesige zionistische Vereinigung (Svenska Zionistföreningen) hat beschlossen, zum Zwecke der Verbreitung der Kenntnis des Zionismus und der Stärkung des Volksbewußtseins unter den Juden des Landes eine Bibliothek zu gründen. Da aber die Mittel des Vereins nicht ausreichen, so bittet er hierdurch die zionistische Welt um Unterstützung seines Vorhabens durch Überweisung von Büchern. (Adresse: M. Tarschis, Stockholm, Luntmakaregatan 38.) Wiener Brief Randglossen zur Enquete] Die Beschlüsse der Lemberger EnquSte über die wirtschaftliche Notlage der Juden Galiziens sind ein historisches Dokument. Die Sachverständigen — in ihrer erdrückenden Mehrheit Vertrauensmänner, der politische Troß der polnischen Landesregierung — haben Tatsachen festgestellt, deren Existenz sonst beharrlich geleugnet wird. Es war eigentlich ein Schauspiel von erschütternder Tragikomik. Einer nach dem andern erhoben sich die Israeliten, die, um mit Abg. Dr. Kolischer zu sprechen, „auf dem Boden des Polentums stehen", um auf die ganz kleine Lücke in dem schlachzizischen Regierungssystem hinzuweisen. In aller Bescheidenheit und untertänigster Ergebenheit. Aber mit der Zahl der Reden wuchs auch die Zahl der Lücken im jüdischen Wirtschaftsleben, der feste Boden schrumpfte immer mehr zusammen, es wurde klar, daß große Massen der Juden Galiziens in der Luft schwebend, balanzieren. Kultuspräsident Dr. Tilles bedauert, daß jüdische Lehramtskandidaten keine Anstellung finden. Herr Feldmann lenkt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die wachsende Zahl beschäftigungsloser Juristen. Professor Rosenblatt beklagt den langsamen Forlschritt der Assimilation an die Polen, ach, wenn man den Juden die öffentlichen Ämter nicht verschließen würde! Abg. Dr. Kolischer bezeichnet die Sonntagsruhe als ruinös für Händler, Handwerker und Arbeiter. Abg. Dr. Groß wünscht keine besondern Gesetzesbestimmungen für die Juden, allein die Gewerbegenossenschaften, Innungen und andere Berufsorganisationen verweigern die Aufnahme von Juden und richten das jüdische Handwerk zugrunde. Das sind Nebensächlichkeiten, beteuert ein Sechster, all das verschwindet gegenüber dem unaufhaltsamen Verdrängungsprozeß des jüdischen Handels durch die Konsum- und Absatzgenossenschaften. Auch das ist nicht das ärgste, wendet Abg. Dr. Di am and ein, wenn die Regierung nicht noch obendrein durch ihre Gesetzgebung und Verwaltungspraxis, jede Evolution zur Katastrophe steigernd, auf die wirtschaftlich besiegten, vom Kampfplatz flüchtenden Juden alle Hunde hetzen würde. Das Bild wird immer plastischer, die Mehrheitsquäntchen integrieren sich zu einer Achtung gebietenden Summe von Not und Elend. Es war gut, daß nicht alle 26 Juden gesprochen haben, oder daß nur soviel da waren. Die Flut von Mehrheiten, von unfreiwilligen Bekenntnissen zur Mehrheit könnte sonst die Landtagsstube überschwemmen. Die Enquete ist kostbar, weil sie die Schleier gelüftet und manche Zunge gelöst hat. Wir erfahren, daß die „Zulassung zu allen öffentlichen Ämtern" erst gefordert, daß die „Zugehörigkeit zu sämtlichen Organisationen und Körperschaften", wie „Kredit-, Agrar- und Gewerbeorganisationen" erst „ermöglicht und erleichtert" werden muß. Wir erfahren, wie das anmaßende Fordern des bedingungslosen „Anschlusses" der Juden an die „polnische Gesellschaft" (auch „Verbürgerlichung" genannt!) Hand in Hand geht, mit der Verdrängung der Juden aus Ämtern, Behörden, ganzen Wirtschaftszweigen, Organisationen und Körperschaften, mit der Proletarisierung der Handwerker, Händler, der Intelligenz. Inmitten der bürgerlichen Gleichberechtigung blühen wie Lilien im Verborgenen, Ungesetzlichkeiten und Äusnahmebestimmungen. Die „polnische Gesellschaft" hat für „ihre Juden" einen Ausnahmezustand geschaffen, hat die ökonomische Sonderstellung durch die gesellschaftliche verschärft, die kulturelle Rückständigkeit durch unsinnige Assimilationsexperimente zu verewigen, die Verdrängung auf allen Gebieten zu beschleunigen gesucht. Einer polnischen Assimilation der Juden fehlen alle Voraussetzungen, dieser von den Israeliten heiß ersehnte Anschluß ist nicht zu befürchten, denn die Entwicklung verhindert die ökonomische Angleichung. Es fehlt hier auch die für jede unmechanische, chemische Verschmelzung nötige Wärme. Die Polen stehen kalt bis ans Herz den Juden gegenüber. Wir beklagen dies nicht, wir stellen es fest. Propaganda physischer Arbeit Die Enquete gewährt uns Einblick in die sozialpolitischen Pläne und in die soziologische Einsicht der „maßgebenden Faktoren". Wir konstatieren zwar, daß die gangbarsten Hilfsmittel, die aber deshalb nicht die vernünftigsten sind, von der Enquete aus den „Postulaten" ausgeschaltet wurden. So wurde die Zuführung der Juden zur Landwirtschaft Galiziens nicht „beschlossen". Die marktgängige „Industrialisierung", die oft verlangt wird, deren Wesen aber sehr dunkel ist, schrumpfte zur „intensiven Förderung der Hausindustrie und der Heimarbeit" zusammen. Es entbehrt nicht der Ironie, daß die Befürworter aller Glückseligkeiten der Heimarbeit zugleich die Einführung „moderner, hygienisch einwandfreier Werkstätten" verlangen. Die Ergänzung der Hausindustrie ist nicht überflüssig, ob aber durchführbar? Die schönste Blüte jedoch ist Punkt 9 der Enquetebeschlüsse. Er lautet: „Propaganda zugunsten physischer Arbeit, um die Zahl der Tagelöhner zu vermehren". So berichtet das Organ des Herrn von Löwen st ein. Die Herren sind also der Ansicht, daß die Juden Galiziens physisch wenig arbeiten, die Zahl unserer Tagelöhner dünkt ihnen zu gering. Greifen wir zur Statistik. Nehmen wir, wie die Lemberger Nationalökonomie zu lehren scheint, daß die 29°/o der galizischen Juden, die in der Industrie, d. h. vornehmlich im Handwerk beschäftigt sind, zu den physisch Arbeitenden nicht zu rechnen sind. Gleich diesen 73000 berufstätigen Juden (die noch 160000 Angehörige ernähren) schalten wir die 5047 im Lohnfuhrwerk tätigen Juden (samt 15000 Angehörigen) aus der Zahl der physisch Arbeitenden aus. Halten wir uns nur an die Tagelöhner. Im Lohndienst waren im Jahre 1900 17 °o aller Juden Galiziens tätig oder mehr als