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Die Welt · 1911-02-10 · 6 (10.2.1911) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
6 (10.2.1911)
Date
1911-02-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 6 ■■ - die: findiger Kasuistik abgespeist wurde, den Sinn und das Verständnis für die Natur zu wecken, wenn er den sog. „Perek-Schirah", jenes poetische Erzeugnis der apokryphisch-talmudischen Literatur, das naiven Natursinn und naive Naturfreude atmet, ins Jüdische übersetzt hat, um es weiten Volksmassen zugänglich zu machen, — so wurde er hierzu von interessenloser Ästhetik und ethischem Interesse in gleicher Weise veranlaßt. Instruktives Interesse und Zweckmäßigkeitsgründe waren es auch, die zu jener großen Wandlung in Mendeles Schaffen führten, die die zweite Periode seiner schriftstellerischen Tätigkeit kennzeichnet. Sie waren es, die ihn dazu bewogen, sich dem Jargon zuzuwenden und in der Volkssprache jene Reihe prächtiger Dichtungen zu schaffen, die unvergänglich bleiben werden, solange es einen Jargonleser geben wird. Es war purer Utilitarismus, es war der Wunsch, sein Dichten und Schaffen den breiten Volksschichten zugänglich zu machen und so in die kümmerlichen Behausungen der Ärmsten und Enterbtesten einen Strahl von Licht und Freude zu tragen, die den Autor von „Awoth u-banim" dazu trieben, im Jahre 1869 seine erste Jargondichtung, „Die Taxe", erscheinen zu lassen. Als unbewußtes Motiv dürfte vielleicht dabei auch noch das dunkle Gefühl mitgewirkt haben, daß sich für die realistischen Schilderungen des Lebens die volkstümliche Umgangssprache besser eignet. Hier setzt der große Reformator und Wegweiser an, der die gesamte spätere Entwicklung der Literatur zu neuen Formen, ihre Frische und Natürlichkeit zu allererst ermöglichte. Die kolossale Leistung Mendeles auf diesem Gebiete, die ganze Bedeutung und Ursprünglichkeit seiner reformatorischen Tat kann nur dem ganz einleuchten, der sich kulturhistorisch in jenes Milieu und jene Verhältnisse zu versetzen vermag. Man muß sich das ganze wilde Chaos im Leben und in der Literatur, die ganze abgeschmackte Formlosigkeit in „Stil" und Stoff der zeitgenössischen Schriftsteller vergegenwärtigen, um die überaus komplizierte und künstlerisch gestaltende Leistung so recht zu begreifen, die den vorgefundenen formlosen Wirrwar zur hohen Stufe reiner abgeklärter Kunst erhob. VorMendele war der Jargon nichts als eine Reihe provinzieller vulgärer Dialekte. Niemand fiel es ein, den Jargon ernst zu nehmen. Auch die Schriftsteller, die sich seiner bedienten, betrachteten ihn als notwendiges Übel, als unentbehrliches Sprungbrett in eine schönere Welt und bekundeten offen ihre Verachtung für die Sprache ihrer eigenen Schriften. Es war durchaus keine gewagte Koketterie, keine geschmacklose Laune, wenn nachmals ein jüngerer Dichter, Samuel Frug, der selbst herrliche Jargongedichte schuf, vom Jargon sagte, daß er sich für feinere Literatur ebenso eigne wie etwa eine Nishny-Nowgoroder Balalaika für eine Beethovensche Symphonie. In diesen Wirrwar brachte nun Mendele künstlerischen Sinn und Ordnung. Er veredelte den Jargon und entfernte die Schlacken. Mit Recht hat jemand gesagt: Wenn es allgemein als Mendeles Verdienst anerkannt wird, daß erder hebräischen Sprache den Stil gegeben hat er aus dem Jargon erst eine Sprache gemacht. Und man braucht nicht gerade in den lächerlichen Wahn jargonistischer Heißsporne zu verfallen, die in anmaßender Ignoranz und historischem Stumpfsinn den Jargon zur nationalen Sprache des jüdischen Volkes proklamieren, um es Mendele als Verdienst anzurechnen — wenn man bei eminent künstlerischen Leistungen, zu denen ja die schöpferische Sprachbildung zweifellos gehört, überhaupt von „Verdiensten" reden darf — daß er die volkstümliche Umgangssprache, in der er dichtete, ästhetisch adelte. * * Viel wichtiger und historisch wertvoller sind indes die reformatorischen Leistungen Mendeles auf dem Gebiete der hebräischen Sprache, die in der dritten — wiederum hebräischen — Periode seines Schaffens (seit 1881) zur höchsten Blüte gelangten. Hier gilt Mendele unbestritten als der Schöpfer des neuen Stiles, des lebendigen, dynamischen, anpassungsfähigen Stiles. Und zwar nicht durch willkürliche, unhistorische, £ELT ■ 123 der natürlichen Entwicklung der Sprache widerstrebenden Neubildungen, sondern durch feinfühlige Verwendung, Ausbildung und Ausgestaltung des vorhandenen Wortschatzes, ebenso aber auch durch strenge Ausschaltung des sprachlichen Unkrauts. Mendele, der Stilist, war Totengräber und Schatzgräber zugleich. Er trug den alten, unbeholfenen „Melizah"-Stil mit seinen geschrobenen und gewundenen Redewendungen, die in recht geschmackloser Weise der Bibel entlehnt wurden, endgültig zu Grabe, förderte aber anderseits die verborgenen sprachlichen Schätze des gesamten talmudischen Schrifttums zu Tage und stellte sie in den Dienst des neuen Lebens. Ein feines, intuitives Sprachgefühl, gepaart mit einer ungeheuren Kenntnis des gesamten ältern Schrifttums, ermöglichte es ihm, tiefe Gänge nach der innern Quelle der ursprünglichen Sprachbildung zu graben und charakteristische Sonderheiten zu schaffen, wie sie seine Berufskollegen, die sich unter dem nivellierenden Einfluß von Europas Art und Stil ausgebildet, nie und nimmer hätten schaffen können. Es ist und bleibt das unvergängliche Verdienst Mendeles, daß er die schlichte, geläuterte, fließende Sprache der Misch nah und der agadischen Literatur in unübertrefflicher Weise, häufig in überaus geschickter Aus- und Umbildung für den Dialog und die realistische Lebensschilderung fruchtbar gemacht hat, ohne deshalb auf die hohe Sprache der Bibel mit ihrem edlen Pathos und Schwung zu verzichten. Diese kam in den lyrischen Abweichungen und in den meisterhaften Naturschilderungen zu ihrem Rechte, und nur dem künstlerischen Takt und Feingefühl Mendeles ist es zu verdanken, daß die Gefahr dualistischer Unausgeglichenheit vermieden wurde und daß diese beiden anscheinend grundverschiedenen Sprachelemente — der Bibel und des talmudischen Schrifttums — zu einer schönen natürlichen Harmonie verschmolzen sind. Mendeles Verdienst um die hebräische Literatur liegt indes nicht bloß in der Sti lgebung, sondern in der Form gebung schlechtweg. Er ist der Schöpfer der festen Form in Stil und Bearbeitung des Stoffes. Der größte hebräische Sprachkünstler unserer Tage, Ch. N. Bialik, sagt treffend von Mendele, daß er erst der Schöpfer der Schablone in der hebräischen Literatur wurde, die dem individuellen künstlerischen Schaffen vorangehen muß und es erst ermöglicht. Mendele hat auf diesem Gebiete ganz allein das geleistet, was der form- und sprachbildende Volksgeist im Laufe von Generationen schafft Er hat die chaotische Formlosigkeit gebannt und dem Geistes- und Gemütsleben seiner Generation bestimmte sprachliche Formen verliehen, die der höher differenzierten Empfänglichkeit, der feineren individuellen Konzeption des modernen hebräischen Dichters als feste Basis dienen, auf der er schöpferisch weiter bauen kann. Aber auch in einem andern wichtigen Punkte wirkte er bahnbrechend. Er war der erste in der hebräischen Literatur, der einen frischen Natursinn, eine echte, unmittelbare, große Liebe zur Natur mit sich brachte. Mendeles prächtige Naturschilderungen zeugen von einer wunderbaren tiefen Beziehung zur Natur. Sie atmen eine echte, ureigen jüdische, dem Psalmisten verwandte Liebe zur Natur, die durchaus keine Entlehnung und Übertragung aus der Literatur anderer Völker ist. Eine merkwürdige Verquickung der Landschaftsstimmung und der Seelenstimmung kommt hier zum Ausdruck. Oder aber die Antithesis: der Reiz des scharfen Gegensatzes, des bittern Gegensatzes zwischen der schönen Welt Gottes und der verkümmerten und verdorrten Seele des Ghettojuden. Man denke an die Szene im ersten Kapitel des „Sefer hakabzanim", wo Mendele Mocher Sforirn auf seiner Fuhre auf der Landstraße, von blühenden Feldern und zwitschernden Vögeln umgeben, am Fasttage des 17. Tammus das Morgengebet verrichtet und die liturgischen Elegien über die Eroberung Jerusalems im Singsang herunterleiert. Vielleicht war es'die Liebe zur Natur, die Mendele, dem Schriftsteller, die Liebe zur Natürlichkeit eingegeben und den

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