Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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122 DIE200ELT No. h gewinnen können, wenn die bestellten und bestallten Wächter der Gemeinde nicht bis in die letzte Zeit ruhig die Hände in den Schoß gelegt hätten. Ihre einzige Sorge war, die national-zionistische Opposition niederzuhalten. Wenn man sieht, wie die Priester der mächtigen katholischen Kirche um die Rettung oder Gewinnung des armseligsten Individuums sich abmühen, muß man wirklich staunen, mit welcher Nonchalance unsere Priester zusehen, wie rechts und links der Abfall grassierte. Der frühere Wiener Weihbischof, Dr. Marschall, widmete sich der Taufe der wohlhabenden Juden mit einem solchem Eifer, daß seine Gegner eine Waffe daraus schmiedeten, indem sie mit Recht oder Unrecht — verbreiteten, daß er seine sonstigen Pflichten vernachlässige. Und als Marschall von Rom fallen gelassen wurde, erhob vor allem die liberale Presse ein solches Geschrei, als ob die berühmte Fahne des Fortschritts in Gefahr wäre. In Wirklichkeit war aber Dr. Marschall der eifrigste Protektor des Dr. Lueger, den er in jeder Weise gefördert hatte. Und unsere pontifices? Sie schwiegen und ließen sich weder in ihrer Verdauung noch in ihrem Schlafe stören. Ich kam einst mit einem solchen pontifex zusammen, der mir erzählte, daß er einen getauften Sprößling der Familie v. Guttmann in einem Bade getroffen habe; der junge Mann habe nicht übel Lust gehabt, wieder zum Judentum zurückzukehren. „Und was haben Sie getan?" fragte ich. „Nichts!" war die klassische Antwort. Als Gegenstück will ich nur auf eine Audienz bei dem jetzigen Wiener Oberrabbiner hinweisen. Einige Jungjuden wollten einen jüdischen Turnverein gründen. Sie hielten es für ihre Pflicht, sich dem Oberrabbiner vorzustellen. Dieser tat aber über das Projekt, — das ohne ihn verwirklicht wurde, — sehr entrüstet; wenn die Juden turnen wollen, so sollen sie in den deutschen Turnverein gehen, sagte der Oberrabbiner. Spät, sehr spät entrüstet sich der Oberrabbiner über die Taufseuche. Lange, sehr lange hat er untätig zugesehen. Hat man nicht das Recht, ihm zuzurufen; Tua culpa, tua maxima culpa! Ein begeisterter Jude des alten Schlags, der verstorbene Kultusvorstand S t i a s s n y , hatte in Wien ein Museum für jüdische Altertümer gegründet. Ein solches Museum ist für andere Völker ein Objekt des nationalen Stolzes; bei uns in Wien ist es ohne Schuld des verdienstvollen Gründers zu einem Objekt der nationalen Schande geworden. Baurat Stiassny hat es selbst in seinen Propagandavorträgen in seiner naiven Weise erzählt. Wenn der Museumsdiener in andern Instituten nach Schluß der Besuchsstunden seine Runde macht, so bemerkt er vielleicht zu seinem Schrecken, daß ein oder das andere Stück der Sammlungen fehlt. Anders bei uns. Hier beobachtet er häufig, daß das Museum anonym — Geschenke erhält. Da lag ein altes Gebetbuch in kostbarem Einband, und dort ein wertvolles Stück des jüdischen Ritus, ohne daß der Spender irgendeine Spur hinterließ. Diese anonymen Spender waren getaufte Juden, die mit den religiösen Antiquitäten nichts anzufangen wußten und in einer verlogenen Sentimentalität es dem Museum schenkten. Hüten wir uns, daß nicht die ganze Wiener Kultusgemeinde ein solches „Museum für jüdische Altertümer" wird. Dazu ist aber vor allem vonnöten, daß man Freund und Feind auseinanderkennt. Nicht selten sind in Wien die traurigen Gestalten, die sich unter Juden als Juden und unter Christen als Christen ausgeben. Der Redakteur eines liberalen Tageblattes war aus dem Judentum ausgetreten. Das hinderte ihn nicht, und anderseits verhinderten es auch unsere Kultusstützen nicht — daß er kurze Zeit darauf in der Toynbeehalle einen Vortrag hielt. Ein Bekannter aus dem Kaffeehaus wollte nicht die Gelegenheit versäumen, sich bei dem einflußreichen Herrn in Gunst zu setzen und gratulierte ihm zu dem Vortrag. Er erhielt darauf einen Brief, in dem ihm der Redakteur unter anderem sagte: „Es freue ihn immer, wenn er von den Juden als Jude betrachtet werde." Man ergänze nur den Satz — und von den Christen als Christ, —- und man hat den leibhaftigen Wiener Marranen vor sich. Vor solchen Zwitter- und Molluskenseelen müssen wir uns schützen. Wie und in welcher Form, braucht in diesem Blatte nicht ausgeführt zu werden. FEUILLETON C/ O r □ □□□□□]) O Mendele Mocher Sforim (Schalom Jacob Abramowitsch) Zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag**) Von Dr. M. Glücksohn, Odessa II. Mendele, der Reformator und Lehrer Man würde vielleicht verwundert fragen: Wie, dieser echte Künstler, der die Dinge nur von der episch-plastischen Seite ansieht, der nichts als getreue Naturbilder geben will — was hat er denn mit einem Reformator und Lehrer gemein? Was will er denn reformieren, was lehren? Sind ihm nicht seine Menschen bloße Studienobjebte, dankbare Modelle oder malerische Kuriositäten, an denen sich sein Künstlerauge ruhig heiter ergötzt? Wir wissen bereits, daß dies nicht der Fall ist. Daß Mendele vielmehr an seinen Menschen hängt, sie als Blut von seinem Blute fühlt, trotzdem er sich häufig in bitterm Spott über sie ergeht. Wir kennen ja bereits den Zwiespalt in seiner Seele. Und dieser Zwiespalt äußert sich auch noch in anderer Form. Es ist dies der Zwiespalt zwischen dem freischaffenden Künstler und dem utilitaristisch gerichteten „Maskil", der dem Einfluß der Zeit, der russischen Aufklärung der sechziger Jahre, sich nicht ganz *> Vgl. „Welt" Nr. 4. , , zu entziehen vermochte. Freilich ist Mendele nie jener engbrüstigen Nützlichkeitslehre der gemütlichen „Haskalah" verfallen, die, aus der seicht-rationalistischen Schule Pissarews hervorgegangen, nichts gelten lassen wollte, was nicht in den engen Rahmen nüchterner Zweckmäßigkeiten hineinpassen wollte. Davor schützte ihn schon sein Schönheitssinn. Sein Utilitarismus ist von einer andern Sorte. Das Tendenziöse, Zwecksuchende in seinem Schaffen ist vielmehr auf eine höher differenzierte Empfänglichkeit zurückzuführen, die sich mit dem schönen Schein der Dinge allein nicht begnügt, sondern aus den tiefern Quellen der künstlerischen Konzeption, aus dem wertvollem und tiefern Gehalt der Dinge schöpft. In diesem Sinne darf man vielleicht bei Mendele von einer Synthese zwischen hellenischen Schönheitssinn und ethischem, zwecksetzendem Interesse sprechen. Seine Tendenz ist eben die Schönheit. Wenn Mendele, oder genauer: Abramowitsch, in der ersten Periode seiner literarischen Tätigkeit die „Toldoth hatewah" (Naturgeschichte) geschrieben hat, um in den Ghettojuden, diesen Menschen mit den scharfen Köpfen und den dürrgehaltenen Seelen, deren Geistesleben durch jahrhundertelang mit nichts als spitz-