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Die Welt · 1911-02-10 · 6 (10.2.1911) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
6 (10.2.1911)
Date
1911-02-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Andererseits aber können wir uns selbst keinem Gewissenszwang fügen. Es bleibt daher nur der einzige Ausweg, alle religiösen Fragen vom Parteiprogramm zu streichen und von der Parteiorganisation auszuschließen. Damit ist schon der größte Teil der Kulturarbeit berührt. Sie kann vom Zionismus geleistet werden, und es geschieht dies zweifellos, wenn der Zionismus eine Wahrheit ist und keine Phrase. Aber die zionistische Organisation kann sich mit ihr nicht befassen, weil sie sonst Gefahr läuft, aus der nationalen Bewegung eine religiöse, und zwar eine parteireligiöse, zu machen. Aber noch größer ist die Gefahr für die Kulturarbeit selbst. Ich schäme mich fast, dies erst sagen zu müssen, daß Kulturarbeit nicht auf Bestellung gemacht wird. Wer befähigt ist, geistige Schöpfungen hervorzubringen, wartet nicht, bis diese von ihm verlangt werden. Hingegen ist es ein Unding, solche Arbeit von Parteiwahlen und Abstimmungen abhängig werden zu lassen. Soll der zionistische Kongreß wirklich das geeignete Forum sein für die Entscheidung, ob ein gutes Buch oder ein Kunstwerk durch die zionistische Organisation zu fördern sei oder nicht? Auch die geistige Arbeit braucht einen materiellen Nährboden; dieser kann jedoch nur, soweit es sich um jüdisch kulturelle Arbeit handelt, vom Zionismus und nicht von der zionistischen Organisation bereitet werden. Gerade im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung unseres nationalen Kulturlebens müssen wir die weitgehendste Freiheit für das geistige Schaffen fordern. In der letzten Zeit ist die Forderung stark in den Vordergrund gerückt, die zionistische Organisation müsse tatkräftig die hebräische Literatur und die Verbreitung der Kenntnis der hebräischen Sprache unterstützen. Ich stehe gewiß dem Verdacht fern, daß mir die hebräische Sprache und Literatur gleichgültig wäre. Wenn es sich um die Förderung dieser höchsten nationalen Güter handelt, nehme ich sogar manches mit in den Kauf, was mir unpassend und ungeeignet erscheint. Aber wir müssen doch, so bedauerlich es auch sein mag, mit der Tatsache rechnen, daß wir in der letzten Zeit den sogenannten „Sprachenstreit" bekommen haben. Ich will zu diesem hier nicht Stellung nehmen. Aber so viel ist gewiß, daß, wenn dieser Streit in den nächsten Kongreß hineingetragen wird, dieser unbedingt Schaden leiden muß. Wir erreichen nichts weiter, als daß neuer Zündstoff für den nächsten Kongreß zusammengetragen würde. Ein etwaiges Kompromiß, beide Sprachen gleichmäßig zu berücksichtigen, würde nur die gemäßigten Elemente in beiden Lagern beruhigen. Es gibt jedoch auch extreme Sprachkämpfer auf beiden Seiten, und ihr Losungswort ist: entweder nur hebräisch oder nur jüdisch. Für die hebräische Sprache und Literatur soll bekanntlich eine neue Organisation geschaffen werden, die sogar nichts geringeres plant, als auch die „hebräische Kultur" zu fördern. Diese Organisation ist eine getreue Kopie der zionistischen, die sie in allen Einzelheiten nachahmt, selbst in solchen, die einer kulturellen Bestrebung nicht förderlich sind. Eine solche Organisation, ausschließlich für die Förderung der hebräischen Sprache und Literatur, würde sehr segensreich wirken, wenn sie nach der Art ähnlicher Gesellschaften namentlich in Deutschland ausgestaltet werden sollte. Ich erinnere nur an die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland, und die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, deren Sitz in Berlin ist, die aber die ganze Judenheit umspannt. Durchaus ungeeignet für kulturelle Arbeit ist eine Organisation, bei der so viele Kräfte auf die Agitation und auf die unausbleiblichen Parteikämpfe verwendet werden müssen. In der zionistischen Bewegung ist diese Organisationsform notwendig und auch ersprießlich. Denn in der Agitation selbst, wenn sie vernünftig und ehrlich geleitet wird, liegt in politischer Beziehung eine volkserzieherische Kraft. Zur Förderung unserer kulturellen Aufgaben kann auch ein großer Weltkongreß von Nutzen sein, wie beispielsweise der Weltkongreß für freies Christentum oder der Weltfriedenskongreß. Aber eine Organisation, die einer politischen Bewegung entnommen ist, kann nicht einer Bewegung angepaßt werden, die sich doch nur mit literarischen Fragen zu befassen hat. Aber nichtsdestoweniger würde ich die Sache auf sich beruhen lassen, wenn es mir nicht klar wäre, daß sich die neue Organisation nur auf Kostenderzionistischen entwickeln kann, — oder noch richtiger: die neue Organisation wird die alte schädigen oder erdrücken, sie selbst aber kann auch nicht lange bestehen. Ich beschuldige niemanden, diese Absicht zu hegen. Aber es muß so kommen. Die neue Kulturorganisation und die zionistische Organisation sind, wenn ich mich der spinozistischen Terminologie bedienen darf, zwei Substanzen mit völlig gleichen Attributen, die nebeneinander unmöglich sind. Mir kommt vor, daß man sich in verschiedenen zionistischen Kreisen darüber klargeworden ist; man will nur vorläufig den Streit vermeiden. Ich rate auch nicht zum Streit, aber die Sache muß in breiter Öffentlichkeit mit voller Klarheit behandelt werden. Es ist selbstverständlich, daß wir jedes Unternehmen zugunsten der hebräischen Sprache und Literatur mit Freuden begrüßen, selbst wenn es nur den kleinsten Teil dessen hält und halten kann, was es verspricht. Jedes geistige Saatkorn, das auf dem Boden unserer Geschichte ausgestreut wird, kann in der Zukunft gute Früchte bringen. Aber beginnen wir nicht mit Kongreßspielen, mit Landesorganisationen und Landeskonferenzen und mit Politik vor und hinter den Kulissen. Dort, wo die neue Organisation Boden fassen kann, im europäischen Osten, wird sie der zionistischen Organisation Abbruch tun, der Sache aber, die uns allen heilig sein muß, nicht nützen. Der Zionismus muß sich mit dieser Frage eingehend beschäftigen. Es ist dies eine Bewegung, die wir nicht anders als durchaus freundlich behandeln können. Sie darf aber nicht sich selbst überlassen werden. Der nächste Zionistenkongreß muß Klarheit darüber schaffen, wie sich alle Freunde der hebräischen Sprache und Literatur im Rahmen der gesamten national-jüdischen Bewegung zur gemeinsamen Tätigkeit vereinigen können. Und diese Vereinigung soll nicht etwa das Erbe des Zionismus antreten, sondern in diesem wurzeln, von ihm seine Kräfte ziehen und ihm neue Kräfte zuführen.

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