Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XV. JAHRO. KÖLN, 10. Februar 1911 p-nnb Do"nn4N n""» No. 6. Der X. Kongreß findet von Mittwoch den 9. August (15. Ab) bis Dienstag den 15. August 1911 (21. Ab 5671) im Stadtkasino zu Basel statt. DIE KULTURARBEIT IM ZIONISMUS Von Simon Bernfeld, Berlin Der X. Kongreß, von dem uns nur noch wenige Monate trennen, wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch mit der Frage der Kulturarbeit irn Zionismus eingehend beschäftigen. Es ist dies der Vorzug der geistigen Arbeit, daß sie auch durch Debatten gefördert werden kann, wenn diese von sichern und klaren Gesichtspunkten ausgehen und ein großes Ziel behandeln. Es gab eine Zeit, wo man in zionistischen Kreisen mit Geringschätzung von den Kulturaufgaben der nationalen Bewegung sprach; die Forderungen der „Intellektuellen" waren so ziemlich gleichbedeutend mit nutzlosem Gerede, mit dem nur unpraktische Köpfe ihre Zeit verlieren können. Ich glaube, daß wir von dieser Annahme bereits abgekommen sind. Das wahre Ziel aller nationalen Arbeit ist die geistige Hebung des Volkes, die Förderung des kulturellen Fortschritts. Auch politische und wirtschaftliche Bestrebungen eines Volkes oder einer Volksklasse sind nach diesem Ziele gerichtet. Es gibt keine praktischere Bewegung als die sozialistische, die immer die politische und wirtschaftliche Hebung gewisser Volksklassen fordert und erstrebt. Aber auch sie leistet Kulturarbeit in großem Umfange, und ihr Endziel ist nicht bloß, den untern Volksschichten bessere politische und wirtschaftliche Verhältnisse zu sichern, sondern ihnen an dem kulturellen Gut der Nation und der Menschheit den ihnen gebührenden Anteil zu gewähren. Ich darf wohl als bekannt voraussetzen, daß mir die nationale Kulturarbeit in der zionistischen Bewegung immer am nächsten stand. Damit soll die Bedeutung des politischen Zionismus nicht im mindesten herabgesetzt werden. Die Frage, ob sich der Zionismus mit solchen Arbeiten beschäftigen soll, muß nach meiner Meinijng unbedingt bejaht werden. Noch richtiger aber erscheint es mir, daß diese Frage garnicht gestellt werden kann, da deren Beantwortung selbstverständlich ist. Die nationale Bewegung ging aus dem jüdischen Kulturleben hervor, soweit es unter den ungünstigen Verhältnissen in der Diaspora noch vorhanden war, und muß, wenn diese Bewegung eine tiefgehende ist, zur Stärkung des jüdischen Kulturlebens führen. Dies kann auf verschiedenen Wegen erreicht werden. Die Hauptbedingung dabei ist, daß das nationale Bewußtsein gehoben wird und mit ihm die Wertschätzung des jüdisch-geistigen Lebens, der großen Vergangenheit des jüdischen Volkes. Dann erwachen die nationalen Kräfte, dann befestigt sich in uns die Oberzeugung von der großen Zukunft unseres Volkes. Die kulturelle Arbeit gedeiht und entwickelt sich von selbst, denn sie ist der Ausdruck des nationalen Bewußtseins und die Betätigung der nationalen Kräfte. Zionismus und Kulturarbeit können voneinander nicht getrennt werden. Eine andere Frage aber ist es, ob die zionistische Organisation die Kulturarbeit übernehmen oder auch nur leiten soll. Dies habe ich immer für ungeeignet gehalten, und zwar ebenso im Interesse der zionistischen Bewegung, wie in dem der kulturellen Arbeit. Es läßt sich einmal nicht leugnen, daß religiöse Fragen in die kulturellen stark hineingreifen. Bei uns Juden ist dies sogar in erhöhtem Maße der Fall. Wie wir uns auch zum Judentum als religiöse Erscheinung stellen mögen, wir können doch nicht die Tatsache leugnen, daß wir diesem Judentum in erster Reihe auch unser nationales Dasein verdanken. Wir können es in keinem Falle entbehren, und wir müssen daher auf die religiösen Gefühle aller Juden, die wir doch für unsere Bewegung gewinnen wollen, die weitgehendste Rücksicht nehmen.