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Die Welt · 1911-02-03 · 5 (3.2.1911) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Hakki Pascha erwiderte, daß die Regierung niemals einen derartigen Beschluß gefaßt hätte, und daß keine analoge Order den palästinensischen Behörden erteilt worden sei. Er fügte sehr bestimmt hinzu, daß die ottomanischen Juden, gleichviel an welchem Orte, absolut die gleichen Rechte genießen.wie alle übrigen Ottomanen. „Wenn die Juden Gegenstand willkürlicher Maßnahmen sind, so teilen Sie mir die Fälle mit, unter Angabe der Namen der benachteiligten Personen, der Ortschaft und des schuldigen Beamten; ich werde alsdann nicht verfehlen, eine Untersuchung zu eröffnen und dementsprechend zu verfahren.'* „Ist es wahr", fragte der Großrabbaner, „daß eine Frage dieser Art gegenwärtig irn Ministerrate studiert wird?" „Absolut nicht", erwiderte Hakki Pascha, „es läge auch gar keine Veranlassung vor. Nur mit der Einwanderung beschäftigt sich der Ministerrat. Bis diese Frage durch ein spezielles Gesetz geregelt wird, müssen die frühem Beschlüsse, die die Fremden betreffen, in Wirksamkeit bleiben." Der Großwesir schloß mit der erneuten Versicherung, daß bezüglich der ottomanischen Juden keine Beunruhigung am Platze sei, ihre Rechte seien unanfechtbar. Hierauf gab ihm der Großrabbiner Bericht von einem jüngst geschehenen Vorfall in Merdschajun (Metnee), wo Juden, die seit fünf/ehn Jahren dort ansässig sind, ihres Bodens beraubt worden seien. Eine Djpesche aus Safed hatte diesen Vorfall gemeldet. Hakki Pascha versprach den Minister des Innern wegen dieser Sache zu befragen und nach dem Resultate der Untersuchung zu forschen. Der Großrabbiner hat sich nach Jerusalem um genaue Mitteilungen gewandt, damit der Regierung alle Einzelheiten mitgeteilt werden können. Der Minister des Innern, zu dem sich der Großrabbiner in der gleichen Angelegenheit begab, sprach sich ganz in demselben Sinne aus wie der Großwesir. Rabbi Nahum=Senator Vergangenen Sonntag veröffentlichte die „Jeni Gasetla" die Nachricht, die sich wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitete, daß Rabbi Nah um zum Senator ernannt worden sei. Die „ Turquie" sowie der „Jeune Türe" bestätigten diese Nachricht. Der Großrabbiner selbst bestätigte sie den Besuchern, die authentisches darüber zu wissen begehrten, unter Hinzufügung seines Entschlusses, von seinem Großrabbinerposten zu demiss onieren, weil das Gesetz die Ausübung eines andern Amtes neben dem eines Senators nicht gestattet. Man wird sich also darauf gefaßt machen müssen, eine neue Großrabbinerfrage in der Türkei sich auftun zusehen. In der Partei des Großrabbinats herrscht ziemlicher Unmut über das Ereignis, da ein Teil derselben einen andern an Na Ii ums statt, nämlich Dand Effeudi Molche, den ersten Dragomau an der Hohen Pforte, hatte mit der Senatorwürde beschenkt sehen wollen, und da der andere Teil Rabbi Nahum auch fernerhin auf dem freilich dornigen Großrabbinatssitze erhalten möchte. „Müßte er nicht", so schreibt der „Tiempo', unter allen Umständen und troh aller Hinderniss-e und Gefahren, auf seinem Ehrenposten bleiben, wie der Armeekommandant, der bis zum letzten Augenblick auf dem Schlachtfelde bleibt, wie der Kapitän eines verunglückten (!) Schiffes, der seinen Posten nicht verläßt, ehe er nicht die Rettung des letzten Schiffbrüchigen vollendet gesehen? Müßte er nicht das Beispiel Don Isaac Abrabanels befolgen, der seinen Ministerposten verließ, um den Wanderstab an der Spitze seiner unglücklichen vertriebenen Glaubensgenossen zu ergreifen? „Es scheint jedoch, daß der Großrabbiner Nahum sehr ernste Gründe intimer Natur hat, die ihn bestimmen müssen,dieSenatorwürde anzunehmen, die ihm angeboten wurde. Er mag wohl wünschen alles zu opfern, um nur dem ottomanischen Judentum weiter dienen zu müssen, aber alle OrJfer werden vergebens sein . . . ." Der „Judio" nimmt keine Stellung zu der Frage der Demission, sondern beglückwünscht einfach Rabbi Nahum, daß er einen der höchsten Staatsposten erlangt und damit seine Zukunft sicher gestellt habe. Die offizielle Ankündigung der Ernennung Rabbi Nahums durch Kaiserlichen Irade ist bis jetzt noch nicht erschienen. Wir können es uns also noch versagen, über die bevorstehende Demission des Großrabbiners zu sprechen. Eine erfolgreiche Aufklärung In zahlreiche europäische Blätter war jüngst eine Äußerung des jungtürkischen Führers Kiasim Nami Bei gelangt, die an scharfer Verdammung des Zionismus wohl alles übertraf, was bisher von türkischer Seite her bekannt geworden war. Daß trotzdem an der bessern Einsicht der Jungtürken noch lange nicht zu verzweifeln ist, beweist der Fall eben dieses Kiasim Nami Bej, der in richtiger Weise über das wahre Wesen des Zionismus aufgeklärt, nicht nur eine ganz andere Auffassuug von demselben gewann, sondern diese auch ebenso unumwunden, wie seine erste irrtümliche, aussprach. Die „Revista Populär" in Saloniki, deren Herausgeber die erfolgreiche Aufklärungsmission auf sich genommen hatte, berichtet darüber folgendes: „Mit der Freimütigkeit, die ehrliche und aufrichtige Männer auszeichnet, erkannte Kiasim Nami Bey an, daß er absolut nicht gut über den Zionismus orientiert gewesen sei, daß er keine klare Vorstellung von der Regenerationsarbeit gehabt habe, die in Palästina geleistet wurde und wird, daß er sich mit großer Festigkeit und rücksichtslos als Antizionist erklärt hatte, weil man ihm von einem jüdischen Staat gesprochen hatte; jetzt aber studiere er den Zionismus an seinen Quellen und bereite die Veröffentlichung einer Serie von vier Artikeln über den Zionismus, den Antizionismus, die Assimilation und seine eignen Schlußfolgerungen vor." „Heute schon können wir sagen," fährt die „Revista Populär" fort, „daß Kiasim Nami Bej in vieler Hinsicht die jüdischen Dinge besser versteht als gewisse Juden. Er gibt die Berechtigung der Arbeit für die Aufrechterhaltung und die Entwicklung des jüdischen Lebens zu; was er verlangt ~- und wir alle mit ihm — das ist, daß die Liebe zum Vaterlande in allen Herzen feste Wurzeln schlage, daß jeder mit Freude und Eifer an dem Fortschritt des Vaterlandes teilnehme, und daß wir immer gute Ottomanen seien, wie wir gute Juden sind. Von diesen Prinzipien ausgehend anerkennt Kiasim Nami Bej die Berechtigung der Anstrengungen zugunsten einer bessern Erlernung des Hebräischen und erklärt sich rund heraus gegen die Assimilation. Er behauptet unsere Überlegenheit und will, daß wir selber bleiben zu unserm eignen Wohle und dem unserer Mitbürger. Der ehrenwerte Inspektor des öffentlichen Unterrichts erklärte uns auf das Bestimmteste und Energischste, daß der Zionismus, den er heute besser kenne als viele Juden, für die Türkei weder politisch noch ökonomisch irgendwie gefährlich sei. Das sind seine eignen Worte. „Indessen," sagte er, „könnte der Zionismus, durch die Schuld der antizionistischen Juden, die ihn entstellen und ihn oft ganz und gar nicht kennen, in unserm Lande unter den Türken selbst Antisemitismus hervorrufen. Wenn Juden selber herumgehen, um zu erzählen, daß ihre Brüder Pläne verfolgen, die dem Reich sinteresse zuwiderlaufen, so ist es ja ganz natürlich, daß das starken Argwohn und mißliche Folgen erzeugen kann." Der „Tanin" und der „Tiempo" Eine kürzlich erfolgte Publikation des ..Tanin", die eine Reproduktion der zionisniusfeindlichen Briefe des „Tiempo" darstellte,, hatte eiiKMi unserer Gesinnungsgenossen veranlaßt, dem bedeutenden jungtürkischen Blatte eine Entgegnung zur Verfügung zu stellen. Bei dieser Gelegenheit äußerte sich der Herausgeber des „Tanin44, der bekannte jungtürkische Führer Hussein Dschahid Bej, daß er absolut nicht die Absicht gehabt habe, sich in diese jüdische Frage einzumischen, die er noch nicht studiert habe. Er sei in wiederholten Besuchen von dem Redakteur des „Tiempo" so sehr gedrängt worden, ihm doch die Gefälligkeit des Abdrucks jener Publikationen zu erweisen, daß ersieh schließlich dazu entschlossen habe, um der Sache ein Ende zu machen. Er habe aber damit seine eigne Meinung durchaus nicht manifestieren wollen und bedaure schon heute, nachgegeben zu haben. So wird gegen Juden von Juden gearbeitet! Kleine Nachrichten Im Viertel Asap Kapu zu Starnbul hat sich ein neuer Klub unter dem Namen „Cercle Israelite Ottomarr' gegründet, der für Verbreitung der hebräischen und der türkischen Sprache arbeiten will. — Aus Serres hat der Konstantinopeler „Makkabi" in einem begeisterten Zustimmungsbrief die Mitteilung erhalten, daß eine Reihe dortiger Juden als passive auswärtige Mitglieder dem Vereine beitreten. - Aus Aleppo wird demselben Vereine die Gründung eines dortigen „Makkabi" angezeigt. - In Saloniki hat der Inspektor Kiasim Nami Bej den Kindergarten des Hilfsvereins der Deutschen Juden besucht, und sich an dem dort Geschauten so begeistert, daß er die Mitwirkung der Leiterin, Frl. Chanowitz, für den vom Jungtürkenkomitee zu gründenden türkischen Kindergarten erbat. — Die jüdische Gemeinde zu Adrianopel gründete eine neue Mädchenschule, deren Bau 140 000 Frs. kosten und tausend Schülerinnen beherbergen soll.

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