Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nachbarn und Angriffspunkte für Rußland und England. Und besonders im Hinblick auf England wird man mehr und mehr von Furcht über einen eventuellen gänzlichen Verlust des Irak erfüllt. Die allgemeine Stimmung des Landes gibt der „Tanin" wieder, wenn er melancholisch ausruft: „Stehen wir also wirklich ganz allein in der Welt und bleiben auf uns selbst angewiesen?" Die innere Lage Das Mißbehagen, das seit einiger Zeit die türkischen Völker erfüllt, hat noch nicht abgenommen. „Union et Progres" und Opposition stehen sich feindseliger als je gegenüber. Das Zentralbureau des Komitees in Saloniki hat dieser Tage durch einige Delegierte der Parlamentspartei seine Instruktionen zugehen lassen, die, soviel von ihnen in die Öffentlichkeit drang, nicht auf eine mildere Tonart gestimmt erscheinen. Auf der andern Seite ist der seit Monaten in die rOpposition übertretene Dr. Risa Tewfik Bey in dieser Woche nach Saloniki gefahren, um, wie es heißt, dem Zentralkomitee „Union et Progres" die Gesichtspunkte der Kammerminorität zu entwickeln und eine Verständigung zu suchen. Inzwischen sind verschiedene Vorfälle eingetreten, die eine solche Verständigung erschweren müssen. An die Führer der Opposition sind von unern geheimen Komitee, dessen Charakter nicht bekannt ist, Drohbriefe gerichtet worden, die ihnen ein schlimmes Ende voraussagen, falls sie bei ihrer Stellungnahme verharren, und eine Zeitung der Komiteepartei in Mazedonien hat einen derartig heftigen (Jrohartikel gegen die Opposition losgelassen, daß man schon von neuem das Knattern revolutionärer Gewehre zu hören vermeint. Der plötdiche Tod eines Deputierten in der Kammer, der soeben mit großem Krach aus der Komiteepartei ausgetreten war und der Minorität neue Kraft zu verleihen schien, hat zu den wildesten Gerüchten Anlaß gegeben, die jedenfalls grundlos sind, aber die Stimmung der Bevölkerung treffend beleuchten. Endlich hat die am Epiphaniastage erfolgte Zusammenkunft sämtlicher Christen des Parlaments (nur wenige fehlten) einen tiefen Eindruck hervorgerufen, der sich in äußerst heftigen und drohenden Publikationen der islamischen Presse ausprägte. Was aus alledem hervorgehen wird, läßt sich nicht voraussagen. Aber eine günstige Prognose ist jedenfalls schwer zu stellen. Das Projekt Asiat Nedschib Asfar, der Urheber des großen Charterprojektes, hinter dem, wie jetzt bekannt wird, belgische Kapitalisten stehen, hält sich durchaus noch nicht für geschlagen. Er hat eine Proklamation an dieBevölkerungSyriens und Mesopotamiens gerichtet und in tausenden von Exemplaren verbreiten lassen, in der er die Vorteile besingt, die dem Lande aus der Abtretung der Güter der Zivilliste erwachsen würden. Allein der Widerstand im Lande gegen das Projekt wächst immer mehr. Der Wali von Bagdad, Nasim Pascha, hat sich entschieden gegen seine Realisierung geäußert, und dreißig Notable von Bagdad, haben eine Eingabe an das Ministerium des Innern gerichtet, in der sie sich anbieten, dem Staatsschatze eine Anleihe von fünf Millionen Pfund anstatt der von Asfar angebotenen zweieinhalb Millionen zu gewähren, unter der Voraussetzung, daß sein Projekt unrealisiert bleibe. Übrigens hat der Staatsrat festgestellt, daß der große Reschid Pascha, Wesir Abdul Medschids, seiner Zeit einer englischen Kapitalistengruppe die gleiche Konzession abgeschlagen hatte. Er beschloß deshalb, die betreffenden alten Akten auf die Gründe hin durchzustudieren, derentwegen die Konzession abgelehnt worden war. Öffentliche Arbeiten Die Pläne zu den Bauten folgender Häfen sind bereits fertiggestellt: Rodosto, syrisch Tripolis, Jaffa, Alexandrette, Mersina, Amassia, Heraklea, Dschebanah. Die Pläne folgender Häfen sind noch im Studium: Samsun, Haifa, Tripolis in Afrika, Bengasi, Dedeagatsch, Imeboli. An Irrigationen sind die folgenden vergeben oder in Vorbereitung: .1. Die Ebene von Konia; die Konzession wurde schon unter dem alten Regime verliehen, aber unter dem neuen abgeändert. Die Arbeiten sind im Zuge. 2. Mesopotamien; die Arbeiten des Jahres 1911 werden 800 000 Pfund erfordern und umfassen die Stauwerke und Kanäle von Hindieh, Saklawisch und Habbanieh. Andere Arbeiten sind vorgesehen, die fünf Millionen Ausgaben erfordern werden. Studiert werden noch Irrigationen bei Siwas, Brussaund Karkuk. Vorläufige Kontrakte sind bereits abgeschlossen für die Ebene von Adana, 500000 ha (Konzessionär: die Anatolischen Eisenbahnen); für den Meander 350 000 ha (Türkische Nationalbank); für Tscherschernbe, Kossowa, Bafra und Gedis, zusammen 500000 ha (Französische Straßenbaugesellschaft); für die Maritza 350 000 ha, den Wardar400 000ha, für den Fluß von Serres 150 000 ha, und außerdem die Irrigationen der Bojani und des Sees von Skutari in Albanien (Konzessionär: die französische Gruppe Schneider). Elektrizität. Vergeben sind bereits die Konzessionen auf die Elektrizitätswerke von Konstantinopel und die elektrische Führung, der hauptstädtischen Straßenbahnen. Ausgeschrieben ist die Konzession auf Untergrund- und Hochbahnen in Konstantinopel, ferner die Elektrizitätskräfte für Adana, Mersina, Tarsus und Adrianopel. In Saloniki werden Unterhandlungen für ein neues Straßenbahnnetz gefühlt. Eine Kommission von neun Ingenieuren ist außerdem beauftragt, die Ausbeutung der Wasserkräfte im ganzen Reiche, zuerst in Mazedonien, zu studieren. Über eine elektrische Bahn für Jerusalem ist dem Ministerium ein Kommissionsgesuch zugegangen. Diese soll innerhalb Jerusalems und innerhalb Betlehems verkehren und außerdem beide Städte miteinander verbinden. Das Projekt ist im Studium. Die Installationsarbeiten für die elektrische Beleuchtung von Beirut sind bereits fertiggestellt. Neue Verkehrswege An Eisenbahnen sind unter dem neuen Regime bisher in Konzession verliehen worden die Linien: Panderma-Soma, 109 km; Kilometergarantie verbürgt für die ersten zehn Betriebsjahre; die technischen Studien sind fast beendet. Baba-Eski-Kirkkirsse,'; 45 km, die technischen Studien sind beendet. Tripoli-Horiis, 102 km, ohne Kilometergarantie; diese Linie, sowie das neue Stück der Bagdadlinie zwischen Bulgarien und Ulu-Nischea, werden wahrscheinlich Ende Februar eröffnet. Konstantinopel-San Stefano, Gleiseverdoppelung. Djebana-Hode'fda-Hadschile, die Arbeiten beginnen in einigen Tagen. Zur Vergebung öffentlich ausgeschrieben wurden die Linien: Samson-Haffa, 94 km der Samson-Siwas-Linie; die Arbeiten beginnen in Monatsfrist, der Staat baut die Strecke in eigener Regie. Karaferia-griechische Grenze, 150 km. Ibli-Awlona mit Zweiglinie nach Janina. Im Stadium der Vorstudien und Feststellung der Pläne befinden sich die Linien: Angora-Siwas, auf 300* km hinaus sind die Studien bereits beendet. Trapezunt-Erserum, vollendet. Demir-Hissan-Dschumai'-Bala. Kumonowa-Egri-Palonga, in Vorbereitung. Üsküb-Debre-Schenglne, ebenfalls in Vorbere tung. Drama-Kavalla, 40 km; über diese Strecke wird verhandelt. An Straßen- und Brückenbauten sind vergeben worden: 10000 km Reichswege, in zehn Lose aufgeteilt, an verschiedene Unternehmergesellschaften. 232 km Provinzstraßen bereits vollendet, und 172 km mit gewalztem Stein werk bedeckt, außerdem noch 500 km in Ausführung. 808 km Wege sind terrassiert, verbreitert oder verbessert worden. 609 Brücken wurden neu gebaut und 802 andere ausgebessert. Diese Arbeiten kosteten über vier Millionen Franken und übersteigen, obwohl sie in, nur acht Monaten ausgeführt wurden, bedeutend alle ähnlichen Arbeiten der letzten Jahre zusammengenommen. Von der Hedschasbahn Da der gegenwärtige Zugverkehr auf der Hedschasbahn für die Beförderung der Pilger nicht mehr ausreicht, hat das Direktorium beschlossen, einen Nachtzug in den Fahrplan einzulegen und hat die Autorisierung des Wilaiets Syrien zu diesem Zwecke nachgesucht. Die Frage der jüdischen Einwanderung Der „Stambul" und die „Turquie" brachten dieser Tage Mitteilungen folgenden Inhalts: Die Einwanderung und der Bodenkauf in Palästina ist zwar Fremden verboten, doch ist seit Aufhebung der Inlandspässe das Verbot nicht beachtet worden (?). Infolgedessen ist ein Gesetz zur Sicherung der alten Verbotsbestimmungen ausgearbeitet und dem Qroßwesirat unterbreitet worden. Demgegenüber weiß die „Aurore" folgendes zu berichten. Vergangenen Mittwoch begab sich der Großrabbiner zum Großwesir, um ihm von den zahlreichen Klagen Mitteilung zu machen, die er aus Palästina erhalten habe über die enormen Schwierigkeiten, die die Behörden des Landes den ottomanischen Juden in bezug auf den Landkauf bereiten. Er stellte die Frage, ob diese Schwierigkeiten die Folge von Instruktionen der Regierung seien.