Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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110 die Hagelt v No. 5 Palästina Aus Tel-Awiw Der „Osmanische Lloyd", das deutsche Blatt Konstantinopels, enthält in seiner Ausgabe vom 28. Januar einen Brief aus Jaffa, in welchem zuerst von der Absetzung des Bürgermeisters Alphonse Roch und des Kaimakams Halil Bej berichtet wird. Weiter wird in dem Artikel das folgende, unsern Lesern zwar nicht neue, aber immerhin durch den leisen Unterton des Bedauerns interessante Stimmungsbild entworfen: „Als unliebsame Konkurrenz für die Kutscher, welche auch mit einem in französischer und arabischer Sprache aufgelegten Tarif beteilt wurden, besteht seit einiger Zeit eine Omnibusverbindung, dank welcher man für bloß 20 Para nach dem neuen jüdischen Stadtteil „Tel-Awiw" fahren kann. Wo vor einem Jahre noch eine öde Sandwüste lag, erhebt sich heute der schönste, mit allem modernen Luxus und Komfort ausgestatteten Stadtteil Jaffas, welchem die Juden den vielsagenden Namen „Tel-Awiw", d. h. „Hügel des Frühlings" beigelegt haben. Schöne freundliche Häuser, etwa fünfzig an der Zahl, winken uns aus lieblichen, im Entstehen begriffenen Gärtchen entgegen. Den Hauptplatz nimmt das weithin sichtbare hebräische Gymnasium .Herzlia" ein, ein imposantes, zweistöckiges Steingebäude, zu dessen Aufbau Herr Jakob Moser 125 000 Franken gestiftet hat. Durch einen Wasserturm ist für den nötigen Wasserbedarf der neuen Kolonie gesorgt, die nun zum Wohnort der bemittelten Juden geworden ist. Es war dieser neue Stadtteil bei der herrschenden Wohnungsnot zu einem dringendeu Bedürfnis geworden. Die Juden, deren Zahl in Palästina immer im Wachsen begriffen ist, geben der übrigen Bevölkerung — man mag sich zur Judenfrage stellen wie -man will — ein gutes Beispiel auf kulturellem und kolonisatorischem Gebiete. Bei einem Vergleiche mit den deutschen und den übrigen Kolonisten muß natürlich in Erwägung gezogen werden, daß die Juden in bedeutender Überzahl sind und daß sie in ihren Bestrebungen in finanzieller Hinsicht reichlich unterstützt werden durch Großkapitalisten und verschiedene ihren Zielen dienenden Fonds. Für das gesellschaftliche Leben in Jaffa verspricht die unter der Leitung der Frau Dr. Ruppin entstandene Musikschule neue Anregung, durch zu erwartende musikalische Veranstaltungen und Konzerte. Es wurden für die Musikschule, in welcher theoretische und praktische Kurse in Instrumentalmusik und Vorlesungen über Musiktheorie und Musikgeschichte stattfinden, fünf neue ausländische Kräfte gewonnen und zwar Herr Hammerschlag und Frl. Weitzmann für Klavier, Hopenko, ein Schüler des Prof. Martian, für Violine und Herr Karczewski für Chor und den theoretischen Teil. Es ist auch freudig zu begrüßen, daß die von Dr. Wiesel geleitete Internationale Buch- und Kunsthandlung hier eine Filiale errichtet hat. Auch auf diesem Gebiete, in der Presse, sind uns hier die Juden leider weit über. Sie geben hier und in Jerusalem verschiedene Zeitungen und Zeitschriften heraus. Die Zeitung „Haor" erscheint in Jerusalem täglich, „Hacherut" dreimal wöchentlich, „Moriah" einmal in der Woche; die vierzehntägig erscheinende Zeitschrift „Hapoel-Hazair" in Jaffa vertritt die Interessen der Arbeiter, während „Hachinuch" pädagogische Ziele verfolgt. Seit einiger Zeit erscheint in Jerusalem auch ein französisch-englisches Blatt „La Verit6-The Truth", welches zweimal wöchentlich ausgegeben wird. (Es erscheint auch in hebräischer Sprache. Anm. d. Red.) Auch zwei Verlagsunternehmungen haben die Juden in Palästina." Organisation der Jaffaer jüdischen Gemeinde Jaffa, 17. Januar. Die Organisation unserer Gemeinde, die bereits vor anderthalb Jahren begonnen hat, macht gute Fortschritte. Zur Erörterung dringender Verhältnisse des Gemeindelebens wurde gestern eine Volksversammlung einberufen. Die Versammlung, die von Hunderten von Aschkenasim und Sefardim besucht war, sprach einstimmig ihre Anerkennung über die bisherigen Leistungen des Waad-ha-ir aus und beschloß, daß neben diesem Waad, dem hauptsächlich finanzielle, humaniäre und soziale Aufgaben obliegen, noch ein Komitee für die religiös-rituellen Angelegenheiten eingesetzt werde. Heute hat sich bereits dieses Komitee konstituiert. Fortbildung der hebräischen Sprache Jerusalem, 20. Januar. 30 Jahre sind bereits dahingegangen, seit Ben-Jehuda die Parole der Belebung der hebräischen Sprache gegeben hat. Die Lehrer waren die ersten, die ihm Gefolgschaft leisteten und seiner Idee zum Teil mit großen Opfern zum Siege verhalfen. Bei diesem Versuche stellte sich jedoch bald heraus, daß der vorhandene Wortschatz, der ja zumeist der literarischen Sprache entnommen wurde, für die Umgangssprache bei weitem nicht ausreichte. Man ging daher bald an die Fortbildung der Sprache, indem man einerseits eine Reihe von Wörtern, über deren eigentlichen Sinn man sich nicht einigen konnte, als Benennungen ür gewisse neue Begriffe und Gegenstände festlegte. Anderseits scheute man sich auch nicht vor Neubildungen, die in zahlreichen Fällen prägnant und gelungen, vielfach jedoch Mißbildungen sind. Um nun in dieses für die Zukunft unserer Sprache so wichtige Gebiet S)^stem hineinzutragen, hat sich ein Komitee von Philologen und Lehrern gebildet, das aus folgenden Herren zusammengesetzt ist: Ben-Jehuda, Dr. Tortschyner (Lehrer am Gymnasium in Jerusalem), Jellin, Dr. Masie, Dr. Rabin, Lipschütz, Suta, Mejuchas und Pines. In Jaffa hat sich bereits ein Subkomitee aus folgenden Herren gebildet: Safir, Rabbinowitz, Dr. Metmann, Kritschewsky, Guttmann und Harari. Museum in Jerusalem. Jerusalem, 2 0. Januar. Vor einiger Zeit ging durch die lokale Presse eine Mitteilung, daß die Regierung ein palästinisches Museum in Jerusalem zu schaffen gedenkt und zu diesem Behufe die in Konstantinopel aufbewahrten antiken Funde herschicken wird. Indessen dürfte bis zur Verwirklichung dieses Planes noch eine längere Zeit verstreichen. Inzwischen schreiten jedoch die Vorbereitungen zur Ausgestaltung des am Bezalel bestehenden jüdischen Museums vorwärts. Insbesondere hat sich in dieser Richtung der junge Zoologe Ahyrony, der über seine Expeditionen in der Wüste in der Palästinanummer der „Welt" sich verbreitet hat, sehr verdient gemacht. Als erste Frucht dieser Expedition hat er diese Tage dem Bezalel 350 Exemplare verschiedener palästinensichen Vögel und 15 Arten von Säugetieren übergeben. Aus Jemrna Jemina, 20. Januar. Unsere Kolonie, die östlich von Kinereth, westlich von Sedschera und Mescha, südlichyvon Milhamiaum geben ist, bildet die größte jüdische Siedlung in Untergaliläa. Es gibt jetzt bei uns 46 Wirtschaften, denen 25 Pächter und 21 Kolonisten vorstehen. Am besten geht es den Kolonisten, die vor acht Jahren, zur Zeit der Gründung der Kolonie, von der Ica mit 300-400 Dunam guten Ackerbodens, wie auch mit den nötigen Wirtschaftsgebäuden versehen wurden. Nur zwei Kolonisten haben ihre Wirtschaften mit eignen Mitteln erworben. Das liegt zum Teil daran, das die Ica als philanthropische Gesellschaft in frühern Jahren ausschließlich arme Leute anzusiedeln bestrebt war und ungern ihren Boden an Leute des Mittelstandes verkaufte. Minder gut situierl sind die Pächter. Sie haben von der Ica nur ca. 250 Dunam erhalten, die meist nicht von hervorragender Qualität sind und auch zu weit von der Kolonie liegen, was bekanntlich den landwirtschaftlichen Betrieb ungemein verteuert. Auch sind sie verpflichtet, jährlich einen Pachtzins von 250 Frcs. zu zahlen. Dazu kommt, daß es noch einigen von ihnen an den nötigen Wirtschaftsgebäuden fehlt. Das vergangene Jahr brachte keine befriedigende Ernte, sodaß die Pächter nicht in der Lage waren, für den Betriebsfonds aufgenommene Anleihen zu begleichen, und in große Verlegenheit gerieten. Die Kolonisten jedoch, die außer Ackerbau noch Vieh- und Geflügelzucht, wie auch Gemüsebau betreiben, sind von der ungünstigen Ernte weniger betroffen. Dank der großen Einwohnerzahl in unserer Kolonie hat jeder Kolonist relativ geringe Ausgaben — ca. 100 Frcs. jährlich — für die Gemeindespesen zu tragen. Allerdings ist zu beachten, daß die Ica außer sämtlichen Ausgaben für die Schule noch 5000 Frcs. jährlich für alle andern Ausgaben der Kolonie beisteuert. In diesem Jahre hat die Administration ein neues Schulgebäude für ca. 15000 Frcs. und ein aus drei Zimmern bestehendes Krankenhaus erbaut. Als Arzt wurde Herr Dr. Chefez, augenblicklich Regierungsarzt in Rußland, engagiert. Nach seiner Ankunft soll das Hospital in Betrieb gesetzt werden. Regen in Palästina Nachdem in Jerusalem die Not infolge des Regen mangels aufs höchste gestiegen war, ging endlich Freitag den 13. und Samstag den 14. v. M. ein ausgiebiger Regen nieder, der die Zisternen wiederfüllte und der unerträglichen Trinkwassernot ein Ende machte. Der Preis für Wasser hatte bereits eine für die ärmeren Bevölkerungskreise unerschwingliche Höhe erreicht, und auch sonstige Lebensmittel waren infolge des Regenmangels immer teurer geworden. Für die Landwirtschaft bedeutet der jüngste Regen ebenfalls eine Erlösung, da der Ackerboden im ganzen Lande vollständig verdorrt war und man für die nächste Ernte die schlimmsten Folgen befürchtet hatte. Von der Bezalel=Kolonie in Ben=Schamen . In der Kolonie der jemenitischen Filigranarbeiter, die der Bezalel auf dem Boden des Jüdischen Nationalfonds in der Nähe des Herziwaldes bei Lydda eingerichtet hat, ist man gleich nach der Einweihungsfeier an die Arbeit gegangen, und die neuen