Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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106 DIE^qKeLT No. 5 begeisterten Publikums schloß er seine mehr als einstündige Rede. Hierauf betrat das Podium, von großem Beifall empfangen, das beliebte Mitglieddes hiesigen Stadttheaters, Herr Alfred Viebach, der mit ausgezeichneter Kunst und feiner Pointierung mehrere Gedichte jüdisch-historischen und jüdisch-legendarischen Inhaltes rezitierte. Den Abschluß der Feier, mit der die Veranstalter und Besucher, die in ungemein großer Anzahl erschienen waren, in jeder Hinsicht zufrieden sein können, bildete die Gesangsnummer der am hiesigen Stadttheater gastierenden Künstlerin Gräfin Lona Ney-Normann, der das Publikum lebhaften Beifall zollte. Komotau. Im Monate Dezember 1910 hielt der jüdische Volksverein „Theodor Herzl" seine Generalversammlung ab, bei welcher sich in überraschender Weise der stetige Aufschwung des Zionismus in Komotau kundgab. Die Nationalfondsspenden des vergangenen Vereinsjahres wiesen nahezu das Dreifache des vorhergehenden auf und beliefen sich auf ca. K 700. Außerdem gelang es in Komotau und Umgebung für die Oppenheimersche Siedlungsgenossenschaft einen Betrag von K 400 aufzubringen. Im Ganzen hat der Nationalfondskommissär die Summe von K 1047 abgeführt. Wie alljährlich, so veranstaltete der Verein auch im letzten Jahre Vorträge, Unterhaltungsabende und Festlichkeiten. Unter ersteren sei insbesondere der Vortrag des Herrn Dr. Löwe in Berlin genannt, unter letzteren eine große Festsitzung sowie eine Gedenkfeier am 22. Mai anläßlich des 50. Geburtstages Theodor Herzls. Diese Feier war auch Anlaß einer größeren Ölbaumspende seitens des Vereins. TepHtz. Vor einigen Tagen fand die Generalversammlung des jüdischen Volksvereins „Zion" statt. Dem Tätigkeitsberichte ist zu entnehmen, daß das Vereinsleben auch im abgelaufenen Jahre ein rege pulsierendes war. Mehrere Vorträge, Diskussionsabende, die selbstverständliche Makkabäerfeier, Kinderfest und Tanzunterhaltungen waren die äußern Zeichen der Vereinsarbeit. Für die finanziellen Institutionen des Zionismus wurde fleißig gearbeitet; neben den für diese Zwecke abgelieferten Beträgen wurden K. 500.— an Schekel und Parteisteuer abgeliefert und an die Zeitschrift „Palästina" ein Pauschale von K. 400.— als Abonnementsbetrag für sämtliche Vereinsmitglieder. Der Mitgliederstand betrug Ende des Jahres 250. Bei der Wahl des Vorstandes wurde Ernst Bechert Obmann, Ludwig Steiner Stellvertreter, Adolf Kann Kassierer, Ferdinand Leder er Bibliothekar, Hermann Karpeles Schriftführer, David Bauch Nationalfondskommissär. Der Vorstand besteht außerdem aus 14 Damen und Herren. Der Verein beginnt das neue Vereinsjahr unter sehr günstigen Auspizien, denn nicht nur die Arbeitslust in den Reihen des Vorstandes ist groß, sondern der fortwährende Zuzug neuer Mitglieder beweist auch, daß die Erfolge der Arbeit nicht ausbleiben, daß die Erkenntnis von der Richtigkeit unserer Anschauungen trotz hartnäckiger Verkennung in einem gewissen, nun schon allerdings sehr zusammengeschmolzenen Kreise sich siegreich durchsetzt und die endliche allgemeine Anerkennung nicht ausbleiben kann und wird. Nach Schluß der Generalversammlung sprach Herr JUC. Herbert Birnbaum über „Taufjudentum". Der Redner ist in unserm Verein und weit darüber hinaus als ausgezeichneter Sprecher bekannt und erwies sich auch an diesem Abende als solcher. Er behandelte das Thema in fesselnder Weise, frei von Zelotismus und Fanatismus, die Gefahren der Taufseuche beleuchtend, ohne die Betrachtung vom rein menschlichen Standpunkt außer Acht zu lassen. Wohl verdienter Beifall lohnte die Mühe des Vortragenden. An den Vortrag schloß sich eine rege Debatte, in welcher verschiedene Gesichtspunkte, insbesondere in Bezug auf das Verhalten bewußter Juden gegenüber frivolen Fahnenflüchtigen, geltend gemacht und diese für das gesamte Judentum schwerwiegende Frage eingehend behandelt wurde. Im Februar wird Abg. Dozent Dr. Mahler in einer Versammlung des Teplitzer Vereins sprechen. Am 25. Februar findet ein Maskenkränzchen und am 2. April ein Kinderfest statt. Im Februar wird Abg. Dozent Dr. Mahler auch in dem in Gründung begriffenen neuen Aussiger Vereine sprechen, dessen Statut schon eingereicht ist, das voraussichtlich Anfang Februar rechtskräftig werden wird. Troppati. Am 21. v. M. hat die Generalversammlung des zionistischen Vereins Jeschurun stattgefunden. Aus dem Berichte des Obmanns entnehmen wir, daß der Ausschuß in überaus tätiger Weise seinen Verpflichtungen nachzukommen bestrebt war. Wie sehr ihm dies gelungen ist, ist am besten aus der Rechnungslegung zu entnehmen, nach welcher der Verein bei einem Mitgliederstand von 109 gegen 85 des Vorjahres an Schekel 184 Kr. 80 h., an Parteisteuer 116 Kr. abgeführt hat Für den Nationalfonds wurden in diesem Jahre insgesamt 1843 Kr. 10 h. gesammelt, in welcher Summe die von der Kultusgemeinde gespendeten 20 Kr. nicht inbegriffen sind, für den Bezalel ca. 200 Kr. und für die Siedlun'gsgenossenschaft 227 Kr. 50 h. aufgebracht. Ein Shareklub vermittelt weiter den Mitgliedern den Ankauf von Aktien. Das 'mit vieler Mühe und unter großen Opfern veranstaltete Gründungsfest des 10jährigen Bestandes bedeutete für den Verein einen großartigen moralischen Erfolg. Der um die Gründung des Vereins und sein heutiges Bestehen so verdienstvolle Obmann Herr Karl Weinreb wurde zum Ehrenmitgliede ernannt. In den neuen Ausschuß wurde gewählt: Herr Dr. Bkstein als Obman; Karl Weinreb, Obmannstellvertreter; Dr. Löschner, Schriftführer; Alb. Schlesinger, Kassirer und Nationalfondssekretär, Skutetzky als Bibliothekar und die Herren Finzi, Marburg, Dr. Gallus und Schwarz als Beiräte. Dem Troppau verlassenden, überaus verdienstvollen und opferwilligen Gesinnungsgenossen und bisherigen Schriftführer Chaim Slatner wurde der herzlichste Dank mit den besten Wünschen für seinen weitem Lebensweg ausgesprochen. Australien Sydney. Am 19. Dezember fand eine Sitzung des Sydneyer zionistischen Vereins statt. In derselben berichtete der Ehrenschatzmeister, daß Herr F. E. Jaffa Salomon in Fiji eine Summe von £ 9. 10. 7. als Resultat seiner zweiten Sammelbüchsenkollektion gesandt hat. Herr Jaffa Salomon hat somit bereits außer seiner Widmung für das Goldene Buch £ 20 gesammelt. Es wurde ferner mitgeteilt, daß das Golden-Buch-Diplom mit dem Namen des verstorbenen Königs Eduard VII. eingetroffen sei: Es wurde beschlossen, den Gouverneur zu ersuchen, dasselbe an den König von England zu leiten. Brief aus Ungarn Bis vor kurzem galt Ungarn als die Hochburg des Liberalismus, in welcher der Antisemitismus überhaupt unmöglich ist; darum blühte auch die Assimilation und war jede jüdisch-nationale Regung verpönt. Nun wird aber bald auch der wütendste Assimilant an den Antisemitismus glauben müssen, der sich nicht mehr hinter schönen Schlagworten verborgen auf die Verwaltung beschränkt, sondern in der Presse und im Parlament offen zur Schau getragen wird. Der schwäbische Abgeordnete Wittmann hat jüngst, wie in der „Welt" bereits berichtet, eine Brandrede gegen die Juden gehalten, die „das Landvolk bewuchern und aussaugen", wobei er sich allgemeinen Beifalls erfreuen konnte. Dies war freilich bloß eine Fortsetzung der von einem Boulevardblatte inszenierten sensationslüsternen Beschreibung der „Greueltaten", welche die „Chazaren" (lies: Juden) der Marmaroser Gegend an dem armen Ruthenenvolke verüben, indem sie „ihre Opfer mit denaturiertem Spiritus berauschen und dann bewuchern". Dieser farbenreiche, etwas phantasievoile, aber auf Objektivität pochende Bericht diente natürlich als willkommener Anlaß zu einer Interpellation seitens der Klerikalen, welche der Volksparteiler Huszär in einer tobenden Rede begründete und der „liberale" Justizminister sagte sofort eine strenge Anwendung des Wuchergesetzes zu, auch der Minister des Innern beeilte sich, Maßnahmen gegen die gefahrdrohende Einwanderung aus Galizien zu treffen. Tatsächlich wurde ein des Wuchers beschuldigter Jude festgenommen und trotz Stellung einer Kaution in Haft behalten, mußte jedoch freigelassen werden, da ihm die Behörden beim besten Willen nichts nachweisen konnten. Die Presse aber benutzt alle diese Anlässe zu Hetzartikeln und die Assimilanten bedecken sich mit Ruhm, indem einer ihrer hervorragendsten Vertreter, der bekannte Abgeordnete Paul Sandor, sich gleich bei dem ersten Angriffe von seinen Stammesgenossen lossagte und jede Gemeinschaft ablehnte. In der zionistischen Bewegung ist ein erfreulicher frischer Zug zu konstatieren. Das bisher monatlich erscheinende Parteiblatt „Magyarorszägi Cionista Szervezet" erscheint nunmehr halbmonatlich unter dem neuen Titel „Zsidö Szemle" (zu deutsch: Jüdische Rundschau). (Vgl. „Welt", Nr. 4.) Das Blatt will mit dieser Änderung des Titels auch eine Erweiterung seines Programms kundtun, indem es sich nicht ausschließlich an zionistische, sondern an weitere jüdische Kreise wendet, die auf diese Art der Bewegung gewonnen werden sollen. Zur Herausgabe des Blattes wurde eine Genossenschaft gegründet, die sich auch mit dem Verlage von Broschüren und jüdischen Werken befassen soll. Die Propaganda wird eifrig betrieben und verheißt guten Erfolg. Die materielle Grundlage ist durch einige größere Zuwendungen, hauptsächlich aber durch die Freigebigkeit unseres Gesinnungsgenossen Wilhelm Klein (Szatmär) sichergestellt. Londoner Brief Die Aussage des Chief Rabbi vor der Kommission, die vom Parlament zur Prüfung der Scheidungsgesetze eingesetzt wurde, bildet in den Kreisen der Orthodoxen und Nationalgesinnten den Gegenstand hitziger Debatten und führte zu einem Federkampf, der auf beiden Seiten mit großer Erbitterung in den Spalten der