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Die Welt · 1911-02-03 · 5 (3.2.1911) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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104 DIE30KLT No. 5 aus dem Judentum aus. Die Selbstverachtung, das ist die wienerische Note. Ärzte, Advokaten, die fast nur jüdische Klienten haben, jüdische Bankiers und Ban\kdirektoren (Kraßny, Feilchenfeld usw.), die von dem Antisemitismus nicht das geringste zu leiden haben, treten bei der ersten besten Gelegenheit „aus der jüdischen Rasse aus", wie jener Neger, der sich eines schönen Tages als Weißer ausgab, weil er aus der Rasse der Neger ausgetreten sei. Es ist charakteristisch, daß selbst die reichsdeutschen Juden, die in bezug auf Selbstachtung ihren österreichischen Stammesgenossen voraus sind, dem verderblichen Einflüsse des Wiener Milieus nicht gewachsen sind und ihm unterliegen; ich verweise z.B. auf die Übertritte von Mitgliedern der Familie Cahn-Speier in Wien. Selbstverständlich sucht die neugebackene jüdische Aristokratie Ungarns auch den rechten Glanz ihres Adelsschildes dadurch zu erlangen, daß sie nach Wien zieht und hier übertritt. Ich kann nicht den Eindruck eines Vortrages des österreichischen Abgeordneten Pernerstorfer vergessen, den er vor Jahren in der Wiener „Ethischen Gesellschaft" hielt, als dort die Rassenfrage erörtert wurde. Eben hatte ein Genosse gegen den Chauvinismus gedonnert als die Quelle alles Übels und die Ursache des Unterganges eines jeden Volkes, das ihm verfallen sei. Da stand Pernerstorfer auf und sagte dem Sinne nach folgendes: „Ich war fast geneigt, meinern Vorredner beizustimmen, da fiel mir aber ein, daß es noch ein schwereres Übel für ein Volk gebe als die Selbstüberhebung, nämlich die Selbst Verachtung." Und in diesem Zusammenhange kam er auf die Juden zu sprechen. Pernerstorfer kennt nämlich seine Wiener Juden sehr gut.*) *i Unter dem Strich will ich noch eine witzige Bemerkung Pernerstorfers über die Rassenfrage niederschreiben. Eben der Vorredner, ein getaufter Jude, hatte Das ist es. Taufen kommen hier und anderwärts vor. Aber zu ihrer Erklärung, nicht zu ihrer Entschuldigung, liegen ökonomische Gründe vor. Die Spezialität der Wiener Taufe ist aber, der Wegfall jedes ökonomischen Zwanges, die Taufe aus Übermut, die Taufe aus Verachtung des Judentums. Es hat dies sicher seine Gründe. Und ich bin trotz aller Enttäuschungen ein zu eingefleischter Nationaljude, um dieses etwa in der moralischen Inferiorität der Wiener Gesellschaft zu suchen. Meines Erachtens liegt der Grund darin, daß die Wiener Judenschaft zu jung ist. Man darf nicht vergessen, daß infolge der Austreibungen, mit denen uns die Weisheit verflossener Herrscher beglückte, die Entstehung der Wiener Gemeinde eigentlich erst seit dem Jahre 1848 datiert. In einem für die Bildung eines jüdischen Patriziates viel zu kurzen Zeitraum konnten noch keine Überlieferungen und Gesinnungen fest werden. Ich erinnere nur an die Berliner jüdische Gesellschaft nach Mendelssohn; sie bot ein ähnliches Bild von Würdelosigkeit wie die jetzige Wiener Gesellschaft. Hoffen wir, daß auch Wien seine Kinderkrankheiten überstehen wird, wie einst Berlin. An Anzeichen fehlt es nicht; inzwischen soll diese Hoffnung der nationalen Opposition den Mut verleihen, in widrigen Verhältnissen auszuharren. „Die Nase zu — und mitten durch." erklärt, dat.) es kein wissenschaftliches Instrument zur Unterscheidung der Rassen gebe. Darauf sagte Pernerstorfer, dal.) sein Freund Victor Adler auf eine derartige Bemerkung einst erwidert habe, dal) es wohl ein Instrument gebe, nämlich den Spiegel. Der beste Witz aber ist, daÜ eben dieser Victor Adler ein getaufter .lüde ist, und allen Redakteuren der von ihm geleiteten „Arbeiterzeitung" den Austritt aus dem Judentum zur Bedingung macht. Allerdings geht die Sage, daß in der Redaktion der „Arbeiterzeitung" keine Spiegel geduldet werden, weil sonst Größen wie Felix Austerlitz und Stefan GroUmann zu oft an ihre Rasse erinnert würden. o o o o o o o o o o o o o o AUS DER BEWEGUNG o o o o o o o 3> o o o o o o o An die Landesorganisationen und Föderationen Di e J ahreskonf erenz 1910 hat bezüglich der A b f ü h r u n g der Schekelgelder folgenden Beschluß gefaßt: „Auf Antrag des Engern Aktionskomitees beschließt die Jahreskonferenz, daß vom 1. Juli 1910 ab die Schekelgelder von den Landesorganisationen und Föderationen ohne Abzug an das Engere Aktionskomitee abgeführt werden müssen und daß die Anzahl der Kongreßdelegierten jedes Landes und jeder Föderation nach Maßgabe der an das E. A. C. abgeführten Schekolim festgesetzt wird." IV. Generalversammlung des jüdischen Weinbauersyndikats in Palästina Ende 1910 fand, wie von der „Welt" schon kurz berichtet, im Beth-Am der Kolonie Rischon le Zion die IV. Generalversammlung der Societe Cooperative Vigneronne de grandes Caves Richon le Zion et Zicron Jacob statt. Bekanntlich hat die Ica vor vier Jahren die Verwaltung der großen Kellereien in Rischon le Zion und Sichron Jacob den Kolonisten selbst übergeben, die eine kooperative Genossenschaft nach dem Muster der in Deutschland und Frankreich bestehenden Winzergenossenschaften gebildet haben. Die allgemeine Lage des palästinensischen Weinbaues zur Zeit dieser Übergabe war eine sehr kritische. Um der neu gebildeten Genossenschaft die Sanierung der Lage zu ermöglichen, bewilligte ihr die lea für die ersten fünf Jahre ihres Bestandes eine jahrliche Subvention. Mit der diesjährigen Weinlese hat die sogenannte Subventionsperiode der Genossenschaft ihr Ende erreicht, und diese muß sich nun auf eigene Füße stellen und den Absatz der Weinprodukte selbständig organisieren. Darum war die IV. Jahresversammlung der Genossenschaft von der größten Wichtigkeit für die Zukunft des Weinbaues in Palästina. Die Jahresversammlung wurde vom Direktor der Genossenschaft, Herrn W. Gluskin eröffnet. Herr Giuskin erstattete einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit des Verwaltungsrates im abgelaufenen Jahre. Der Referent wies ziffermäßig nach, daß die Genossenschaft trotz aller Schwierigkeite.i in den vier Jahren ihres Bestandes eine Erhöhung der Traubenpreise um ca. 4 frs. per Kantar (300 kg) und anderseits eine Verminderung der Ausgaben um 3 frs. erreicht habe. Die Lage der einzelnen Mitglieder, zumal derjenigen, die kleinere Quantitäten erzeugen, ist allerdings nicht befriedigend, allein im Vergleich mit der Zeit vor vier Jahren könne man sagen, daß die Lage der Weinbauer sich bedeutend gebessert habe. Die Genossenschaft bezahle jetzt reelle Preise für die Trauben, entsprechend dem wirklichen Marktwert. Herr Gluskin erwähnte auch den größern Abschluß zu billigen Preisen, den die Genossenschaft im vorigen Jahre getätigt hat. Zu jener Zeit konnte man die bald darauf eintretende Hausse nicht voraussehen, und die Genossenschaft war zum Abschluß <lieses Großverkaufs gezwungen, um die großen Vorräte' zu verringern. Trotzdem könne die Genossenschaft für die vorjährigen Trauben einen bessern Preis bezahlen als im Jahre 1908. Der Referent verbreitete sich auch über die sogenannte Arrachage, die Entfernung eines großen Teiles der Rebenpflanzungen und ihre Ersetzung durch andere Baumkulturen. Diese „Operation" sei eine unbedingt nötige gewesen, um die Lage zu sanieren. Im Anschluß an den Jahresbericht verlas Herr Gluskin die Bilanz der Genossenschaft. In der Debatte erörterte Herr H. Lew in Epstein aus New York die Lage der Carmel Wine Company in Amerika. Ungeachtet der verschiedenen Schwierigkeiten sei der Absatz der Palästinaweine in Amerika in den letzten Jahren bedeutend gestiegen. Der Absatz wäre noch viel stärker, wenn nicht verschiedene Personen eine Agitation gegen die Carmel-Gesellschait in der Presse usw. eingeleitet und sich dabei zum Teil auf die Kolonisten in Palästina

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