Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 5 DIE20KELT 103 die Juden Galiziens die höchsten Steuern zahlen, ihrer Militärpflicht gehörig nachkommen und daß sie das Landesbudget erleichtern, indem sie aus eignen Mitteln Spitäler, Waisenhäuser und Schulen erhalten. Eine einzige Baron Hirschsche Stiftung hat dem Lande ein Geschenk von 25 000 000 Kronen gemacht. Das Land ist verpflichtet, der jüdischen Rettungsaktion tatkräftige Hilfe zu gewähren. Die Grundbedingung einer jeden Reform ist die vollständige Gleichberechtigung der Juden vor Gesetz und Behörde. Redner schloß mit den Worten: „Wir wollen keine Privilegien, — dazu sind wir zu schwach; wir bitten um kein Almosen, — dazu sind wir zu stark. Wir verlangen vollständige Gleichberechtigung." Daß die Rede unsers Vertreters ihre Wirkung nicht verfehlte, beweist die Tatsache, daß alle Redner des dritten Tages und sogar der Landmarschall Badeni sich bewogen fühlten, direkt oder indirekt auf dieselbe zu reagieren, um ihren Eindruck in der jüdischen Öffentlichkeit abzuschwächen. Am letzten Tage nahm Abg. Stand wieder das Wort. Er sprach über den verheerenden Einfluß der Sonntagsruhe, des Hausier- und Propinationsgesetzes auf die materielle Lage der galizischen Juden. Die zweite Judenenquete war in ihrem Resultat ein Mißerfolg der Arrangeure. Die polnischen Potentaten erwarteten von ihr eher die Vertuschung als die scharfe Betonung der existierenden Gegensätze. Die Hausjuden gaben dem Drängen der jüdischen /Massen nach und sprachen für eine jüdische Sonderaktion, obwohl sie wissen, daß eine jede auf jüdischer Basis gebaute Organisation zur Stärkung des jüdischen Nationalbewußtseins das Ende der Hausjudenpolitik bedeutet. Wir Zionisten sind die einzigen, die nicht enttäuscht wurden. Denn wir bauen nicht auf die Gnade der polnischen Schlachta, sondern auf die Lebenskraft des jüdischen Volkes. Das jüdische Volk hat schon ärgeres überstanden als die galizische Judenenquete. Als Ergebnis der dreitägigen Beratungen formulierte Dr. Aschkenase nachstehende Forderungen und Postulate, die von den Teilnehmern der Enquete gebilligt wurden: 1. Zulassung der Juden zu allen öffentlichen Ämtern sowie zu sämtlichen Beamtenkategorien in Staat, Land, Bezirk, Gemeinde und in sämtlichen öffentlichen Institutionen. 2. Strenge Durchführung des Schulzwangs und die Schaffung der nötigen Vorbedingungen: Entfallen des Schulbesuchs am Samstag, Anstellung einer genügenden Anzahl jüdischer Lehrer in den Volksschulen, bessere Pflege und Kontrolle des jüdischen Religionsunterrichts. 3. Gründung, Erhaltung und Subventionierung von Fröbelschulen und Kinderheimen. 4. Erleichterung und Ermöglichung der Zugehörigkeit zu sämtlichen Organisationen und Körperschaften, die die Hebung des Wohlstandes bezweckeq, und zwar zu Kredit-, Agrar-, Gewerbeorganisationen, sozialen und industriellen Körperschaften, Fach- und Handwerksschulen, Arbeitsnachweisämtern u. a. 5. Bildung jüdischer Handwerkergenossenschaften und deren Unterstützung durch Kreditgewährung und andere materielle Zuwendungen. 6. Subventionen an Handwerker behufs Einrichtung und Erhaltung moderner, hygienisch einwandfreier Werkstätten. 7. Intensive Förderung der Hausindustrie und der Heimarbeit. 8. Schaffung und Unterstützung jüdischer kaufmännischer Organisationen. 9. Propaganda unter den Juden zugunsten physischer Arbeit, um die Zahl der Taglöhner zu vermehren. (?) 10. Gründung zahlreicher Gewerbeschulen. 11. Entsprechende und ausreichende Subventionierimg der jüdischen Selbsthilfe-Organisationen, die die Durchführung der in den Punkten 1 — 10 enthaltenen Aktionen bezwecken. 1 Wiener Marranen von Ben Josua In der Wiener jüdischen Gesellschaft herrschte in den jüngst vergangenen Tagen große Aufregung. Professor Jellinek war in Heidelberg gestorben; aber der Nekrolog, den das offizielle Organ der Kultusgemeinde ihm halten wollte, blieb dem Blatte im Halse stecken, denn der Superintendent hatte in der Friedhofskapelle den Sarg eingesegnet. Um diese Aufregung zu begreifen, muß man wissen, daß der Verstorbene der Sohn des ehemaligen Wiener Oberrabiners war, und daß das erwähnte Blatt ihn mit Vorliebe als „Zierde des Judentums" aufmarschieren ließ. Noch vor einem oder zwei Jahren erzählte man eine rührsatne Geschichte, die darin gipfelte, daß der Oberrabbiner Dr. Güdemann den Prof. Jellinek bei einem vorübergehenden Aufenthalte in Wien apostrophiert hatte, ob man ihn noch zu den „Unsrigen" rechnen dürfe. „Sie dürfen!" soll darauf der Apostat, frei nach UrieL Acosta, geantwortet haben. Die Aufregung wäre nicht zu begreifen; denn auch andere Wiener Oberrabbiner haben christliche Nachkommen (Mannheimer). Anderseits ist es dem Moniteur der Kultusgemeinde öfters passiert, daß er eine beliebte Tagesgröße als Juden pries, bis der Tod ihn dementierte; ich erinnere nur an den „großen" ungarischen Journalisten Falk. Es ist eben für die am Ruder befindliche Clique charakteristisch, daß jahraus jahrein durchschnittlich zirka fünfhundert Juden übertreten, ohne daß sich ihr Gewissen gerührt hätte; weil aber eine von ihr gehätschelte Spitze der Gesellschaft ihr diesen Strich durch die Rechnung gemacht hat, gerät sie in Aufruhr, schreit Zeter und Mordio und will sogar etwas gegen die Taufseuche unternehmen. Von seiten der jüdisch-nationalen Opposition war schon seit einem Dezennium der Kampf gegen den Abfall geführt worden. Nur suchte sie die Gründe nicht in Äußerlichkeiten, und nicht um die Seelenrettung einiger Notabeln ging es ihr. Zum Danke dafür ergrimmte das Blatt für die Zentralinteressen des Judentums und beschimpfte die Kritiker, um einige Jährchen später mit den Argumenten der nationalen Opposition notgedrungen endlich auch Stellung gegen die Taufe zu nehmen. In den Sälen der Seitenstettengasse hängen die Bilder der frühern Kultusvorstände; fast alle haben christliche Nachkommen, die Wertheimsteins, Pereira usw. Der bekannte Umdichter der Griechen, Hoff mann sthal, ist der Enkel eines Kultusvorstandes und „natürlch" längst getauft; zu seinem Schmerze muß er noch immer das seinem Großvater verliehene Wappen tragen, in dem sich auch die Thora befindet. Wir sind in Wien gegen solche Sensationen längst abgestumpft. Haben wir es doch erlebt, daß ein früherer Kultusvorstand (Pollak v. Parnegg) zur Zeit, als er noch diese Würde bekleidete, selbst seinen Sohn zur Taufe in die Kirche führte, und genießt doch auch der jetzige Kultusvorstand die Ehre der Mitgliedschaft des Herrn v. Lieben, dessen Sohn und Tochter getauft sind; besonders der junge Herr v. Lieben kann die Juden nicht leiden; man erzählt sich von ihm den öffentlichen Ausspruch, daß er seinem kostbaren Leben ein Ende machen wolle, wenn er bestimmt wüßte, daß alle Juden ein Gleiches täten. Und sein Vater ist Kultusvorstand. Das ist der springende Punkt. Grade die Clique, die heute in der Wiener Kultusgemeinde am Ruder sitzt, hat den Geist der Selbstverachtung großgezogen. Und jetzt, da die Früchte dieser Saat allenthalben aufzugehen beginnen, verhüllt sie schaudernd ihr Haupt. Wir aber wollen der Gorgo fest in ihr Schlangenantiiü sehen. Was ist denn die allgemeine Triebfeder der Taufseuche? Die herrschende Klique wird den Antisemitismus beschuldigen. Es wäre töricht zu leugnen, daß dieser oft eine Taufe verschuldet. Aber das ist nicht das Charakteristische des Wiener Marranentums; das kommt überall vor und würde sicher nicht den üblen Ruf der Wiener Gemeinde verschulden, den sie mit Recht genießt. Nein, der Wiener Marrane geht anders vor. Prof. Jellinek verließ Österreich, weil man die Taufe zur Vorbedingung zur Erlangung eines Lehrstuhls machte; als er aber, ohne diese Bedingung, einen erlangt hatte, da warf er das Judentum, das ihm nur einen überwundenen Standpunkt bedeutete, mit einer lässigen Handbewegung weg. Wir haben in Wien einen Professor Kassowitz. Dieser blieb Jude, solange er an der Universität lehrte; als er nach Erlangung der Altersgrenze von der Universität schied, da trat er