Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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DIE3SELT No. 5 102 und rühren keinen Finger für die Juden anderer Gebiete. Die Zionisten allein mit ihrem auf das Gesamtjudentum gerichteten Blick haben in den Jemeniten Brüder gesehen und ihnen die Bruderhand gereicht. Zum Schlüsse seines Artikels schlägt Mr. Zangwill übrigens ganz um. Er rät den türkischen Juden, für ihre Rechte zu kämpfen, sich gegen alle Rechtsbeschränkungen aufzulehnen. Der Urheber dieser Worte ist anscheinend der andere, der positive Zangwill. Aber wenn die türkischen Juden schon kämpfen sollen, weshalb sollten sie nicht darnach streben, Palästina zu einem jüdischen Lande zu machen? Haben sie etwa kein Anrecht auf Palästina? Wenn aber ja, dann ist doch wahrlich die Interessengemeinschaft der türkischen Juden mit ihren Brüdern in anderen Ländern eine sehr reale. Mr. Zangwill macht den türkischen Juden bange, indem er sagt, die Regierung werde die Eingangspforte Palästinas durch Cherubim mit gezückten Schwertern bewachen. Die türkischen Juden kennen ihre Regierung jedoch besser als Herr Zangwill. Die Jungtürken sind durchaus keine solchen Chauvinisten, wie Herr Zangwill sie ausmalt. Sie haben namentlich in jüngster Zeit schon viel Wasser in ihren Wein gegossen. Das ottomanische Reich kann nur nach föderalistischen Grundsätzen regiert werden. Gelangt aber das föderalistische Prinzip zum Durchbruch, so ist es für das türkische Volk gleichgültig, welcher Volksstamm der herrschende in Palästina sein wird. Die Türken werden Palästina niemals besiedeln. Von andern Völkern aber sind ihnen die Juden zweifellos am sympatischsten, wie wir alle wissen, und wie auch Herr Zangwill wußte, als er noch Zionist war. Herr Zangwill ist aber heute kein Zionist mehr. Weshalb? Weil der Zionismus gegenwärtig nicht so große Erfolge erzielt, wie Herr Zangwill sehen möchte. Ich darf vielleicht Zangwill, den Schriftsteller, an ein Wort Wilhelms von Oranien erinnern: „Um etwas zu unternehmen, muß ich des Erfolges nicht im voraus sicher sein, und um bei einer Sache auszuharren, muß ich nicht gleich Erfolge sehen." Das ist eine treffliche Maxime! Ich bin überzeugt, der Zionismus wird sich ungeachtet aller Schwierigkeiten durchringen. Jedenfalls ist der Zionismus mit dem Judentum unlöslich verbunden, und wer die Hand gegen den Zionismus aufhebt, der bedroht auch das Judentum im allgemeinen." Die galizische Judenenquete Die Enquete begann am 23. Jänner 1911 im Gebäude des galiz sehen Landtages und wurde vom Landmarschall Baden i persönlich eröffnet und geleitet. Diese Parade sollte dazu dienen, die innere Wertlosigkeit der Enquete zu verhüllen. Denn sie war, wie wir vorausgesagt haben, ein Verlegenheitsmittel, eine4 leere Phrase, an die beide Teile nicht glaubten, weder die galizische Schlachta noch ihre Hausjuden. Dennoch ist diese Farce einer Expertenversammlung nicht ohne Bedeutung für die Juden Galiziens. Sie liegt weniger in der einstimmigen Feststellung einer entsetzlichen Judennot, welche niemandem genauer bekannt ist als den sich unwissend stellenden maßgebenden Kreisen, oder in den gefaßten Resolutionen, zu deren Verwirklichung den Antragstellern und den Landesbehörden der Ernst und der gute Wille fehlt, als vielmehr in äußern unerwarteten Regungen, welche ungewollt eine radikale Umwälzung im galizischen Judentum verraten. Die Experten, vierzig erprobte, im Kampf gegen jede freiere jüdische Bewegung bewährte Handlanger der Herren des Landes, sprachen mit einer staunenerregenden Offenherzigkeit vom jüdischen Elend. Mit der alleinigen Ausnahme des polnischen Sozialdemokraten jüdischer Konfession, Dr. Diamand, wagte kein einziger der Experten, das Elend der jüdischen Massen durch den niedrigen Zustand des ganzen Landes und den Mangel an Industrie zu erklären. Alle betonten vielmehr die speziellen Ursachen der Judennot in Galizien, ihre exzeptionelle Form und die Notwendigkeit einer bt-sondern jüd sehen Rettungsaktion. Das Märchen von der Solidarität der jüdischen Interessen mit denen der autochtonen Bevölkerung verschwand vor der kläglichen Wirklichkeit. Die Repräsentanten des Landesausschusses und ihre Gäste sprachen zum erstenmal seit Jahrzehnten verschiedene Sprachen und verstanden einander nicht mehr. Es weht ein neue- Geist durch das Judentum. Der Druck der breiten, durch zehnjährige, unermüdliche Arbeit der Zionisten wachgerüttelten Masse war stärker als die Angst vor der unzufriedenen Miene Badenis. Wir haben doch nicht umsonst gekämpft, wenn der Pole Löwenstein nicht umhin kann, öffentlich zu erklären, das Judenelend lasse sich keinesfalls aus dem Gesamtelend des ganzen Landes erklären, sondern habe seine besondern Merkmale und sei ein Produkt der durch die geschichtliche, ökonomische und soziale Sonderstellung der Juden hervorgerufenen Ausnahmeverhältnisse; oder wenn Dr. Aschkenase, der einzige halbwegs ehiliche Assimilant, Rettungsanträge stellt, die selbst für einen Zionisten jüdisch genug gelautet hätten. Ein Fortschritt jedenfalls verglichen mit der süßlichen Versöhnungsnote von gestern. Die Temperatur des Eifers der Gutachter regulierte allerdings die geschickte Hand Badenis. Die Experten vermieden sorgfältig jeden Vorwurf den Behörden gegenüber und hüteten sich ängstlich vor Äußerungen, die auch nur entfernt als separatistisch hätten gedeutet werden können. Diamand machte kompromittierende Bücklinge in die Richtung der polnischen Exzellenzen, Herr von Horowitz schwieg sich gründlich aus, der Antragsteller Löwen stein machte sich, seiner sonstigen Gewohnheit entgegen, so unsichtbar, wie es nur anging, und Aschkenase zog auf Badenis Wink den radikalsten Antrag auf Schaffung eines Judenfonds diensteifrig zurück. Über den Anteil der Landesregierung an unserm Elend schwiegen alle Experten — mit Ausnahme des zionistischen Reichsratsabgeordneten Adolf Stand, der am Schluß des zweiten Tages das Wort ergriff. Die Rede Stands war in der jetzigen Situation eine Tat von historischer Bedeutung. Zum erstenmal sprach ein Jude in den Mauern des Landtags so rücksichtslos frei zu den galizischen Machthabern; zum erstenmal vernahmen die Herren ein wahres Wort, den ungefälschten Ausdruck der jüdischen Volksstimmung. Abg. Stand führte aus: Die heutige Enquete ist bereits die zweite. Ihre Vorgängerin fand in denselben Räumlichkeiten statt. Seit jener Zeit hat sich die Lage der galizischen Juden bedeutend verschlimmert. Auf Grund reichhaltigen statistischen Materials wies Redner nach, daß im letzten Jahrzehnt 14°/o der jüdischen Bevölkerung Galiziens auswandern mußten, daß 32° o der Zurückgebliebenen ohne Beschäftigung ein rätselhaftes Dasein fristen. Zu den Beschäftigten werden bereits „Kaufleute" mit einem jährlichen Betriebskapital von 150 bis 200 Kr. gezählt. Was hat die Landesregierung für die Juden getan? Ist während dieser zwanzig Jahre die leiseste Änderung in ihrer kalten, gleichgültigen, meistens übelwollenden Behandlung der Juden zu merken gewesen? Wir haben zu einer solchen Regierung, die uns gegenüber antisemitisch, im besten Falle asemitisch ist, kein Vertrauen. Jährlich werden 300000 Kr. vom Landesausschuß für die verschiedensten Institutionen an Subventionen verausgabt; auf jüdische Zwecke entfallen hiervon 3000 Kr. Wir haben ein riesiges Intelligenzproletariat. In Üstgalizien bilden die Juden 34°'o aller Mediziner, 60°/o aller Advokaten, die im tötljehen Konkurrenzkampf ersticken, während ihnen der Eintritt in die Ämter versagt ist. Die Wiener Zentralregierung hat sich doch bewegen lassen, Juden als Post- und Bahnbeamten anzustellen, bei der galizischen Landesregierung waren alle unsere Bemühungen vergeblich. Im Auditoriat, bei allen politischen Behörden, in den autonomen Ämtern finden wir keinen einzigen jüdischen Beamten. Hunderte von Schulen werden gesperrt oder nicht eröffnet, während hunderte jüdischer Lehrkräfte stellenlos herumgehen. Jüdischen Handwerkern wird in den Landesbanken kein Kredit gewährt, jüdische Produktivgenossenschaften bei Lieferungen übergangen. Die jüdische Industrie wird nicht unterstützt, in den aus den Landesfonds subventionierten Fabriken keine Juden angestellt. Der jüdische Handelsstand wird schikaniert; hundeiten von jüdischen Krämern werden keine Gewerbescheine ausgefolgt; man läßt sie ohne Erlaubnis handeln, um sie durch ihre rechtliche Unsicherheit für die politische Gefolgschaft der Schlachta gefügig zu machen. In die Statuten der Handelsgremien, die trotz der Wiener christlich-sozialen Umtriebe von der Zentralregierung in ziemlich günstiger Form bestätigt wurden, schmuggelt der galizische Instruktor mit stillschweigendem Einverständnis der Landesregierung antisemitische Bestimmungen ein. Wir glauben nicht an den guten Willen einer Regierung, die uns gegenüber das Gesetz nicht anwendet, die in der Verwaltung Mißbräuche übt oder sie toleriert. Die Juden haben das Recht, zu fordern, daß die ihnen vom Gesetze garantierte Gleichberechtigung im praktischen Leben angewendet werde. Bedeutet die heutige Enquete einen Wendepunkt im bisherigen System? Oder bleibt es beim alten Kurs? Für den letzten Fall ist die Enquete überflüssig. Nur für den Fall einer gründlichen Änderung entwickelte Redner seine Ansichten über die notwendigen Reformen und stellte eine Reihe von Forderungen zur Hebung der ökonomischen und kulturellen Lage der galizischen Judenheit. Redner betonte, daß