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Die Welt · 1911-02-03 · 5 (3.2.1911) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Zangwill war früher einmal Zionist, dann wurde er Territorialst. Warum? Weil ihm schien, daß man in Palästina keines Erfolges sicher sein könne. Sicher ist man nun in der Tat nicht; Bürgschaften gewährt keiner. Ich glaube freilich nicht, daß der territorialistische Weg, den Zangwill eingeschagen hat, leichter und aussichtsvoller ist als der zionistische. Allein das ist mir gleichgültig; wenn einer irgendetwas und auf irgendwelche Weise für das jüdische Volk leisten will, so verdient dieses Streben unter allen Umständen Anerkennung. Ehe jedoch der erste Zangwill für seinen Territorialismus etwas Praktisches erreicht hat, tritt schon der zweite Zangwill kampfbereit gegen den Zionismus auf. Man gewinnt den Eindruck, daß die ganze Tätigkeit Zangwills für den Territorialismus hauptsächlich in periodischen öffentlichen Angriffen auf die zionistische Bewegung besteht. Auch dies ist ja in gewissem Sinne Arbeit, aber zerstörende. Der größte Irrtum Zangwills ist der, daß er den Zionismus als eine Art finanziellen Plan auffaßt und ihn vorn Gesichtspunkte des praktischen Finanzmannes aus bekämpft. Der Zionismus ist jedoch eine Idee. Für die türkischen Juden hat der Zionismus schon jetzt Großes geleistet. Das türkische Judentum ist furchtbar rückständig, — nicht aus eigner Schuld, aber es ist nun einmal so. Ich wiederhole, meine Brüder, die spaniolischen Juden des Orients, sind ausgezeichnete Juden, aber infolge der Ungunst der politischen und kulturellen Verhältnisse sind sie sehr zurückgeblieben. Die Alliance hat hier zweifellos bessernd eingegriffen. Ihre großartigen Schulau stalten haben die Juden des Orients aus ihrer stumpfen Indolenz zu höhern Daseinsformen emporgehoben. Dieses historische Verdienst der Alliance werden ihr wohl auch ihre Gegner nicht streitig machen. Allein erst dem Zionismus ist es vorbehalten geblieben, dem türkischen Judentum neues Leben einzuhauchen. Ich verfolge mit Spannung den heftigen Kampf, der in der Türkei zwischen den Anhängern und den Gegnern des Zionismus entbrannt ist. Viele bedauern es, daß dieser Kampf so scharfe Formen angenommen hat. Ich nicht! Der Kampf der Parteien ist für das ottomanische Judentum ein Merkmal der politischen Reife. Früher wäre jeder Parteikampf schlechterdings undenkbar gewesen, so erstarrt und apathisch war damals das türkische Judentum. Der Zionismus hat also auf die türkischen Juden eine segensreiche stimulierende Wirkung ausgeübt. Nun kommt Zangwill und rät ihnen eine Kleinigkeit: sie sollten sich um den Zionismus nicht kümmern, d. h. um die lebensvolle Bewegung, die sie aus jahrhundertelanger Lethargie zu neuem Leben erweckt liat. Die türkische Judenheit wird dem Ratschlage Mr. Zangwills unter keinen Umständen Folge leisten. Ein Teil derselben wird auch fernerhin der zionistischen Organisation angehören, ein anderer Teil wird gegen sie sein; aber neutral bleiben, sich in den Meinigungsstreit nicht mengen, um die ganze Bewegung nlchf kümmern, — nein, das ist unmöglich, über diese Entwicklungphase ist die ottomatische Judenheit hinaus. Zangwill legt großes Gewicht darauf, daß viele Jungtürken dem Zionismus unfreundlich gesinnt sind. Dieser Umstand wird aber die türkische Judenheit nicht sonderlich beeinflussen. Es hat ja eine Zeit gegeben, in der die Jungtürken ein von den regierenden Kreisen verfolgtes unansehnliches Häuflein ohne jeden politischen Einfluß waren, und dennoch sind sie heule die herrschende Partei im Reiche. Die Zeiten ändern sich eben, und es ist sicher, daß gewisse jungtürkische Kreise ihre Meinung über den Zionismus mit der Zeit ebenfalls ändern werden. Es ist meine Überzeugung, daß gerade die Zionisten die besten Patrioten sind, nicht nur in der Türkei, sondern auch in allen andern Ländern. Wer sich zum Zionismus bekennt, der hat eben Gemeinsinn, Staatsbewußtsein, nationales Empfinden; und weil er gesunden politischen Instinkt hat, darum nimmt er auch aufrichtigen Anteil an den Leiden und Freuden des Gemeinwesens, dessen Bürger er ist Dies ist nicht etwa eine vage Theorie, sondern zahlreiche Tatsachen der jüngsten Vergangenheit bestätigen die Richtigkeit dieser meiner Behauptung. An dem Burenkriege haben Zionisten in großer Anzahl teilgenommen. Im öffentlichen Leben der meisten Länder sind die Zionisten stark vertreten. In verschiedenen englisch sprechenden Ländern gründen sie auch militärische Organisationen und bekunden lebhaftes Verständnis für die Erfordernisse eines geordneten und freiheitlich regierten Staatswesens. Darum sage ich. Die türkischen Juden sollen sich nicht vorn Zionismus lossagen um gute Bürger zu werden, sondern im Gegenteil, sie werden bessere Bürger werden, wenn sie sich dem Zionismus anschließen. Ich kann in dieser Beziehung eine interessante Tatsache anführen: Als im ottomanischen Reiche die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde, waren es zuerst zionistische junge Leute aus Jerusalem und den jüdischen Kolonien, die sich zum Militärdienst anmeldeten und sich um Aufnahme in die Militärschulen in Konstantinopel bewarben. Solche Tatsachen werden sich im Laufe der Zeit mehren und werden ihre Wirkung auf die regierenden Kreise des Landes sicher nicht verfehlen. Für alle Fälle können sie versichert sein, daß man in der Türkei die Juden niemals wegen ihres Zionismus verfolgen wird, selbst dann nicht, wenn die maßgebenden Kreise gegen die Bewegung sein werden. Das würde den Traditionen der Türkei zuwiderlaufen. Mr. Zangwill sucht des langen und breiten nachzuweisen, daß die Juden der Türkei nur eine religiöse Gemeinschaft, aber keine Nation seien. Das einzige Band, das sie mit den Juden anderer Länder verbinde, sei die Religion. Im Munde des Herrn Zangwill klingt eine solche Behauptung sonderbar genug. Ich trage sie jedoch in der doppelten Buchhaltung, die Herr Zangwill führt, auf der Sollseite ein, d. h. ich buche sie auf das Konto Zangwills, des Zerstörers. Andernfalls könnte man einen derartigen Irrtum gerade bei Zangwill nicht begreifen. Weiß Herr Zangwill, der ja in seinen Erzählungen auch spaniolische Typen so meisterhaft gezeichnet hat, gar nicht, daß auch die nach dem sephardischen Ritus betenden Juden die Worte „Obers Jahr in Jerusalem" an demselben Tage und mit derselben Inbrunst sprechen wie die Aschkenasim? Mr. Zangwill sagt, der jüdische Nationalismus sei eine Fiktion, ein Traumbild. Ich kann demgegenüber nur sagen: Hut ab vor diesem Traumbild, das über 2000 Jahre alt ist und ohne welches die „Epoca", eine in der Türkei erscheinende spaniolische Zeitung, sich nicht mit einer politischen Anfrage an Zangwill, den englischen Bürger gewandt hätte, — ebensowenig wie der Engländer Zangwill sich hätte bereit finden lassen, den türkischen Juden Ratschläge, und mögen es auch schlechte Ratschläge sein, zu erteilen, welche Politik sie in ihrem Vaterlande verfolgen sollten. Nur dem „Traumbild" des jüdischen Nationalismus ist es ausschließlich zu verdanken, daß die „Epoca" eine klare Vorstellung davon hat, wie sehr das politische Verhalten der türkischen Juden die Interessen des Gesamtjudentums berührt und daß sie deswegen naturgemäß auch englische und französische Juden um ihre Meinung befragt. Ich möchte den bekannten Ausspruch Voltaires auf den Zionismus anwenden: Gäbe es keinen Zionismus, so müßten die ottomanischen Juden einen solchen schaffen. Auch in den dunkein Winkeln der türkischen Ghetti hat der Zionismus einen Hoffnungsstrahl erglänzen lassen. Der türkische Jude liebt Palästina von alters her. Während diese Liebe aber bisher eine individuelle, mystische und blutlose war, hat sie jetzt durch den Zionismus, der sie in eine Volkssache und in eine reale politische Lebensfrage umgewandelt hat, feste Gestalt und Lebenskraft gewonnen. Was der Zionismus schon jetzt in der Türkei zustande gebracht hat, ist, daß er bis zu einem gewissen Grade das gegenseitige Mißtrauen und die Vorurteile, d:e zwischen dem Aschkenasim und Sephardim herrschten, zerstreut hat. Gäbe es keinen Zionismus, wer hätte sich dann beispielsweise um die jemenitischen Juden gekümmert, die jetzt nach Palästina: einwandern? Die „Kolelim" in Jerusalem halten sich streng an die Ratschläge Mr. Zangwills. Sie bleiben Bürger ihrer Geburtsländer

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