Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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die absolute, keineswegs aber um die allerörtliche Sonntagsruhe zu tun. Vielmehr hatten die konstitutionellen Demokraten ein Amendement eingebracht, „daß es den Mohamedanern und den Juden gestattet sein sollte, bei Bekanntgebung an die bezügliche Kontiollbehörde, ihre Geschäfte am Freitag, bzw. Samstag statt Sonntag geschlossen zu halten", das Amendement wurde aber abgelehnt, wobei auch die feigen, immer nur zu lauwarmen Maßregeln, halben Konzessiönchen und Viertelschritten fähigen Oktobristen gegen diese folgerichtige Bestimmung votierten. Daß auch die Rechte, der es überhaupt bei dem betreffenden Paragraphen nur darum zu tun war, den „Stammesfremden" die eigne Macht fühlen zu lassen, gegen den Antrag der Kadetten stimmten, braucht nicht erst gesagt zu werden. Der von den Oktobristen wie auch vom Handelsministerium unterstützte Antrag der Kommission für die Arbeiterangelegenheiten, wonach die absolute Sonntagsruhe als Regel gelten sollte, neben der gewisse, durch die lokalen Verhältnisse bedingte Ausnahmen zulässig sein sollten, erschien der Opposition in dieser allgemeinen, dem Ermessen der lokalen Behörden Tür und Tor öffnenden Form den Interessen der Handelsangestellten zuwiderlaufend und daher annehmbar. Nun hatten die Oktobristen noch die Möglichkeit, sachlich ihren Standpunkt zu retten und den von ihnen vertretenen Interessen des Handels gerecht zu werden. Sie hätten nämlich nur, nachdem das Amendement der sog. *Arbeiterkommission abgelehnt wurde, für das im Grunde genommen das Gleiche wollende, aber bestimmtere und daher für die Opposition annehmbare, gleichzeitig aber nicht allzu radikale Amendement Fiiedmanns stimmen sollen, „daß es den Muselmännern und Juden, die ihre Geschäfte am Freitag bzw. Samstag geschlossen halten, gestattet sein sollte, am Sonntag höchstens fünf Stunden offen zu halten, wobei eine diesbezügliche Meldung an die betreffende Kontrollbehörde erforderlich sei". Da aber hier die Interessen der Mohamedaner und der Juden offen betont werden, so fanden die Herren Oktobristen nicht den nötigen Mut, um für diesen Antrag zu stimmen und zogen es vor, an ihrem eignen Standpunkt Selbstmord zu begehen und die erbärmliche Rolle des „leitenden Zentrums" dem öffentlichen Spotte preiszugeben. Wie demT*auch sei, für die vielen Hunderttausende jüdischer Kaufleute Rußlands wird nun eine geradezu unmögliche Sachlage geschaffen. Abgesehen davon, daß die Bauern auf dem Lande tatsächlich nur am Sonntag nach dem benachbarten Flecken gehen können, um dort ihre Einkäufe zu besorgen; daß ferner auch die städtischen Arbeiter keine so geeignete Zeit für ihre Einkünfte finden können wie den Sonntag, erscheint es bei dem ohnehin sehr schweren Kampf ums Dasein im jüdischen Ansiedlungsrayon geradezu ausgeschlossen, daß der jüdische Händler zwei Ruhetage in der Woche beobachten könnte, ohne einem völligen wirtschaftlichen Ruin entgegen zugehen. In den kleinen Flecken und Ortschaften werden die jüdischen Händlermassen in ihrer überwiegenden Mehrheit das schwere Opfer bringen. Der Bauer und der christliche Arbeiter werden sich allmählich daran gewöhnen, ihre Einkäufe am Sanistag nachmittag im christlichen Laden — die neue Sachlage wird natürlich neue christliche Handelsleute schaffen — zu besorgen, und die dünne Suppe des jüdischen „Kaufmannes" des Ansiedlungsrayons wird nur noch dünner werden. In den großen Städten aber werden viele, mit der Zeit vielleicht die meisten jüdischen Kaufleute sich gezwungen sehen, auf die ergiebige Quelle der ungebrochenen Geistesstärke und Widerstandsfähigkeit unseres Volkes, auf die durch Jahrtausende geadelte und adelnde Sabbatruhe blutigen Herzens zu verzichten. Somit wird aber auch in weiten Volksschichten ein verhängnisvoller Prozeß religiöser und nationaler Zersetzung einreißen. Das neue Gesetz bildet demnach für uns nicht bloß eine schwere wirtschaftliche Kalamität, sondern es ist auch daneben und darüber hinaus ein nationales Verhängnis von unabsehbaren geschichtlichen Folgen. So paradox es klingen mag, so bleibt uns nur noch die einzige Hoffnung, daß die Regierung im Vereine mit dem Staatsrat dann doch an den rigorosen Dumabeschlüssen partielle Korrektiven anbringen wird. Dumaabgeordneter Nisselowitsch über die Sonntagsruhe Abgeordneter Nisselowitsch äußerte dem Vertreter des' „Rasswjet" gegenüber, daß es durchaus unbegründet sei, wenn manche die Hoffnung hegen, der Staatsrat werde an dem von der Duma angenommenen Sonntagsruhegesetz irgendwelche Änderungen vornehmen, die den Bedürfnissen und Wünschen der jüdischen Bevölkerung entsprächen. Wenn man das Verhalten der Geistlichkeit in dieser Frage in Betracht zieht, müsse man zur Überzeugung gelangen, daß diesmal Staatsrat und Regierung der Duma nachgehen werden. Die Annahme dieses Gesetzes würde für die Juden ein schweres Verhängnis bedeuten; die jüdische öffentliche Meinung müßte daher darauf bedacht sein, unsere diesbezüglichen Wünsche und Bedürfnisse so oft und so nachdrücklich als möglich zum Ausdruck zu bringen, um die Regierung, die Abgeordneten, die Presse und die Gesellschaft über die Sachlage aufzuklären. Dies dürfte für die Zukunft von Bedeutung sein. Eine neue jüdische Monatsschrift Eine Gruppe jüdischer Schriftsteller in Petersburg ist im Begriff, eine neue Monatsschrift in jüdischer Sprache herauszugeben. Die Monatsschrift soll in Heften von je zehn Druckbogen erscheinen. Die Hauptmitarbeiter derselben sind Perez, Asch und Ansky. \Jo^ NACHRICHTEN"^] Von der A. J. K. O. Die A. J. K. O. (Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation) versendet ein längeres Communique", aus welchem zu entnehmen ist, daß sie sich entschlossen hat, ein jüdisches Finanzinstitut für Bodenerwerb, Parzellierung und Agrarkredit im Orient ins Leben zu rufen. Es sei zu diesem Zweck ein Plan ausgearbeitet worden, auf Grund dessen sämtliche die jüdische Kolonisation im Orient auf rein wirtschaftlicher Grundlage anstrebenden Organisationen *und Gruppen ihr Kapital in der neuen Gesellschaft vereinigen können, ohne ihren Sonderbestand aufzugeben. Literarisches -^nn Pädagogische Zeitschrift für Lehrer und Eltern. Herausgegeben vom Verbände der Lehrer in Palästina, redigiert von Dr. N. Turow. Heft I und II, Nissan-Thammus 5670. Wohltuend, gleichsam als Erholung wirkt es auf ein im Golus an der nationalen Erziehungsarbeit bis zum Verzweifeln erschöpftes Gemüt, wenn man die Erfolge sieht, welche das Schulwesen im neuen Palästina, trotz der quantitativ bescheidenen Anfänge, schon heute aufzuweisen hat. Zu diesen Erfolgen gehört unstreitig die vorliegende Zeitschrift, deren reicher und gediegener Inhalt die Berufsgenossen in den Ländern der Zerstreuung nicht weniger interessieren dürfte als diejenigen in Palästina. Denn im Kreise der nationalgesinnten Lehrer ist man längst von der Erkenntnis durchdrungen, der die Herausgeber in ihrem Programme Ausdruck geben, daß „unsere nationale Wiedergeburt auch in den Ländern der Zerstreuung sehr abhänge von der Entwicklung einer gesunden hebräischen Erziehung an der Stätte des Entstehens und natürlichen Wachstums unseres Volkes". Aus der Fülle des reichen Inhalts sei hier nur hingewiesen auf die Arbeiten des Redakteurs: „Die Pädagogik und die Psychologie" (S. 6—13), P.Auerbach: „Über Kinderspiele" (94—101), Ch. Fialkow: „Der naturwissenschaftliche Unterricht in den Volksschulen" (102—110), die aber so allgemein pädagogische Fragen behandeln, dal,) ihre Beurteilung in eine pädagogische Fachzeitschrift gehört, ebenso wie der aus dem Deutschen übertragene Aufsatz des Berliner Pädagogen W. Münch: „Der Unterricht und das Interesse" (14—23). Es sei nur im allgemeinen anerkannt, daß der hebräische Stil frisch und lebendig ist und durchweg moderne fachmännische Bildung und außerordentliche Gewandtheit verrät. Was auch Laien interessieren muß, sind die spezifisch nationalen Erziehungsfragen, die in dieser Zeitschrift behandelt werden und die uns ein klares Bild geben von den großzügigen modernen Gesichtspunkten, die in dem neuen nationalen Schulwesen Palästinas vorherrschen. Zu den besten dieser Arbeiten gehört der Aufsatz Dr. Mossinsons: „Die Bibel in der Schule" (23—32; 110—119), dessen Ausführungen einen erfreulichen Umschwung in der Gesinnung unserer Lehrer bekunden. Es ist nämlich nicht so lange her, daß die Bibel von den meisten sogenannten „Safa-Beruristen" nicht nur als Stiefkind behandelt, sodern auch so gründlich mißachtet wurde, daß nTO"jn a*s „modernstes" Schimpfwort galt. Die Reaktion gegen die sinn- und geschmacklose Phraseologie, von der die neuhebräische Literatur jahrzehntelang beherrscht wurde, war wohl berechtigt, aber die Geringschätzung des höchsten Kulturwertes, den wir nicht allein in dem Inhalt, sondern auch in der Sprache, in der Form und Darstellungsweise der Bibel unstreitig besitzen, hätte für unsere nationale Pädagogik verhängnisvoll werden können, wenn man nicht rechtzeitig den Fehler eingesehen hätte. In den letzten Jahren