Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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88 DIE^ELT No. 4 oder gar nicht gekannt haben! Und als wir uns am nächsten Tag in demselben Hause bei dem ersten Chanukalicht zur Feier der Einweihung des Hauses versammelt hatten, klang die Stimmung von gestern noch nach, und wir alten, sonst so ernsten Leute wurden auch zu unbefangenen Kindern, die im fröhlichen Lachen und übermütiger Laune den Goluth weit von uns wußten und uns wie ausgelassene Kinder der Heiterkeit des Augenblicks ergaben. Und so tanzten wir, — man kann es dreist behaupten, denn wir hatten kaum ausgeschlafen, — in das andere Fest, in das Fest der Einweihung unseres Gymnasiums hinein. In einem vollgefüllten Saale zwischen Kindern, deren Augen leuchteten, deren Wangen glühten, kamen wir wieder in andere Sphären, in Regionen der Gefühle und Gedanken, die nicht der Wirklichkeit waren, sondern an die Hoffnung der Zukunft grenzten, die doch schön werden muß, wenn wir solche Kinder haben. Und wenn man dem Orchester und dem Chore der Kinder lauschte und daran dachte, daß es vor zwei Jahren noch keinen Anfang von diesem Orchester gab, so mußte man Lehrer und Kinder bewundern. Vieles, vieles wird da geleistet, und nicht auf Kosten der physischen Kraft, denn unsere Kinder sind schön und gesund, ihre Haltung ist aufrecht, und der Bau ihrer Glieder ist stolz, und ihre jungen Körper ragen zum Himmel, wie die jungen wohlgepflegten Oliven^ bäumchen. Was Wunder, daß wir dann zusammen mit solchen Kindern unter Jauchzen und Jubel den Erbauern des Hauses, deren Bilder uns so freundschaftlich ansahen, den Leitern und insbesondere dem Gründer des Gymnasiums huldigten. Wir taten es von ganzem Herzen, und keine Seele blieb ungerührt, kein Herz kalt. Und auch dieses Fest schloß Tanz, der die ganze Nacht alt und jung vereinigte. Und kaum war der Tag des zweiten Lichtleins zur Hälfte gekommen, als sich die Schüler bei ihrem ersten Leiter versammelten, um ihm eine Ovation und ein Ständchen zu veranstalten. Von da marschierten sie zu den übrigen Lehrern, bei denen am nächsten Tag lustige Empfänge für die gesamte Kinderschar stattfanden. An jeden Empfang, der mit Sang und Klang vor sich ging, reihte sich am Abend ein Fackelzug der Kinder an. Alles, was in Tell-Awiw lebt, schloß sich diesem Zuge an. Von den kleinen Kindergartenbürgern bis zu den ältesten Einwohnern Tel- Awiws marschierte alles unter den Klängen des Orchesters in Reihe und Glied erst die Hauptstraße entlang, dann einigemale um das Gymnasium herum. Und kaum war diese Melodie verklungen, als sich das Publikum schleunigst im Gymnasiumsaal versammelte, denn für 8 Uhr abends war das Fest der Arbeiter angesagt. Und der Clou des Abends war das Konzert Höpen kos. Das Spiel des Lehrers der Musikschule, deren glänzende Leistungen wir von früher her kannten, hat uns auch diesmal nicht enttäuscht, und das Publikum war wie aus dem Zauber gerissen, als die letzten Töne der Hopenkosschen Violine verklangen. Wieder hielt das Büffet und Lotterie, Tanz und Gesang das Publikum die ganze Nacht beisammen. Der nächste Abend lud uns zum Chanukafest in der Mädchenschule ein. Bot uns die Gymnasialjugend mit ihren männlichen Vertretern das Symbol Chanukas, die Kraft dar, so wurden wir hier von der Anmut und Schönheit der Mädchen ganz gefangen genommen. Dieses Fest der Mädchenschule war der Glanzpunkt unserer Festwoche und bleibt uns in Erinnerung wie ein Märchen, an dem wir uns in der Jugend ergötzt haben. Zunächst das lebende Bild, das Bild der Chanukahmenorahs Diese acht wunderschönen Mädchen, abgestuft in der Größe, jeden mit prächtigem aufgelösten Haar, eine Krone auf dem Kopf und in der Krone ein Lichtlein! Drei von den Lichtlein brannten schon, das vierte steckt gerade der hinten stehende Schames an, die andern drei sind noch finster. Ein Jubeln und Jauchzen der zuschauenden Kinder, der versammelten Eltern, die hier zum großen Teile aus Sephardim bestehen, dankte den Lehrern für ihre Mühe und Liebe. Und dann kam die Aufführung eines Märchens, begleitet von Musik und Chor mit Tanz. Wer hätte das geglaubt, daß arme sephardische und russische Kinder so viel Anmut besitzen? Daß sie mit so viel vornehmer Bewegung und Grazie, mit so viel Rhythmik der Glieder bewegen können, diese meist armen Kinder, die in schlechten Wohnungen, mit schlechtem Essen, in Gram und Kummer mit den Eltern zusammen von Tag zu Tag um die Existenz kämpfen? Wie glücklich waren diese Kinder, sich in diese Welt des Märchens zu flüchten und geschmückt unter dem Jubel ihrer Geschwister und Eltern einen Abend zu verleben! Mit wieviel Liebe und Freundschaft führten dam: die Lehrer die gesamten Kinder zum Büffet, wo sie sich kleine Erfrischungen sehr gut schmecken ließen! Nach den Turn- und Marschproduktionen versammelten sich die Kitider im Saale und ein Lehrer stimmte das Chanukalied an, und unter der Begleitung der Kinder fing der Tanz an. Wenn ihr, die ihr in Europa wohnt, wissen wollt, was Palästinaleben ist, so müßt ihr unsern Tanz sehen! Man kann heute nicht sagen, ob das gerade der nationale Tanz ist, er hat sich aber eingebürgert und begleitet jedes Fest. Diesen Tanz tanzen alle, er vereinigt in Reigen jung und alt und erinnert an den Hochzeitstanz aus dem Osten. Und wer vermag die Eindrücke zu schildern, wenn man Schüler und Lehrer zusammen so fröhlich und befreundet sieht;! Um wieviel inniger und herzlicher ist da das Verhältnis, als in Europa, wo man dem Lehrer nicht so gerade in die Augen zu sehen wagt. Von diesem Feste aus bestiegen mehrere Gäste um 10 Uhr abends die Wagen, um nach Sebastie, dem alten Sichern, zu fahren. Die Meldungvon den interessanten Ausgrabungen veranlaßte sie hinzugehen. Am Samstag mittag gab es wieder zwei Barmizwahfeiern in der Familie Scheinkin für zwei Gymnasiasten, deren Eltern in Rußland weilen. Es war bewundernswert, mit wieviel Liebe die Gastgeber sich um fremde Kinder bemüht haben. Die Kinder, die sich glänzend amüsiert haben, gingen am frühen Abend nach Hause, denn es hieß, für den nächsten Morgen sich auf den Weg nach Lydda vorzubereiten. Es war für die Gymnasialjugend ein Ausflug nach Modin, der Makkabäerstätte, geplant, und da der Weg über Lydda führt, wurde die Einweihung der neuerbauten Bezalelkolonie auf dem Nationalfondsgut in Ben-Schamen für diesen Tag anberaumt. Der Extrazug, der in Tel-Awiw hielt, nahm die Gymnasialjugend und eine Menge von Leuten mit, und unter den Klängen der Gymnasialkapelle verließen wir Jaffa. Auf dem Landwege von Lydda vereinigten wir uns mit den Leuten, die zu Wagen und zu Pferde aus allen Kolonien nach Ben-Schamen strömten. In einem glänzenden Aufzuge gelangten wir in den Wirtschaftshof von Ben-Schamen, um von dort weiter in die Kolonie Bezalel zu gehen. Unter dem wunderschönen Himmel, in der schönsten Sommersonne, glänzten vor uns die stilvollen Häuser, und als größtes das Arbeiteratelier der Jemeniten. Wenn man in noch so pessimistischer Stimmung diese Häuser sieht und bedenkt, daß dort zwölf Familien von ihrer Hände Arbeit leben, und daß dort von den Jemeniten die kunstvolle Silberfiligranarbeit gemacht wird, so muß man sich von Herzen über den Erfolg freuen, den unser Wille errungen hat. Mit dem Schehechijanugebet und mit einer Festrede des Ältesten der neuen Ansiedler, mit Chorgesang der Jemeniten fing die Feier an. Darauf folgten einige Ansprachen, und die Feier beschloß Chor und Kapelle der Gymnasialjugend. Nach Besichtigung des Ateliers und der \Häuser begab sich das Publikum in den Wirtschaftshof von Lydda zurück und verbrachte dort den ganzen Nachmittag mit Tanz und Sang. Am Abend beendete die Feier ein Fackelzug, und das Publikum marschierte wieder nach Lydda zurück, um in dem bereitstehenden Extrazug nach Jaffa zu fahren. Wieder hielt der Zug in Tel-Awiw, und wieder verkündete die Kapelle, daß das Publikum zurückgekehrt ist, voll Lust und Leben, allen voran die Kinder des Gymnasiums. * * Und Ihr werdet fragen, warum ich alles so genau berichtet habe. Eine Antwort soll mein Bericht sein, eine Antwort auf euren Chanukaartikei der „Weit". Er heißt „Chanukah le'athid". . . So werden sie, die Heimgekehrten Rückschau und Vorschau halten. Den Blick in die Weite gerichtet und den Kopf aufrecht, — so werden sie ihrer großen Zukunft entgegenschreiten. Und um sie herum werden sich ihre Kinder tummeln, rotbackig, lebensfroh und zukunftssicher. Von ihren kirschroten Lippen werden helle, klingende Worte fließen in uralter und doch von Jugendfrische und quellender Kraft strotzender Sprache. In der Sprache, in der man zweitausend Jahre nur geweint und geklagt hat, werden Kinder singen, werden Kinder lachen, werden Kinder ihre Lebensfreude und ihren Übermut hervorquellen lassen. Und aus den Glanzaugen der Kinder werden Strahlen schießen, helle, warme, sonnige Strahlen, die Leben schaffen, Strahlen, die Ahnen, Hoffen und Zuversicht wecken. Und über allen wird sich der große blaue Palästinahimmel breiten, — eine Unendlichkeit und eine Ewigkeit. „Chanuka le'athid". Sind wir nicht glücklich, wir, die ihn schon jetzt erleben? Tel-Awiw, Ende Chanuka 5671. Eine Teilnehmerin. Eine Organisation gesetzestreuer Lehrer in Palästina In Jaffa ist soeben unter dem Namen Histadruth Hamorim Ha-Ortho doxim be-Erez Israel eine neue Berufsorganisation gesetzestreuer Lehrer begründet worden, die sich namentlich die Fortbildung der an den verschiedenen orthodoxen Schulen Jaffas