Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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F?fr: /$p 82 DIE -I f;, p r ELT No. 4 „Mit genialem Künstlergriff" — ohne Psychologisieren und Herumschildern. Mendele treibt keine eigentliche „Psychologie". Er wühlt nicht in der Seele des Helden; er stellt keine Gefühlsbetrachtungen an. Er wirkt bloß durch Bilder, durch konkrete, greifbare Bilder; durch einen packenden Strich, eine charakteristische Gebärde, durch eine glückliche hervorgekehrte Situation, die das ganze Wesen des Menschen enthüllen, durch ein Akzidens, das geradezu symbolische Bedeutung erhält. Wir sehen „Fischkes des Krummen" Bettelsack und es offenbart sich uns nicht nur ein ganzes Menschenleben und Menschenwesen, sondern auch die ganze Tragik eines Volkes, eines enterbten und gequälten Wander- und Bettelvolkes. In diesem Sinne darf man Mendele zu den SymbolistVn zählen. Der wandernde Buchhändler; die mißhandelte Stute, die zur Stadtweide nicht zugelassen wird, weil sie nicht zum Gemeindevieh gehört; Fischkes Bettelsack: lauter Symbole des Ghettoelends, des Judenelends. Als echter Künstler sieht Mendele und zeigt uns im einzelnen das Allgemeine, im Individuum das Kollektivum. Eine Festnummer des „Haolam" Unser Wilnaer Bruderblatt „Haolam" hat zum Jubiläum Mendele Mocher Sforims eine überaus reichhaltige und prächtig ausgestattete Festnummer herausgegeben, die ein wohlgelungenes Bildnis des Jubilars und Beiträge der hervorragendsten jüdischen Schriftsteller Rußlands enthält. U. a. würdigen in dieser Nummer J. L. Perez, J. Ch. Rawnitzky, Ch. N. Bialik und Dr. Eljascheff (Baal Machaschawoth) die Persönlichkeit und das literarische Schaffen dieses Altmeisters der modernen jüdischen Literatur. Mendele-Abend in Wien Die jüdische Presse Österreichs widmete dem „Großvater" (Seide) der jüdischen Literatur, Mendele Mocher Sforim anläßlich seines 75. Geburtstages festliche Artikel. In vielen Städten Galiziens wurden Mendelefeiern abgehalten. In Wien haben die „Arbeitergruppe für Literatur", die Vereine „Hasomir", „Jüdische Kultur" und der „Verein jüdischer Hochschüler aus Rußland" am 12. d. M. im Bayrischen Hof einen Mendele-Abend veranstaltet. Herr Bertholdi feierte in der Eröffnungsansprache den Jubilar als den Dichter der jüdischen Not und der „jüdischen Farbe" (Bettlersacks). Das ausgezeichnete Jüdisch des Redners verdient erwähnt zu werden. Der Festredner des Abends, Herr Loubetzky, würdigte das Schaffen Abrahmowitsch und seine Bedeutung für die jüdische und hebräische Literatur. Mendele sei kein Epiker, kein Romanist, er versteht aber in genialer Weise die Bewegung, die Gebärde plastisch festzuhalten. Ein Lyriker von bezwingender Darstellungskunst, ein Jude mit griechischen Augen. Der beifällig aufgenommenen Rede folgten Rezitationen aus den Werken Mendeles, Gesang- und Violinvorträge. Die unzulängliche Akustik des Saales beeinträchtigte in hohem Maße den Erfolg des Abends. Es ist bezeichnend und sehr'erfreulich, daß die schöne Festveranstaltung ein rnehrhundertköpfiges Publikum herangezogen hatte. Der Vater der jüdischen Literatur, der Reformator der hebräischen Prosa, der köstliche Satyriker und Dichter Mendele , ist auch in Wien kein Fremder. Der Feier folgte in den Räumen des Cafe Marienbrücke ein geselliger Kommers, bei dem die Herren Weißmann, Sindarowsky, Kaplansky, Loubetzky u. a. sehr freundlich aufgenommene Ansprachen hielten. An den Jubilar wurde eine Adresse gerichtet. Dokumente aus der Zeit des Propheten Elia Seit einiger Zeit — so berichtet die „Frkf. Ztg." aus Konstantinopel — werden in der alten Provinz Samaria in Palästina unter Leitung des Professors Dr. George Andrew Reisner (Cambridge, Massachusetts) auf Kosten des amerikanischen Millionärs Jacob Schiff Ausgrabungen vorgenommen, die auf der Stelle der alten Königsstadt Chomron, später Sebastia genannt, wichtige Funde zutage gefördert haben. So wurden kürzlich ungefähr hundert Tontafeln gefunden, die zum Teil mit babylonischen Schriftzeichen bedeckt sind. Einige dieser Platten lassen genau feststellen, um welche Zeit sie geschrieben wurden, und eine stellt nach den bisher durchgeführten Entzifferungen einen Brief an den König von Israel, Achab, dar, den Zeitgenossen des Propheten Elia. Eine andere Tafel enthält eine Liste aller Schätze, die im Palast König Achabs vorhanden waren, andere wieder sind Kaufverträge. Über das gleiche Thema veröffentlicht der Berliner Orientalist Dr. A. S. Yahuda im „Berliner Tageblatt" einen Artikel, in dem er nähere Mitteilungen über die Funde macht. Danach zeigen die Täfelchen dieselbe althebräische Schrift, in der der sogenannte Mesa-Stein von König Mesa von Moab beschrieben und die Siloa- Inschrift aus der Zeit des Hiskija, Königs von Juda (729—699 v. Chr.) verfaßt ist; nur sind die Buchstaben nicht in den Ton eingeritzt, sondern mit Tinte geschrieben, mit jener tiefschwarzen, farbensatten ägyptischen Tinte, die uns Schriften aus dem ersten und zweiten Jahrtausend vor der gewöhnlichen Zeitrechnung auf Papyris, auf hölzernen Särgen und auf Tonscherben in Kreta und Ägypten bis zum heutigen Tage in ausgezeichnetem Zustande konserviert hat. Die Sprache, in der der Brief an Achab — ein Schreiben des Königs von Assyrien — abgefaßt ist, ist assyrisch, die Schrift aber nach einer Mitteilung Keilschrift, nach einer andern die althebräische. Über den Namen des assyrischen Königs ist vorläufig noch nichts bekannt gegeben; es kann jedoch keinem Zweifel unterliegen, daß es sich entweder um Assurb anipal (884 bis 860 v. Chr.) oder dessen Sohn Salmanassar II. (859 bis 825 v. Chr.) handelt, die Zeitgenossen von Omri und Ahab waren (900 bis 854 v. Chr.). Jedenfalls läßt sich auf Grund der Entdeckung des assyrischen Schreibens mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, daß der ganze Fund aus dem Archiv des Königs Achab selbst oder aus der Kanzlei eines königlichen Schreibers stammt. Über den Inhalt der übrigen Dokumente werden wohl bald vom Finder selbst nähere Mitteilungen gemacht .werden; alles in allem kann dieser Fund schon jetzt als die wichtigste im heiligen Lande überhaupt gemachte Entdeckung bezeichnet werden. Die Zeit, aus der die Täfelchen stammen, war sowohl in politischer als auch religionsgeschichtlicher Beziehung eine der bewegtesten Epochen der biblischen Geschichte. Achab selbst, der um 870 bis 854 v. Chr. regierte, war einer der tatkräftigsten Könige von Israel, und in seine Zeit fiel auch die Tätigkeit des großen Propheten Elia. Obwohl manche biblische Überlieferung durch assyrischbabylonische Inschriften bestätigt wurde, sCj.iSt es doch von der größten Wichtigkeit, daß der Boden des biblischen Landes selbst Dokumente erhalten hat, die die Bibel bestätigen oder ergänzen. o o o o o o o o o o o o AUS DER BEWEGUNG l o o o o o o o I 3) o o o o o o o * i »f ■il I Hyman Morris | Der Präsident der zionistischen Föderation in Südafrika, Mr. Hyman Morris ist Ende Dezember in Johannesburg im 54.Lebensjahr gestorben. Er stammte aus Posen und kam im frühen Kindesalter nach London, wo er in der Jew's Free School erzogen wurde. Im Jahre 1873 ging er nach Südafrika und wrar längere Jahre hindurch Manager der Cape Commercial Bank in Beaufort West. Im Jahre 1886 ließ er sich am Rand nieder. Herr Morris nahm stets tätigen Anteil an den jüdischen und öffentlichen Angelegenheiten. Er war ein Gründerder jüdischen Gemeinde Witwatersrand, der er mehrere Jahre als Präsident vorstand. Der zionistischen Bewegung, der er sich gleich nach ihrem Entstehen anschloß, war er in Treue ergeben. Mit Hingebung und Opferfreudigkeit diente er unserer Idee und erwarb sich das Vertrauen/ unserer Gesinnungsgenossen in Südafrika, die ihn zum Präsidenten^ ihrer Föderation wählten. Mit ihnen wird die ganze Organisation! seiner stets in Ehren denken. ^wtfM»M.{. ■*£jJk\