Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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V No. 4 DIE^ELT 81 Flucht nicht so weit anpassen, um in der treibenden einzelnen Welle einer werdenden Welt das Allgemeine zu erschauen und Jessen Sinn und Wesen dichterisch zu erfassen. Mendele ist der Dichter der Väter und der Welt der Väter, der geronnenen, erstarrten Welt der Väter. Bei den Söhnen fand er, wie er selbst erzählt, „keinen an Charakter und Persönlichkeit ganzen Typus". 53 Jahre sind bereits verflossen, seitdem Mendele Mocher Sforim lie Arena der hebräischen Literatur betreten hat. Während dieser Zeit hat sein Dichten große Wandlungen an Stil und Stoff erfahren. Man würde aber fehlgehen, wenn man bei ihm den adäquaten Ausdruck für all die Wandlungen und Umwälzungen, die die ussische Judengasse während dieser Zeit erschütterten, suchen wollte. Groß und dramatisch, mitunter auch absonderlich grotesk varen diese Wandlungen und Erschütterungen. Auf die naive Jnberührtheit des durch seine Ganzheit und Einheitlichkeit sturmtesten Ghettos, das in seinem murmeltierartigen Winterschlaf vor den mannigfachen Feinden seiner Sonderexistenz geschützt 'war, folgte zunächst jene kurze Übergangszeit des unruhigen Tastens und Suchens, jene Zeit eines dunklen Gefühls von dumpfem Fernbeben, eines halbbewußten Gärens und Erwachens, die bald von der Sturm- und Drangzeit der kampfeslustigen Haskalati abgelöst werden sollte. Das neue Geschlecht nahm frisch-fröhlich den Vernichtungskampf auf gegen die hergebrachten Fesseln, die auf dem Volksgeist lasteten und ihn verkrüppelten, gegen alles Morsche und Verrottete im alten Judentum; in seiner naiven Einfalt aber, die es mit seinen Vätern gemein hatte, übersah es die andern, viel schwereren Fesseln, die zu allererst hätten abgewälzt werden müssen, wenn das Volk zum Vollbesitze der Entwicklungsmöglichkeit seiner natürlichen Kräfte gelangen sollte. Erst dem nachfolgenden Geschlechte war es vorbehalten, den tiefern Sinn der großen jüdischen Bewegung zur Freiheit und innern Wahrhaftigkeit zu begreifen. Es beginnt das Zeitalter des Ringens und Strebens nach nationalem Volleben, das Zeitalter der Erhebung des souveränen Volksgeistes gegen alle Art Knebelung, das Zeitalter der großen, schöpferischen Sehnsucht nach Freiheit und Ganzheit, nach innerer Echtheit und Eigenpersönlichkeit, kurz: das Zeitalter des Zionismus und der nationalen Renaissance. Und nun die letzte Etappe: die russische Revolution und ihr Zusammenbruch. Der große Freiheitskampf des russischen Volkes hat weite Kreise der russischen Judenheit in heftige Mitleidenschaft gezogen. Der Brennpunkt des jüdischen geistigen Lebens, die nationale Regenerationsbewegung schien eine Zeit lang vom Glänze der russischen Erhebung ganz verdunkelt zu sein. In weiten Kreisen trat eine verhängnisvolle Zerrüttung und Verwirrung ein. Die Stärksten und Besten blieben aber fest, und die jüdische Bewegung konnte in eine höhere, vollkommenere, synthetische Entwicklungsstufe eintreten, welcher weder das Cauchemar der Pogrome, noch die allgemeine Depression infolge der fehlgeschlagenen Hoffnungen ernste Gefahr bieten konnten. Dies waren die äußern Stürme und die innern Metamorphosen, die sich von Mendeles Augen im Laufe seiner schriftstellerischen Tätigkeit am russischen Judentum vollzogen haben. Mendele, der Dichter, weiß uns aber sehr wenig von alledem zu erzählen. Mendele hat es überhaupt nicht mit dem aktiven Juden zu tun, der sein soziales und nationales Geschick in die eignen Hände nehmen will. Er kennt nur das alte Ghetto mit seiner Oolus-Passivität; jene willenlosen Maschinen in der Tretmühle des Lebens, die in kleinlichen erdrückenden Tagessorgen verkümmern und gar nicht mehr fähig sind, aus ihrer Dumpfheit und Öde hinauszustreben. Und so paradox es klingen mag: darin liegt seine einzigartige Oröße und Bedeutung. Es ist eben der Klassiker des russischen Ghettos. Und weil er Klassiker ist; weil er diese Menschen in ihrer Enge, diese ewigen Lasttiere mit ihrem lächerlichen Mühen und Kämpfen, das so sinn- und zwecklos ist, in unvergängliche plastische Bilder zu bannen wußte, — hat er uns diese verkümmerten und verdorrten Seelen so menschlich nahe gebracht; hat er uns dieses Ghetto, aus dein wir unsern geistigen Ursprung nahmen, dem wir aber mit der 3Jeii so sehr entfernt wurden, verstehen und — lieben gelehrt. Wir finden hier freilich keine großen, fesselnden Geschicke. — Nicht auf diese kommt es Mendele an. Die klägliche Misere, die Tragik des Kleinlebens, das um so tragischer ist, als es sich seiner Tragik gar nicht mehr bewußt wird, zieht ihn an. Die ewig geschundene, abgehetzte, hungernde, unter der schweren Last der unzähligen alten Bücher keuchenden „Stute", mit welcher die zentrale Figur seiner Dichtungen, Mendele „Buchhändler", die jüdischen Siedlungen durchwandert, ist das Symbol der unsäglichen Qual und Jämmerlichkeit des Ghettodaseins. Dabei ist Mendele durchaus unsentimental. Er hat nicht die weiche, holde Stimmung, die zarte Melancholie, die die Novellen eines Perez, eines Asch uniweben. Eigentlich will er auch nichts als minutiös naturalistische Schilderungen geben. Er will es, wie er sich selbst ausdrückt, „nach der Art der Naturkundigen machen, die die Natur der Geschöpfe beobachten und schildern" („Bajamim nahem"). Häufig ist er auch kühl bis ans Herz. Man sieht nur noch den Virtuosen, den gewaltigen Sprachkünstler, der auf die fein geschliffene Form, auf den Witz, auf die Pointe ausgeht. Mehr als dies. Bisweilen malt er hart und herb, und ein bitter ironisches Gelächter über die Pein und das Bizarre des Lebens in der jüdischen Gasse, über das absurde Dasein all der „Kabziel", „Ksalon" und „Btalon" gellt uns schrill entgegen. Und doch ist Mendele kein kühler Beobachter, noch weniger ein verbissener Nörgler, der mit höhnischer Zerstörungsfreude in den klaffenden Volkswunden herumwühlt. Wer lesen kann, wird immer in der epischen Ruhe oder in der bittern Ironie Mendeles den tiefen Schmerz über die gequälte Kreatur mitschwingen hören, die so sehr in der Hetze ihres Kleinkrams versunken ist, daß ihr das Leid und die Jämmerlichkeit ihres Daseins gar nicht mehr zu Bewußtsein kommt. Wir haben es eben bei Mendele mit einem waschechten Juden zu tun, mit einem „jüdischesten Juden" („jehudi schebij'hudim"), wie er sich selbst attestiert; mit einem zwiespältigen, zerrissenen Juden, der für die ungetrübte epische Ruhe, für das heitere, unmittelbare, harmonische Schauen durch Rasse und Geschichte verdorben ist. Er selbst spricht davon, daß in ihm zwei Mendeles nebeneinander leben, die im ewigen Kampfe liegen. So bricht denn häufig bei ihm unerwartet das edle Pathos eines großen Mitleids mit der gequälten edlen Volksseele aus, die durch ein tragisches Geschick grotesk verrenkt wurde und dem oberflächlichen Nachbar sich nur noch im buntscheckigen Gewände eines widrigen Clowns zu offenbaren vermag. Dieses Pathos teilt ich häufig dem Leser von selbst mit, ohne Absicht und Vorbedacht des Dichters. Wenn uns Mendele die Messe von Kabziel schildert und wir all die hastenden Juden vor uns sehen, die mit flatternden Rockschößen, in den Nacken geschobenen Hüten und herabbaumelnden Schläfenlocken, einzeln und paarweise, wie besessen hin- und herrennen, um den Bauer zu einem sehr problematischen Pfennighandel zu bewegen, so können wir uns eines Gefühls des Mitleidsund des Zornes über die verletzte Menschenwürde nicht erwehren. Unheimlich wird es uns zu Mut, wenn Mendele bisweilen mit einem ihm eigentümlichen genialen Künstiergriffe in die geheimsten Winkel des Seelenlebens dieser Menschen von Kabziel und Btalon hineinleuchtet und wir eines leblosen Schattenreiches gewahr werden, wo die tiefsten menschlichen Lieder ungesungeii verstummen, wo die schönsten menschlichen Hoffnungen und Wünsche ungeboren erstarrt werden.