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Die Welt · 1911-01-27 · 4 (27.1.1911) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
4 (27.1.1911)
Date
1911-01-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8H j*&äXl r i 80 DIEE/&ELT man offenbar gar nicht daran denkt, das jüdische Volkslied in Osterreich an den Tag zu fördern. Ist es denn den vielen hervorragenden Gelehrten im Ausschuß völlig unbekannt, daß in ihrem Vaterland 1 1 4 Millionen Juden leben, daß dieser Volksstamm in seinen großen Leiden und kümmerlichen Freuden in Liedern und Weisen Trost suchte? Als vor Jahren ein großes, ethnographisches Werk über die „Volksstämme Österreichs" herausgegeben wurde, da widmete man noch den Juden ein Heftchen. Dr. Herzberg-Fränkel, der Autor dieser Schrift, behandelte zwar die Juden als einen „fossilen Überrest", als einen absterbenden Stamm! Aber auch wenn es wahr gewesen wäre, so müßte es doch vom historischen, ethnographischen, kurz, vom wissenschaftlichen Standpunkt von Interesse sein, die Volkslieder dieses „erlöschenden" Volkes der Nachwelt zu übermitteln, der Vergessenheit zu entreißen. Nun aber handelt es sich um Lieder, in denen die Seele eines lebenden Volksstammes in Österreich nach Ausdruck ringt. Im jüdischen Ghetto in Böhme und Mähren, in Wien, Galizien und in der Bukowina schuf das jüdische Volk aus seinen Leiden und Schmerzen Lieder voll frommer Zuversicht, Gottergebenheit, Liebessehnsucht, Mutterliebe oder auch heiterer Selbstironie und scharfen Sarkasmus. Sollte es nicht möglich sein, dem jüdischen Volkslied den ihm gebührenden Platz in dem geplanten Werk zu sichern? Die jüdischen Gemeinden und die jüdischen Gelehrten — es gibt ja noch welche von Ruf und Bedeutung in Österreich — sollten ihren Einfluß geltend machen, um den Hauptausschuß zu bewegen, auch das jüdische Volkslied zu berücksichtigen. Es ist einfach erstaunlich, wie der Wunsch bestimmter Kreise, die Juden totzusagen, der Geschichtswissenschat den größten Schaden zufügt, ohne daß die berufenen Faktoren Einspruch erheben. Aus einem ethnographischen Werke erfährt man, daß im Jahre 1898 die Juden in Österreich ein „fossiler Überrest", also ein Objekt geschichtlicher Palaeontologie waren. Die Statistik im Jahre 1900 bestätigt diese Angabe, indem sie feststellt, daß am Anfang des XX. Jahrhunderts die jüdische Mundart, von deren Existenz manche Novellenschreiber zu berichten wissen, spurlos verschwunden war. Im Jahre 1911 schließlich erschien eine Sammlung aller österreichischen Volkslieder, und der fleißige Historiker konnte in diesem verläßlichen Werke kein einziges jüdisches Volkslied finden. Bedarf es noch eines bessern Beweises dafür, daß der „fossile Überrest" der Juden in Österreich um das Jahr 1911 völlig erloschen war! . . So wird man totgesagt. NO. 4 Eine sekundäre Frage. Im ungarischen Reichstag hielt Abg. Wittrnann, der der „nationalen Arbeitspartei", d. h. der Regierungspartei, angehört, eine antisemitische Rede. Ein Ereignis von untergeordneter Bedeutung. Die Judenfeindlichkeit bricht sporadisch in allen ungarischen Parteien durch, wird aus taktischen Gründen in die Schranken gewiesen, und das Volk Israel in Ungarn preist den Liberalismus der Magyaren. Die Rede Wittmanns also würde uns nicht interessieren. Etwas mehr Aufmerksamkeit verdienen freilich die Ausführungen des Ministerpräsidenten Grafen Khuen-Hedervary. Als ein Arbeitsparteiler nämlich die Auslassungen Wittmanns in einer Fraktionssitzung zur Sprache gebracht hatte und eine kategorische Enunziation der Regierungspartei gegen den Antisemitismus verlangte, ergriff Graf Khuen das Wort, um gegen die beantragte Kundgebung zu sprechen. Die Rede des Regierungschefs war ein Meisterstück von deutungsfähigen, diplomatischen Redensarten, die nichts bestätigen oder zurücknehmen. Der Ministerpräsident bezeichnete die antisemitischen Ausfälle Wittmanns als eine unglückliche „Redewendung", als „Entgleisung", die keinen Anlaß zu einem Parteibeschluß geben, und ersuchte, derartigen „Auffassungsverschiedenheiten in sekundären Fragen." keine große Bedeutung beizumessen. Wir können dieser Rede nur entnehmen, das sei nebenbei bemerkt, daß der Regierungschef dieZ u 1 äs s igk e i t von derartigen „ Auffassungsverschiedenheiten" über die so sekundären Juden im Schöße der Partei zugegeben hat. D.h. auch die „nationale Arbeitspartei" verwirft keineswegs bedingungslos den Antisemitismus! Aber all das interessiert uns hier weniger. Fesselnd ist dagegen die Art und Weise, wie die Wiener Hb eralen, d. h. von Juden herausgegebenen Blätter über den Zwischenfall berichtet haben. Eine Woche lang stand da zu lesen, Abg. Wittmann habe heftige Angriffe gegen den „Kaufmannsstand" gerichtet, woran sich die erwähnte Diskussion geknüpft hat. Also gegen den „Kauf mannsstand". In aller Gemütsruhe wurde hier eine Judendebatte in eine Diskussion etwa über die Bedeutung des Handelsstandes verwandelt. Der Antisemit Wittmann wandelte sich zu einem Agrarier oder zu einem ungefährlichen Gegner des Güteraustausches. Die Wiener Juden, die durch viele Fäden mit den ungarischen verknüpft sind, durften nicht erfahren, daß unter den ungarischen Liberalen oder Neuliberalen in der Judenfrage heikle „Auffassungsverschiedenheiten" aufgetaucht sind. So gebietet die assimilatorische Vogel-Strauß-Politik, und die unvoreingenommene Berichterstattung richtet sich danach. f□□□□□n i>- ■" - £^^= FEUILLETON <> □□□□□□ *vi: Uf I \ » Mendele Mocher Sforim (Schalom Jacob Abramowitsch) Zu seinem fäinfundsiebzigsten Geburtstag Von Dr. M. Glücksohn, Odessa Mendele, der Klassiker des russischen Ghettos Der große Dichterenkel des greisen Patriarchen der hebräischen und jüdischen Literatur, Ch. N. Bialik, sprach auf dem vor kurzem abgehaltenen Jubiläumsbankette Mendel es davon, daß das jüdische Volk nunmehr in der Person des Jubilars der neuen Literatur die Sanktion verliehen hat. Er sah den Beweis hierfür in der Tatsache, daß die geradezu nach Tausenden zählenden, aus allen Ecken und Enden Rußlands und des Auslandes eingelaufenen Begrüßungstelegramme, in merkwürdiger Übereinstimmung die große Liebe und Anerkennung für den greisen Dichter zum Ausdruck brachten. Wodurch hat es denn Mendele verstanden, das Volk, das bislang nur für den „Sefer", für das alte, traditionelle, durch Jahrhunderte geheiligte Schrifttum Liebe und Verehrung hatte, dagegen aber von den „neuen Büchelchen", von der modernen profanen Literatur recht gering dachte, zur Anerkennung des verweltlichten künstlerischen Schaffens zu bewegen? Oder ist er so sehr Fackel und Herold seiner Zeit geworden? Hat er vielleicht all das Neue und Werdende im modernen Judentum zu künstlerischem Ausdruck gebracht? Hat er unsere Wünsche und Hoffnungen, unser heißes Ringen um die innere Freiheit und Ganzheit, unsere tiefe Sehnsucht nach dem eignen Urwesen schöpferisch in Bilder gegossen, die die wirren Pfade unseres Seins und Sollens enthüllen? Durchaus nicht. Mendele, der Dichter, kennt den neuen Juden nicht. Die Dynamik der Volksseele ist sein Gebiet nicht. Das Gärende, Wogende, Werdende fesselt ihn wenig. Seine episch-ruhige, zur Plastik hinneigende Natur kann sich an der Erscheinungen bunte;:1,^<S2tl>

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