Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Mo. 4- DIEE^ELT 79 Interesse für die Sache ihres Volkes durch feiges Schweigen bekundeten, gab er ein Beispiel der wahren Pflichtauffassung eines üdischen Abgeordneten, indem er die jüdische Sache zuerst im Jnterhaus, dem er 15 Jahre angehörte, und später im Oberhause zertrat. Lord Swaythling war ein Gegner der zionistischen Bewegung, iber seine Gegnerschaft hindert uns nicht, die tiefe Sympathie anzuerkennen, die er für die verfolgten Juden Rußlands fühlte, und sie freigiebige Art und Weise, in der er dieser Sympathie Ausdruck rab. Er besuchte Rußland in den Jahren 1882 und 1886, um den )pfern der Unterdrückung Hilfe zu bringen, und er selbst mußte ,ei seinem zweiten Besuch den russischen Despotismus kennen lernen, sls ihm befohlen wurde, das Land binnen 48 Stunden zu verlassen. Als Vorsitzender des russisch-jüdischen Komitees in London tat er vahrscheinlich mehr als irgendeine andere jüdische Persönlichkeit i England, wenn nicht in der Welt, um das Elend der russischen luden zu lindern. Leider hat aber all sein Eifer und all seine Mildtätigkeit das Elend nicht um ein Jota vermindert. Seine Absichten waren gut und edel, aber die Methode seiner Hilfeleistung war m Grunde falsch. Wir ehren sein Andenken, aber beklagen zugleich Jen ungeheuren Verlust großer Möglichkeiten, die ein Rückblick auf sein Leben aufdeckt. Wann werden sich unsere Philanthropen vergegenwärtigen, daß der einzige Weg, etwas dauernd Gutes für hrVolk zu erlangen, der ist, an der Verwirklichung der Sehnsucht ihres Volkes nach einem nationalen Heim mitzuarbeiten? Der Zionismus in den überseeischen Ländern. Der Bericht über die kürzlich abgehaltene Jahresversammlung der zionistischen Föderation von Kanada erbringt einen befriedigenden Beweis für die Fortschritte, die unsere nationale Sache in diesem fernen Lande gemacht hat. Der Enthusiasmus, der dort zu Tage trat, erinnert in die glühende Begeisterung der Anfangszeit unserer Bewegung.!:r bestätigt, daß der fernste Westen dem Osten ganz nahe ist in meiner Anhänglichkeit an das Zionsideal. Unsere Gesinnungsgenossen In Kanada haben nicht nur in Worten, sondern auch durch Taten gezeigt, daß sie ihre Arbeit ernst nehmen, und wenn man die verhältnismäßig kleine Anzahl unserer Brüder in diesem Lande in Betracht zieht, muß man gestehen, daß sie wirklich Großes geleistet. Sie haben in überaus kurzer Zeit einen Fonds von 12000^?ür Landkauf in Palästina aufgebracht und haben beschlossen, weitere 28 000 JC für diesen Fonds im Laufe der nächsten zwölf Monate aufzubringen. Eine der erfreulichsten Erscheinungen der Konvention war das herzliche Willkommen, das den zweihundert Delegierten durch den Mayor von Toronto entgegengebracht wurde, dessen Rede ein weiteres Zeugnis bildet, — wenn ein solches notwendig väre — daß Zionismus und Patriotismus durchaus vereinbar sind.;)ie Förderung, die unsere kanadischen Gesinnungsgenossen im ergangenen Jahre dem Jüdischen Nationalfonds zuteil werden Meßen, verdient ebenfalls besondere Beachtung; haben sie doch zu unserm Volksschatz nahezu dreimal soviel beigetragen, als im vorhergehenden Jahre. Überhaupt zeigt die vor kurzem veröffentlichte Jahresstatistik des J. N. F., daß alle größern überseeischen Länder, die Vereinigten Staaten, Südafrika und Australien, sowie auch Kanada ihre Zuwendungen zu der volkstümlichsten zionistischen Institution während der vergangenen zwölf Monate ganz erheblich erhöht haben. Es ist bezeichnend, daß in der Liste der Spenden- Leistungen pro Kopf der jüdischen Bevölkerung Südafrika an der Spitze steht, Kanada und Australien aber sich unter den ersten sechs Ländern befinden. Tatsachen wie diese sprechen beredter als sorgfältig ausgebreitete Berichte von dem ständigen und erfolgreichen Vorrücken unserer Bewegung in den überseeischen Ländern englischer Zunge und zeigen uns diese Gebiete als wertvolle Glieder in der großen zionistischen Kette, die nunmehr die Welt umschließt. Die Unentwegten. Die Zahl der Politiker und politischen Parteien in Österreich, die den Schutz des gebeugten Rechtes als ihren Lebenszweck betrachten, die unentwegt, unermüdlich bedacht sind, gegen jede Schmälerung der Freiheit wütend anzukämpfen, ist nicht unerheblich. Es wimmelt hier geradezu von Demokraten, Radikalen, Freiheitlichen, Volksmännern. Du glückliches Österreich! Wenn man all diesen selbstlosen Volkstribunen glauben sollte, dann gäbe es in Österreich nur eine Quelle allen Unrechts — die Regierung. Nun die Volkszählung hat etwas gutes an sich. Sie zwingt die Unentwegten, das landesübliche Scharwenzeln und Schweifwedeln vor der Demokratie in Ruh zu lassen und einmal in einem Jahrzehnt Farbe zu bekennen. Eine Rubrik im Volkszählungsbogen mag schlecht, ungerecht, unvernünftig sein, aber sie hat die Eigenschaft, daß sie beantwortet, und zwar unzweideutig beantwortet werden will. Daß die Assimilanten, die Polenklubjuden und ihr Anhang in hebräischen und jüdischen Aufrufen die Judenschaft Galiziens aufforderten, sich zur polnischen Sprache zu bekennen, kann nicht verwundern, das ist ihr Beruf, ihr politisches Handwerk. Aber es gibt z. B. in Krakau auch einen „unabhängigen Juden", den Führer einer lokalen Partei. Abgeordneter ' Dr. Groß schillert hie und da jüdisch. Er bekennt sich nicht ganz — in den Wahlreden! — zum Polentum. Er ist Jude-Pole, oder Judenpole, oder auch umgekehrt. Kurz ein nationales Konglomerat. Die Juden Krakaus sind nämlich auf rein polnischer Basis nicht zu organisieren. Herr Abg. Dr. Groß ist auch genötigt, seinem polnischen „Tygodnik" eine jüdische Wochenschrift beizulegen. Offenbar nicht um das jüdische Schrifttum zu pflegen, sondern weil seine Wähler nicht polnisch lesen! Das hinderte Herrn Dr. Groß, den sehr „unabhängigen Juden" nicht, in Aufrufen für die Angabe der polnischen Umgangssprache einzutreten. Nun das ist ein erfreuliches Eingeständnis. Die „unabhängigen Juden" sind also mit dabei, wenn es gilt, eine polnische Mehrheit ' im Lande zu züchten, künstlich zu erzeugen. Ein anderer Freiheitsheld ohne Furcht und Tadel ist Herr Abg. Daszynski, der polnische Sozialdemokrat, mit dem wir uns schon öfter zu beschäftigen hatten. Herr Daszynski klagte in seiner letzten Budgetrede über die Untaten der Tschechen in Schlesien, wo Polen angeblich gezwungen wurden, ihre Muttersprache zu verleugnen. Warum interessiert sich aber der polnische Tribun nicht für die Vorgänge in Galizien? Dort wurden Juden mit Strafen bedacht, weil sie sich zu ihrer jüdischen Umgangssprache bekannten. Ein Ingenieur in Tarnow wurde in den Kerker geschleppt, weil er die jüdische Sprache nicht verleugnen wollte! Alle Machtmittel der Behörden, alle Einschüchterungsmethoden wurden in Anwendung gebracht, um die Juden zur Lüge zu zwingen. Der tschechische Sozialdemokrat Dr. Winter bezeichnete die österreichische Volkszählung als einen europäischen Skandal. Welches Wort soll dann die Gewalttätigkeiten kennzeichnen, die die gesamte polnische Gesellschaft an den Juden bei der Volkszählung verübt hat? Herr Daszynski, der Hüter des Rechts, findet aber kein Wort des Tadels für die Fälschung der galizischen Statistik, mit keiner Silbe erwähnt er des beispiellosen Ringens um gleiches Recht, dessen Schauplatz Galizien war. Herr Daszynski, der Autor jüdischer Wahlaufrufe, der Gralshüter des Rechts. Das Volkslied in Österreich. Es besteht in Österreich ein wissenschaftlicher Verein, der von der Regierung gefördert wird, mit der Aufgabe, eine vollständige Sammlung der Volkslieder aller Nationen und Stämme Österreichs herauszugeben. Fürwahr eine dankbare und schöne Aufgabe, diesen Urquell aller nationalen Poesie und Musik, diese kleinen, tiefsinnigen, einfältigen und ergreifenden Werke naiver Volkskunst dem großen Publikum zugänglich zu machen. Deutsche und tschechische, polnische und slowenische, italienische und ruthenische, serbische und rumänische Männer der Wissenschaft sind zusammengetreten, um dieses Monumentalwerk zu schaffen. Vor einigen Wochen tagte in Wien der Hauptausschuß für das „Volkslied in Österreich". Da waren wir schmerzlich berührt, wahrzunehmen, daß kein Jude in diesem Ausschuß sitzt, daß 2*