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Die Welt · 1911-01-27 · 4 (27.1.1911) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
4 (27.1.1911)
Date
1911-01-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Behandlung der beiden Gutachten erinnert übrigens daran, daß dem „Tiempo" des Herrn Fresco einmal etwas ähnliches wiederfahren ist. Er veranstaltete an einem Tage zwei voneinander ganz verschiedene Ausgaben einer und derselben Nummer. Das kam so: Ende Oktober 1910 hatte sich Herrr Fresco mit dem Qroßrabbiner von Konstantinopel überworfen, da dieser an den jüdischen Turnverein „Makkabi", dessen Feind Herr Fresco ist, ein liebenswürdiges Begrüßungsschreiben geendet hatte. Herr Fresco hatte die Zurücknahme des Schreibens gefordert, was der Großrabbiner verweigerte. Daraufhin wurde noch in der Nacht auf den 28. Oktober eine Nummer des „Tiempo" fertiggestellt und gedruckt, welche am Kopfe eine ganz krasse Drohung und im weitern Inhalte noch mehrere Angriffe auf den Großrabbiner enthielt. In derselben Nacht — widerrief der Großrabbiner sein Schreiben. Herr Fresco hatte seinen Zweck erreicht und es wurde nunmehr eine Neuauflage des „Tiempo" zusammengestellt und versendet, welche keinen Angriff auf den Großrabbiner und namentlich nicht die anonyme Drohung mit der Veröffentlichung alter Geschichten enthielt. Die auf solche Weise unbrauchbar gewordene erste Nummer war in einigen Exemplaren bereits versandtfertig. Natürlich wurde die Auflage vernichtet, doch ist ein Exemplar in die Hand eines Konstantinopeler Journalisten geraten, der in seinem Blatte die Faksimiles der beiden „Tiempo"-Ausgaben reproduzierte. Diese interessante Geschichte von der „Doppelnummer" des „Tiempo" ist ein ebenso sprechender Beitrag zur Charakteristik des Herrn Fresco wie seine „Korrektur" des Baseler Programms. Bei der Betrachtung des Tatbestandes, wie er sich aus den Veröffentlichungen der Briefe der Herren Montefiore und Dr. Frank im „Tiempo" und „Yeni- Assir" ergibt, fällt uns die Juristenfrage ein: „Cui bono?", die stets bei Kriminalfällen gestellt wird, wenn der untersuchenden Behörde der Täter unbekannt ist. Wem konnte die Tat nützen? Wessen Zwecke sollte sie fördern? Man muß sich, wenn man die so eigenartige Behandlung der Briefe in zwei verschiedenen Zeitungen und den auffälligen Zeitpunkt ihres Erscheinens bedenkt, unwillkürlich die Frage vorlegen: Cui bono? Wer hatte ein Interesse daran, daß antizionistisch gefärbte Reflexionen ihren Weg zu den türkischen Lesern fänden? Der „Tiempo", an den die Gutachter ihre Briefe richteten, ist ein nur von wenigen spaniolischen Juden gelesenes Jargon-Winkelblatt, der „Yeni-Assir" jedoch ein weiten türkischen Kreisen, die kein Spaniolisch verstehen, zugängliches Organ. Der Autor der Revision des Baseler Programms ist bekannt. Es ist Herr Fresco. Wer ist der Autor der Revision der beiden Briefe? War es den Herren Montefiore und Dr. Frank bekannt, in welche Gesellschaft sie sich begeben, wenn sie sich von David Fresco zu Eideshelfern bitten lassen? Abzuwarten bleibt, ob sie zu . der dreisten Fälschung schweigen werden, deren Opfer sie geworden sind. Julius Löwy (□□□□□" REVUE DER WOCHE □ □□ □ □ ° Der Massenaufmarsch der galizischen Schanker. Am 12. Februar treffen in Wien zweitausend jüdische Schanker ein. Zweitausend jüdische Familienväter werden den weiten Weg von Galizien nach Wien zurücklegen, um vor der „Stätte der Gesetzgebung" Einspruch zu erheben gegen das Unrecht, das ihnen zugefügt wird, gegen den Verwaltungsstreich, der 25000 Juden brotlos macht. Unter der Führung des zionistischen Abgeordneten Adolf Stand und des unabhängigen Sozialisten Abg. Breiter wird diese ungeheure Massendeputation im Reichsrat erscheinen, vor die Regierung treten. Die Not ist außerordentlich, die Verzweiflung der wörtlich Enterbten, ihrer Existenz jäh Beraubten, aufs Pflaster Gesetzten ist so unsagbar; die Empörung über die verbrecherische Leisetreterei der Hausjuden des Polenklubs während der Schaffung des Gesetzes, über die gewollte Einflußlosigkeit der polnischen Israeliten, die seit Jahren zu den Stützen der Regierungsmehrheit gehören, ist so tiefgehend, daß ungewöhnliche Mittel angewendet werden müssen, um der gesamten Öffentlichkeit vor Augen zu führen, was die galizische Schlachta, was alle polnischen Parteien, von ihren Juden, ermutigt und unterstützt, an nahezu 10000 jüdischen Familien verbrochen haben. Das Massenaufgebot der jüdischen Schanker wird in Wien keinen gastlichen Empfang finden. Die fremden Gäste, deren nach Wien eingewanderte Verwandte vor einigen Wochen während der Volkszählung in urdeutsche Männer transformiert wurden, werden im Rathaus nicht bewirtet werden. Die christlichsozialen Gastwirte und Ausschankinhaber Wiens werden ihre galizisch-jüdischen Standesgenossen nicht begrüßen. Der Zug der zweitausend Juden wird in den Straßen Wiens kaum Mitgefühl wachrufen. Aber wir wollen hoffen, daß die 180000 Juden der Wiener Gemeinde den galizischen Sendboten beweisen werden, daß es noch so was wie ein jüdisches Gemeingefühl gibt. Heute hat das unerbitterliche Schicksal, das eherne Gesetz der Verdrängung, des Überbordwerfens Überflüssiger und Überzähliger gerade die Schanker getroffen. Wieviele sind ihnen vorangegangen? Wo sind die Boryslawer Bergarbeiter, die Salzhändler, die aus allen verstaatlichten und verstadtlichten Betrieben hinausgeworfenen und hinausgeekelten jüdischen Beamten und Angestellten, wo sind die Hausierer und die Hunderttausende, die ihr trautes Vaterland Galizien in den letzten 25 Jahren verlassen haben? Und wer kommt dann an die Reihe? In welchem Ministerium, ob es von einem Deutschen oder Slawen „besetzt" ist, wird über das Geschick eines jüdischen Erwerbszweigs entschieden! Wer vermag es zu ahnen! Aber diese nicht ideelle, sondern reelle Interessensolidarität wird die Juden Wiens bewegen, die hilferufenden galizischen Schänker brüderlich zu empfangen. Die Juden Österreichs, alle Bedrohten und Verdrängten demonstrieren im Geiste mit den zweitausend. Der „Jüdische Nationalverein" in Wien hat es übernommen, für die Unterkunft der Eintreffenden Sorge zu tragen. Lord Swaythling. Der Tod Lord Swaythlings in dem patriarchalischen Alter von 78 Jahren ist nicht bloß ein Verlust für die jüdische Gemeinde Englands, sondern für das ganze jüdische Volk. Das Leben dieses Mannes, der unter seinem frühern Namen Samuel Montagu besser bekannt war, ist ein Beweis für die äußern Erfolge, die ein Jude erlangen kann, wenngleich er den religiösen Überlieferungen seiner Vorväter treu bleibt. Aber ungleich vielen andern Juden, die äußere Erfolge erreichten, verwandte er seinen Reichtum und seinen Einfluß für die Besserung der Lage seiner Glaubensgenossen. Zu einer Zeit, in der andere jüdische Parlamentsmitglieder ihr

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