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Die Welt · 1911-01-27 · 4 (27.1.1911) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
4 (27.1.1911)
Date
1911-01-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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\Q. 4 DIE^KI ELT 77 gramm, die Schaffung eines Judenstaates in Palästina zum Ziel hat, bitte ich Sie, mir ausführlich folgende Fragen beantworten zu wollen: 1. Läßt sich Zionismus und Patriotismus vereinigen, d. h. würde ein Jude, der sich zum Baseler Programm bekennt, seinem Adoptivvaterlande die Treue brechen? 2. Haben die ottomanischen Juden die Pflicht, diese Bewegung energisch zurückzuweisen oder nicht?" Es sind nur zwei Möglichkeiten denkbar. Entweder;ennt Herr Fresco das Baseler Programm, oder er (ennt es nicht. Es wäre nun ungebührlich, von einem Konstantinopeler üdischen Journalisten, der sich mit dem Zionismus zu beschäftigen hat, anzunehmen, daß er den Wortlaut des Baseler Programms, der ja auf jedem Umschlag der „Welt" und in den Kongreßprotokollen gedruckt erscheint und in so vielen Zeitungsberichten angeführt wurde, nicht kennen sollte. Bleibt also nur die Tatsache, daß Herr Fresco das Baseler Programm in einer seinen Absichten entsprechenden Wreise „korrigiert" hat. Diese Korrektur entspricht wohl mehr den Xorriger la fortune"-Maximen des Lessingschen Riccaut de la Marliniere, als den Gebräuchen anständiger, loyaler und ihrer Verantwortung bewußter Journalisten. Herr Fresco wollte eben mit seiner aus dem Handgelenk vorgenommenen Abänderung des Baseier Programms auf die Adressaten seiner Briefe wirken und ihnen eine iVleiming suggerieren, die, wie er wohl gefürchtet hat, bei ihnen nicht bestand. Diese Furcht scheint berechtigt gewesen zu sein. HerrFrescohat in seinem Blatte nämlich außer andern die Antworten des Herrn ClaudeMontefiore in London und des Kölner Rabbiners Herrn Dr. Frank veröffentlicht, welche beide, wie wir noch zeigen werden, in keiner Weise die auf sie gesetzten Hoffnungen des Herrn Fresco erfüllen. Diese beiden Zuschriften haben ein sonderbares Schicksal erfahren. Sie sind nämlich zur gleichen Zeit, zu der sie im „Tiempo" erschienen waren, in der von Konstantinopel so weit entfernten Stadt Saloniki in der türkischen Zeitung „Yeni-Assir" aufgetaucht, aber merkwürdigerweise in einem vollständig veränderten Wortlaut. Stellen wir die Lesarten dieser beiden Briefe einander gegenüber: Antwort des Herrn Claude Montefiore „Ti empo" „Als Präsident der AngloJewish Association, deren Verwaltungsrat unter seinen Mitgliedern glühende Zionisten und Antizionisten zählt, wäre es indiskret von mir, in einer jüdischen Zeitung, die in der Türkei erscheint, über diesen Gegenstand zu schreiben. Es ist bekannt, daß ich persönlich Antizionist bin. Andrerseits muß ich zugeben, daß ich de facto und ohne zu entscheiden, ob dadurch ein theoretischer Widerspruch entsteht, viele englische .luden kenne, die zugleich Zionisten und loyale britische Untertan en sind. Bis zu welchem Punkte diese Verbindung sich in der Türkei herstellen läßt, würde mir unmöglich sein zu sagen. Jedoch fordere ich, daß alle Juden, wie auch immer ihre Meinung über den Zionismus sein mag, vor allem Loyalität und Ergebenheit ihrem Vaterlande gegenüber beweisen müssen, besonders in einem Lande wie die Türkei, wo sie dieselben Rechte genießen wie ihre Mitbürger, die sich zu andern Religionen bekennen." [Antwort des Herrn Dr. Frank: „Tiempo" „Ich bin kein Anhänger dieser Bewegung, aber ich enthalte mich immer, Partei zu nehmen in jeder derartigen Polemik. Auf alle Fälle glaube ich nicht, daß der Zionismus dem Patriotismus der Juden viel Abbruch tut. Ich möchte nur meinen Glaubensgenossen in der Türkei empfehlen, sich ganz und gar ihrem Vaterlande und ihrer Regierung zu weihen. Die Türkei hat sich allein wohlwollend unsern Glaubensgenossen gegenüber bewiesen in früherer Zeit, als sie von allen Seiten schlecht behandelt und verfolgt wurden. Seit den Tagen des Propheten Jeremias ist |es im jüdischen Volk Gesetz gewesen, immer leidenschaftlich sein neues Vaterland zu lieben, teilzunehmen am Gedeihen des Staates und zu arbeiten im Wohlstände und am Glücke aller Mitbürger." Wie man sieht, ist aus der Antwort des Herrn Montefiore „bloß" ein wichtiger Passus eliminiert worden. Das Schreiben des Herrn Dr. Frank aber ist durch die Umänderung des ersten Satzes in eine ihrem Geiste nach diametral entgegengesetzte Äußerung umredigiert" worden. Nun ist es sicher, daß die befragten Herren ihre Antworten an den auf dem Einladungsschreiben unterfertigten Herrn Fresco in Konstantinopel gerichtet haben, nicht aber an eine türkische Zeitung in Saloniki. Wie ist nun der „Yeni-assir" in die Lage gekommen, die nur Herrn «Tesco zugänglichen Schriftstücke zur gleichen Zeit mit dem „Tiempo" zu veröffentlichen? Wie ist es ge- „Yeni- Assir" „Herr Claude Montefiore, Präsident der Anglo Jewish Association in London, gibt den ottomanischen Juden die folgenden Empfehlungen: Ich fordere, daß alle Juden vor allern Loyalität und Ergebenheit ihrem Vaterlande bezeugen; besonders in der Türkei und ähnlichen Ländern, wo sie Rechte und Gleichheit genießen, ist diese Pflicht noch größer." „Yeni-Assir" „Ich bin Gegner der Zionisten und bin überzeugt, daß diese Bewegung den patriotischen Gefühlen entgegengesetzt ist. Ich empfehle meinen Glaubensgenossen in der Türkei, mit aller Energie, mit allen ihren Kräften an dem Fortschritt und an der Entwicklung der jungen Türkei zu arbeiten. Wenn die ottomanischen Juden gut und treu sein wollen, dann müssen sie sich diesen Forderungen unserer Religion fügen. Der Mensch muß an dem Gedeihen des Landes arbeiten, in dem er lebt und in dem er sich ernährt, und muß diesem Lande tief ergeben sein. Für den Wohlstand und das Glück des Vaterlandes arbeiten, heißt, sein eigenes Glück sichern." schehen, daß die Briefe im „Yeni-Assir" ein so vollständig anderes Gesicht tragen, als die im „Tiempo"? Die mysteriöse Änderung der Briefe weist auf einen mit dem Stoff sehr wohl vertrauten Journalisten hin, der es wohl zu ermessen verstand, daß sich in den Briefen Stellen finden, welche den Zionismus in einem für den türkischen Leser nicht so staatsgefährlichen Sinn erscheinen ließen, und da es wohl keinen türkischen Journalisten gibt, der in solchen Dingen so genau Bescheid weiß, so bleibt nur der Verdacht übrig, daß ein jüdischer Bleistift die Revision der Schriftstücke vorgenommen hat. Diese im wahrsten Sinne des Wortes zweideutige > i.

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