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Die Welt · 1911-01-27 · 4 (27.1.1911) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
4 (27.1.1911)
Date
1911-01-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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76 DlE^ELT No. 4 weit geht, daß das durchführbar sein würde? Sollten die Zionisten dazu nicht bereit sein? Da haben wir doch eine bessere Meinung von unsern Gesinnungsgenossen. Wir meinen sogar, man sollte nicht eine solche Schekelzahlung nach Selbsteinschätzung einführen, sondern in jeder Ortsgruppe eine Steuerkommission einsetzen, die jeden, der sich der Bewegung neu anschließt, für die Zwecke der Organisation nach seinem Einkommen (oder Vermögen, besser scheint mir Einkommen) einschätzt. Zionist sein heißt Opfer bringen. Aber was denn „Opfer bringen"! Darum handelt es sich doch gar nicht. Es handelt sich doch nur um die Durchführung eines wirklich demokratischen Prinzips, es wahr zu machen mit den gleichen Pflichten. Und ist es in andern Organisationen nicht auch so? Selbst in den meisten jüdischen Vereinen besteht schon für den Mitgliedsbeitrag eine gewisse Selbsteinschätzung. Auch in den sozialdemokratischen Verbänden! In frühem Jahren haben wir öfters schon gezeigt, welche Opferwilligkeit da herrscht. Was da allein jährlich durch Selbstbesteuerung eingeht! Aber sehen wir uns da allein eine Liste von Beiträgen von einzelnen Verbänden an. Da zahlen z. B. jährlich im Durchschnitt: Xylographen Ji 18 — Metallarbeiter Ji 31.20 Schneider „ 23.40 Stukkateure „ 33.80 Kürschner „ 26 — Lithographen „ 62.40 Dachdecker „ 30.20 Lagerhalter 0 1 _ ,, i. Kupferschmiede „ 31.20 Bauhilfsarbeiter „ 26 — Zimmerer „ 32.— Steinarbeiter „ 26.— Buchdrucker „ 57.20 Hafenarbeiter „ 31.20 Maler „ 18.20 Tapezierer „ 31.20 Buchbinder „ 24.50 Bildhauer „ 44.20 Maurer „ 26.— Notenstecher „ 65.— Glaser „ 31.20 Schon daraus erkennen wir eine Abstufung nach dem Einkommen, wenn auch in engern Grenzen, wie ja die Schwankungen des Hinkommens hier auch nicht große sind. Nach zwrei in letzten Jahren von verschieden interessierter Seite aufgenommenen Statistiken ist das Durchschnittseinkommen dieser Kategorien mit etwa 1350 JS anzusetzen, zu einem großen Teil Einkommen von unter 1200 JL Dabei handelt es sich hier nicht um Einzelpersonen, sondern um Familien von durchschnittlich fast 4 Personen. Man rechne zu obigen Beiträgen noch die für die lokale Parteiorganisation mit etwa 6 J( für den Mann, etwa 4 J6 für die Frau pro Jahr, ferner Ausgaben für den Besuch der Parteiveranstaltungen, Versammlungen usw. Natürlich kommt noch mindestens ein Parteiblatt pro Haushalt hinzu. Die große Abonnentenzahl der sozialdemokratischen Blätter beweist zur Genüge, daß man in jenen Kreisen nicht ohne solche Lektüre auskommen zu können glaubt, wie so vielfach bei uns. Wie aus vor nicht langer Zeit veröffentlichten Budgets von Arbeitern hervorgeht, muß man ferner noch hinzurechnen: Unterstützungen, besonders für Streikende, Anteilscheine an Genossenschaften z. B. für Turnhallenbau. Wie müßte es um unsere Parteifinanzen bestellt sein, würde in unsern Reihen das dem Einkommen und Vermögen entsprechende Mehrfache für unsere Organisationszwecke zur Verfügung gestellt, wie in jenen? Nun wenden manche ein: Höheres Einkommen, größere Verpflichtungen für das tägliche Leben. Selbstverständlich; jemand mit 10 000 J6 Einkommen kann und soll auch nicht so leben wie einer mit 3000 Jf. Aber uns will, zuweilen scheinen, als ob man dabei manches für Pflicht hält, was weniger eine solche ist, als etwa die Abgabe an die politische Organistion, der man zugehört. Hat schon ein Zionist eine geringere Zigarre geraucht — wegen des Zionismus? Hat er schon auf einen Theaterabend mit nachfolgendem Souper im Weinrestaurant verzichtet — zugunsten des Zionismus? Oder ist er schon einmal in einen weniger kostspieligen Badeort gefahren — und hat die Differenz der zionistischen Organisation zukommen lassen? Etwas mehr Einschränkung in den nicht unbedingt nötigen Genüssen des Lebens'— zugunsten des Zionismus! Das würde gut tun. Denn bisher hat man sich Beschränkungen höchstens aufgelegt in Genüssen, — die einem andern zugedacht waren.. Statt eines Geburtstags- oder Hochzeitsgeschenks, statt Blumen, von denen ein anderer den Genuß gehabt hätte, hat man ihm einem Ölbaum gestiftet — und ist dabei wahrscheinlich nicht teurer weggekommen als bei dem Geschenk, das er vertrat. Aber es gibt viele Reiche in Zion, von denen man nicht einmal diese „Beschränkungen" in unsern Ausweisorganen finden kann. „Wir wollen eben nicht diese öffentliche Kontrolle. Wir geben ohne Ausweis!" Jawohl, diesen Einwand habe ich schon so oft gehört. Merkwürdig ist nur, daß man diese so diskreten Spenden noch in keiner Jahresbilanz vorgefunden hat, weder bei den Parteibeiträgen, noch beim N. F., noch bei der Siedlungsgenossenschaft, noch auch bei der Tachkemonischule. Oder zeigt sich die heimliche Liebe der Diskreten in andern als zionistischen Blättern? Dann allerdings . . . Doch wohin geraten wir? Es sollte ja heute eigentlich keine allgemeine Epistel über die Opferfreudigkeit und Beschränkungssucht der Zionisten geschrieben werden. Kehren wir zum Ausgang zurück: Sollen unsere Parteifinanzen reorganisiert, sollen sie ein für alle Mal saniert werden, wohlan! So führen wir das demokratische Prinzip, das wir von unsern Gemeindevertretungen fordern, zunächst in unserer zionistischen Gemeinde ein: den Schekel, nach Einschätzung, abgestuft nach Einkommen und Vermögen. Das wäre Gleichheit! Das wäre ein Radikalmittel. Die Enquete des Herrn Fresco In der letzten Nummer der „Welt" wurde bereits kurz berichtet, daß das Konstantinoplerspaniolische Organ „Tiempo" zurzeit eine Enquete über die Frage veranstaltet, ob Zionismus und Patriotismus vereinbar seien. Das Schreiben, in welchem der Redakteur des „Tiempo", Herr David Fresco die Meinungsäußerung verschiedener hervorragender jüdischer Persönlichkeiten über die von ihm gestellte Frage einholt, liegt uns vor, und da dieser Brief wie vielleicht keine andere Tatsache geeignet ist, die Kampagne, die gegen uns geführt wird, nicht nur in ihren politischen, sondern auch in ihren moralischen Qualitäten zu kennzeichnen, so wollen wir die Art, wie Herr Fresco eine Antwort verlangt, hier unter genauer Wiedergabe des bezüglichen Textes beleuchten. In dem uns vorliegenden vom 28. Dezember 1910 datierten Schreiben steht wörtlich: „Von der Tatsache ausgehend („Etant donne"), daß der Zionismus, basierend auf dem Baseler Pro-

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