Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 3 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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No. 3 Eine eigenartige Enquete DIE ELT (33 Der hinreichend bekannte „Tiempo" veranstaltet zur Zeit eine Rundfrage darüber, ob sich zionistische und vaterländische Gesinnung miteinander vereinigen lassen oder nicht! Ein Exemplar dieses eigenartigen Rundschreibens, mit dem sich die Redaktion des Tiempo vorsichtigerweise nur an ausgesprochene Gegner des Zionismus wendet, liegt vor uns. Einige Antworten, darunter die der Herren Claude Montefiore in London und Salomon Reinach in Paris sind im Tiernpo veröffentlicht worden. Wir werden auf diese sonderbare Enquete noch zurückkommen. Die Generalversammlung der aschkenasischen Kultusgemeinde Am Sonntag den 25. Dezember fand die Generalversammlung der hiesigen Aschkenasim statt. Dem Großrabbiner war rechtzeitig Avis gegeben worden, und er hatte einige Tage zuvor durch ein Schreiben an das Gemeindekomitee angekündigt, daß er als Vertretung des Großrabbinats den Sekretär Altabeff entsenden werde. Im letzten Augenblick jedoch zog er wegen der im Memorandum der Gemeinde gegen ihn geübten Kritik diese Vertretung zurück, wasindessen die Aschkenasimgemeinde nicht hinderte, dieVersammlung abzuhalten. . Diese war sowohl von ottomanischen wie von ausländischen Aschkenasim stark besucht und verlief ruhig und würdig. Der Gemeindepräsident H. G. Reisner gab Bericht über die allgemeine Tätigkeit des Vorstandes in der abgelaufenen zweijährigen Amtsperiode, hielt sich aber nur wenig bei den allgemeinen Angelegenheiten auf, die schon im Memorandum ihre Beleuchtung erfahren hatten. Aus dem mit Beifall aufgenommenen Kassenbericht ergab sich, daß über achtzig Prozent aller Gemeindeeinnahmen für wohltätige und Unterrichtszwecke ausgegeben worden waren. Trotzdem das Großrabbinat in der ganzen Zeit seit der Konstitution anstatt 1200 nur 400 Pfund Gabella an die Gemeinde ausgezahlt hatte, war doch bis zum letzten Moment ein Plus in der Kasse vorhanden. Hierauf erstattete Dr. Wellisch Bericht über seine Tätigkeit in der vom Mischlisch Umumi eingesetzten Wahlkommission, in der er als aschkenasischer Vertreter nach Möglichkeit die aschkenasischen Interessen wahrzunehmen versucht hätte. Aber er hätte alle übrigen Stimmen gegen sich gehabt, so daß sein Antrag, den Aschkenasim eine eigne Wahlkurie zuzugestehen, gefallen wäre. Er habe gegen diese Entscheidung Protest eingelegt und diesen vor Unterzeichnung des Schlußprotokolls der Wahlkommission dem Großrabbiner schriftlich überreicht. Er habe zugleich irn Namen der Aschkenasim bekannt gegeben, daß diese unter den obwaltenden Umständen sich an den Wahlen nicht beteiligen würden. (Beifall.) "Herr Gorodisch beleuchtete die Unterschiede zwischen dem aschkenasischen und dem sephardischen Ritus, die zu einer syn agogalen und administrativenTrennung zwingen. Herr Kretschmar besprach die Frage der Mischlischwahlen und stellte den Antrag, von der Generalversammlung einen Protest an das Großrabbinat gelangen zu lassen, im Notfalle auch an die Regierung. Herr Ziffer betönte vom nationalen Standpunkte aus die Bande der Brüderlichkeit, die Aschkenasim und Sephardim verknüpften. Es müßte alles versucht werden, um ein gutes Einvernehmen herbeizuführen, unter Wahrung der administrativen Selbständigkeit natürlich. (Beifall.) Der Antrag Kretzschmar wird einstimmig angenommen und das neue Komitee beauftragt, den Protest zu übermitteln. Die Neuwahl ergab Annahme der einzigen vorgeschlagenen Liste von 14 Personen, die alle aschkenasischen Tempel repräsentieren. Es sind im wesentlichen dieselben Männer, die in den zwei letzten Jahren die Gemeinde geleitet haben, sämtlich nationalistisch gesinnt, in der Majorität Zionisten. Die am vorigen Dienstag stattgehabte Konstituierung des neuen Vorstandes ergab als Präsidenten: Herrn H. G. Reisner, als Vizepräsidenten die Herren M. Schönmann und H. Markus, als Schriftführer Dr. Leo Schönmann und M. Schmitter, Kassierer M. Abramowitsch, Kontrolleur B. Goldstein und die Herren Freymann, Günsburg, Leibowitsch, Roth, Rothenberg und Dr. Wellisch als Beisitzer. Arn Mittwoch begab sich eine Delegation der Aschkenasimgemeinde, bestehend aus dem Rabbiner Dr. D. F. Markus und den beiden Vizepräsidenten, zum Großrabbiner, um ihm das offizielle Wahlprotokoll zu überreichen und einen letzten Versuch zur gütlichen Beilegung der schwebenden Differenzen zu machen. Der Schritt .blieb resultatlos. Der moralische Erfolg der Generalversammlung ist ein sehr bedeutender. Nicht nur, da(3 der Geschäftsführung des bisherigen Vorstandes das restlose Vertrauen der Gemeinde bestätigt wurde, dieselben führenden Männer wurden auch aufs neue berufen, nicht nur durch Wahl seitens der wahlberechtigten Ottomanen, sondern ^uch durch eine besondere Vollmacht, die ihnen alle ausländischen Teilnehmer der Versammlung ausstellten. ' Sie erhielten zugleich volle Freiheit, auf dem eingeschlagenen Wege fortzugehen und aufs energischste allenotwendigenSchrittezur Wahrung der administrativen Selbständigkeit der aschkenasischen Kultusgemeinde zu unternehmen. Chanuka Im großen sephardischen Tempel der Rue Zulfarisse zu Galata fand am ersten Chanukaabend eine Gemeindefeier statt, die durch eine Predigt Rabbi Nahums ihren besondern Charakter erhielt. In Balat wurde die neu reparierte Synagoge des Viertels Sigeri eingeweiht. Der Rabbiner der Gemeinde hielt eine schöne, von nationalem Geiste getragene Predigt. Nach ihm sprach auf Einladung der Gemeinde Herr Leu/anon jun., Lehrer an der Balater Schule des Hilfvereins, Hebräisch, und erntete den Dank der Versammlung. Der anwesende ICnabenchor der gleichen Schule stimmte unter Leitung des Herrn Lewanon zu Beginn des Festes die doppelstimmig und wohlklingend vorgetragene Chanukahymne und zum Schlüsse auf Wunsch des Gemeindevorstandes die „Hatikwah" an. Das Fest nahm, besonders durch die Teilnahme der Schule, einen schönen und würdigen Verlauf. In der Schule des Hilfsvereins der Deutschen Juden selber wurde am dritten Chanukatage gefeiert. Um 9 Uhr versammelte sich die zweihundertköpfige Kinderschar auf dem Hofe, wo unter strahlend blauem Himmel in wihrer Frühlingstemperatur die Feier stattfand. Herr Medini hielt in spaniolischer Sprache eine längere Rede an die Kinder, in der er ihnen die historischen Vorgänge der Makkabäerzeit in einer der kindlichen Auffassung zugänglichen Weise erläuterte. Hierauf sang der Kinderchor die Chanukahymne. Alsdann sprach zu ihnen Herr Levaranon jun. hebräisch in einer tief zu Herzen gehenden Weise; es war eine Freude, zu sehen, wie alle . Kinder seinen Ausführungen mit leuchtenden Augen und offenem Munde, zuweilen mit lautem Enthusiasmus folgten, und ein unwiderleglicher Beweis dafür, wie das Hebräische Gemeingut dieser Kinder geworden ist. Nach Absingung der Hatikwah erschienen die Schuldiener mit süßen Gabe«, mit denen die beglückten Scharen ihre Händchen füllten. Am Schlüsse der Feier wurde die ottomanische Nationalhymne angestimmt. Dann liefen die Kinder aufgeregt und begeistert nach Hause. — In der zweiten Schule des Hilfsvereins der Galater „Or Tora" fand die Feier zwei Tage später statt. Palästina Vom „Bezalel" Vor einigen Tagen fand die Einweihung der ersten mit Hilfe des Nationalfonds ins Leben gerufenen Arbeiter-Kolonie des „Bezalel" in Ben-Schamen bei Lydda statt. Die Beteiligimg an dieser Feier war eine so rege, daß ein Extrazug von Jerusalem abgelassen werden mußte, um sämtliche Teilnehmer befördern zu können. Herr Rittergutsbesitzer Dr. Paul Schottland er in Breslau hat beschlossen, auf den Namen seines verstorbenen Vaters Julius Schottländer eine Abteilung im „Bezalel", zu errichten und hat für diesen Zweck die Summe von Mk. 10.0 00 gespendet. Eine Kundgebung der palästinensischen Weinbauergenossenschaft In der am 28. Marcheschwan d. J. in Rischon le Zion abgehaltenen Generalversammlung der „Societe Cooperative Vigneronne des grandes caves Richon le Zion et Zicron Jacob", an der Vertreter sämtlicher weinbautreibenden Kolonien (Rischon le Zion, Rechoboth, Sichron Jakob, Katra, Pethach-Tikwah und Wadi-Chanin) teilnahmen, wurde bezüglich der in Amerika gegen die Carmel Wine Company gerichteten Angriffe folgende Resolution gefaßt: 1. Die Firma Carmel Wine Company in Amerika ist die einzige autorisierte Wiederverkäuferin unserer Weine, Kognaks usw. in Amerika. 2. Die genannte Firma ist blo(3 im Interesse unseres Weinbauersyndikats tätig. 3. Alle diejenigen Personen^ die dieser unserer amerikanischen Vertreterin zuschaden trachten, schädigen damit auch uns und untergraben unsere Existenz in Palästina. Wir erheben daher energisch Protest gegen diese ungerechtfertigten Angriffe. Die Generalversammlung nahm die vorstehende Protesterklärung einstimmig an. ' l 5 I;