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Die Welt · 1911-01-01 · 3 (1911) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
3 (1911)
Date
1911-01-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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r 62 DIE^EXELT No. 3 ganzen Umfange erschienen ist, soviel ist jedoch auch aus dem Entwurf des zu diesem Zwecke eingesetzten Immigrationskomi t e e ersichtlich, daß die Einwanderung mehr oder weniger erschwert werden wird. Die öffentliche Meinung scheint heute diese Pläne zu billigen. Die „American Federation of Labor" deren Führer Gompers ein Jude ist, erklärt sich offen und unumwunden für Einschränkung oder absolute Einstellung der Einwanderung nach den Vereinigten Staaten. Diese Vereinigung glaubt dadurch die Arbeitslöhne für amerikanische Arbeiter bedeutend erhöhen zu können. Die hiesige „liberale" Presse ist dem Projekte des Immigrationskomitees auch nicht abgeneigt. Letzthin hat sogar der „Outlook", das Lieblingsorgan Theodor Roosevelts, für die Einschränkung der Einwanderung seine Stimme erhoben. Alles in allem: die Immigrationsfrage wird voraussichtlich in Bälde eine neue Wendung nehmen, deren Folgen für unsere Brüder in Osteuropa heute noch gar nicht übersehen werden können. Brief aus Konstantinopel Politisches Unbehagen Die Dinge gehen für die Türkei und in der Türkei wieder einmal nicht so, wie sie sollten. Die äußere Politik hat sich auf verschiedenen Seiten zum Schlechten gewendet. Italien hat infolge eines Zwischenfalles in Hodeida ernstlich Stellung gegen die Türkei genommen, und ein Schiedsgericht muß angerufen werden, um eine schlimmere Auseinandersetzung zu vermeiden. Auf der andern Seite hat die Verständigung zwischen Rußland und Deutschland in Potsdam die persische" Gefahr für das ottomanische Reich nähergerückt und zugleich die Annäherung desselben an den Dreibund, die man als großen Segen für das Reich empfunden hatte, einigermaßen illusorisch gemacht. Die Engländer haben — den Publikationen des „Tanin" zufolge — am persischen Meerbusen und in Mesopotamien größere Fortschritte gemacht als jemals und eine tatsächlich bedrohliche Situation für die türkische Herrschaft in jenem Gebiete geschaffen. Der Drusenaufstand ist noch nicht völlig niedergeworfen, und schon ist im Osten Palästinas eine neue Empörung ausgebrochen, und es muß die Regierung bedeutende Anstrengungen kosten, um die hier wild gewordenen Beduinen zu bändigen. In Kreta aber hat sich inzwischen die Lage für die Türkei eher verschlechtert als gebessert. Gleichzeitig ist im Innern ein allgemeines Unbehagen entstanden, das sich jeden Moment in heftigen Kammerdebatten Luft macht und täglich eine Ministerkrise hervorzurufen droht. Die Majoritätspartei kommt dadurch, daß sie eine solche um jeden Preis zu verhindern bestrebt ist, in die Gefahr, der Disziplinlosigkeit und Zersetzung in ihren eignen Reihen zu verfallen, so daß die ernste Frage berechtigt ist, ob es ihr wohl noch lange gelingen wird, sich selbst in ihrer ausschlaggebenden Bedeutung zu erhalten, oder ob nicht bald die Opposition so weit sein wird, ihr Erbe anzutreten und damit eine völlig unbekannte Innenpolitik zu inaugurieren. Die Stimmung in Volk und Presse ist wieder eine recht pessimistische. Die rosigen Hoffnungen sind wieder einmal um einige Grade blasser geworden. Das Immigrationsgesetz Das lange schon angekündigte Gesetz über die Immigration ist endlich der Kammer zugegangen und dürfte binnen kurzein zur Diskussion gelangen. Soviel verlautet, hat die jüdische Immigration von diesem Gesetze nicht besonders viel Gutes zu hoffen. Von dem Eintreten der jüdischen Deputierten ist auch gar nichts für sie zu erwarten. Denn diese Volksvertreter verhalten sich dieser Frage gegenüber, wie allen jüdischen überhaupt, höchst indifferent, soweit sie nicht, wie es von einem der vier Juden feststeht, sich überhaupt als Feinde einer Zuwanderung „fremder" Juden erklären. Das neue Schulgesetz Der Minister Emrullah Effendi hat vor kurzem den neuen Gesetzentwurf über den öffentlichen Unterricht in der Kammer eingebracht. Der Entwurf ist für das jüdische Unterrichtswesen im türkischen Reiche von höchster Wichtigkeit. Nachfolgend seien die Bestimmungen, die uns Juden besonders interessieren, kurz dargestellt. Der Volksschulunterricht wird allgemein und obligatorisch. Die jüdischen Schulen sind entweder Anstalten der Gemeinden oder Privatschulen. Eine Privatschnle darf ohne Autorisation nicht eröffnet werden. Das Gesuch um Autorisierung ist an die Lokalbehörde, an den Unterrichtsrat der Provinz und an den Wa'ii der Provinz zu gleicher Zeit zu richten; erfolgt binnen vier Wochen keine Antwort von der Lokalbehörde, so muß derWali entscheiden. Die Privatschulen können von der Regierung Subvention verlangen, aber ihre Lehrer haben, zum Unterschiede von den staatlich angestellten, kein Pensionsrecht. Die Leiter der Privatschulen können ihre Lehrer, ihre Lehrbücher und ihr Lehrprogramm frei wählen, doch müssen die Programme denen der gleichstufigen Regierungs- .anstalten entsprechen. Obligatorisch sind neben den Realfächern Türkisch und ottomanische Geschichte. Als Unterrichtssprache ist jede beliebige Sprache erlaubt, doch ist in allen Fällen der Unterricht des Türkischen in das Programm aufzunehmen. Die staatlichen Schulinspektoren haben jederzeit freien Zutritt zu den Schulen. Die von ihnen zurückgewiesenen Schulbücher sind aus dem Gebrauche zu entfernen. Doch ist der Religionsunterricht von dieser staatlichen Aufsicht frei, die durch eine Aufsicht von geistlichen Beamten der betreffenden Religionsgemeinschaft ersetzt wird. Die Kinder nichtmuselmamschen Glaubens in den staatlichen Anstalten werden an diesen einen eignen Religionsunterricht durch Geistliche ihrer Gemeinschaft empfangen. Wer jedoch die Kosten für ihn tragen soll, ist in dem Gesetze nicht vorgesehen. Lehrer an sämtlichen, also auch an Gemeinde- und Privatschulen, dürfen nur ottomanische Untertanen sein. Jedoch können ausländische Lehrer eine spezielle Autorisation von seiten der Regierung erlangen. Es wird den Schulen, die in irgend einer Hinsicht den Forderungen des neuen Gesetzes nicht entsprechen, ein Zeitraum von vier Jahren gelassen, um sich ihnen anzupassen. Das Projekt Nedschib Asfars Das Projekt, einer Chartered Company unter Führung des Arabers Nedschib Asfar die dem entthronten Sultan abgenommenen Ländereien der Zivillisten in Syrien und Palästina auf hundert Jahre abzutreten, ist dieser Tage wiederum auf der Bildfläche erschienen. Es wurde im Staatsrate unter persönlicher Hinzuziehung Nedschib Asfars besprochen und verschiedene Abänderungen vorgeschlagen, denen der Konzessionsbewerber zumeist zugestimmt hat. Es scheint demnach, daß die Proteste aus verschiedensten Kreisen der betroffenen Provinzen wie die Bekämpfung durch die Presse dem Projekte durchaus noch nicht den Garaus gemacht haben, sondern daß dieses der Regierung immer noch als ernst zu nehmendes und förderliches Unternehmen erscheint. Zurechtweisung eines Denunzianten Vor einiger Zeit führte in Saloniki ein Mitglied des antizionistischen jüdischen Klubs „Nouveau Circle des Intimes", ein italienischer Staatsbürger bei Fadil Bey, dem Generaldirektor der Finanzen des Vilajets, Klage darüber, daß Herr Isak Epstein, Vorsteher der Talmud Thora Hagadol, antipatriotische Gefühle hege, weil er ein eifriger Zionist ist Da er ein eifriger Anhänger der zionistischen Ansichten sei, wäre es wahrscheinlich, daß er in den Gemütern seiner 1200 Schüler Ideen entwickle, die den türkischen Interessen entgegenständen und gefährlich für das Land seien. Diese Verleumdungen eines Juden gegen einen Glaubensgenossen, wurden von Fadil Bey mit einer ernsten Zurechtweisung beantwortet, die in der jetzigen Zeit, in der der Zionismus in der Türkei heftig angegriffen wird, besonders bemerkenswert ist. „Zunächst", gab Fadil Bey zurück, „kann ich nicht die Gefühle würdigen, die Sie bewogen haben einen Bürger zu denunzieren, der nach Ihren Angaben sich zu Lehren bekennt, die mit ottomanischen Interessen unverträglich sind, da ich doch sehe, daß Sie selbst ein Italiener bleiben. Was die Natur Ihrer Anklage betrifft, so muß ich Ihnen offen sagen, daß mir die Verwirklichung des Zieles, das der Zionismus verfolgt, keine Gefahr für die Türkei zu sein scheint. Die Ansammlung einer großen Anzahl Juden in einem bestimmten Teile des Reiches kann der Regierung keine Unruhe verursachen. Wir haben Vertrauen in den friedlichen Geist des jüdischen Volkes, der sich während aller Jahrhunderte niemals geändert hat. Die zeitgenössische Geschichte der Juden liefert uns einen schlagenden Beweis. New York, die größte Stadt der Vereinigten Staaten, hat eine jüdische Bevölkerung von einer Million. Haben sich diese jemals eines Ungehorsams gegen die Gesetze oder eines aufrührerischen Charakters schuldig gezeigt? Ein ähnlicher Zustand in unserer Mitte kann keine drohende Gefahr für die Türkei bilden. Im Gegenteil, es würde ein Vorteil sein." Eine Friedensaktion Vor einiger Zeit sind in Konstantinopel zwei Delegierte des „Neuen Klubs" aus Salonik eingetroffen, die entschiedene Versuche machen wollen, die Einigkeit in der Konstantinopeler Gemeinde, speziell zwischen Zionisten und Antizionisten, herzustellen. Sie haben bereits Fühlung mit dem Großrabbinate sowie mit den Vertretern der Zionisten genommen.

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