Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-01-01 · 3 (1911) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
3 (1911)
Date
1911-01-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316463--54209-3347985
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Mut, gegen die Berufung des Volksparteilers Kendzior in das Ministerium Einspruch zu erheben, aber wegen der jüdischen versinkenden Existenzen wird er sich wohl hüten, zu Herrn Jan Stapinski in Gegensatz zu geraten. Die Schanker planen, wie schon in der „Welt" berichtet, die Entsendung einer Massendeputation an den Kaiser. Verländerung Die Wiener Kliniken sollen verländert werden. Mit andern Worten, der christlich-soziale Landesausschuß soll der Vorgesetzte der Wiener Kliniker, der Herr der Wiener medizinischen Fakultät und ihrer Lehrer werden. So manches Vermächtnis Karl Luegers wird übersehen, vergessen, umgedeutet, verleugnet. Aber der Schlachtruf „Eroberung der Hochschulen!" schwindet nicht aus dem geschwächten Gedächtnis der Wiener Verbündeten, der Oberösterreichischen und Tiroler Agrarklerikalen. Die Gegner der Vivisektion, die Verächter der exakten medizinischen Wissenschaft wollen den Lehrbetrieb der Wiener medizinischen Fakultät in die Hand bekommen. Was aber ein Wunsch der Christlichsozialen ist, bedeutet für den Unterrichtsminister Graf Stürgkh einen Befehl. Die Wiener Professoren drohten bereits mit ihrer Gesamtdemission, falls sie der Staat freigibt. Aber die Gier der Antisemiten nach der Besetzung der Stellen an so großen Betrieben, wie es die Wiener Kliniken sind, ist vorläufig stärker als der Widerstand der Wiener Gelehrten. Nun hat diese geplante .Verländerungsaktion auch ihren Judenpunkt. Er wurde in der Öffentlichkeit noch nicht berührt. Nur Herr Dr. Zollschan hat in seinem Vortrag, den wir in der „Welt" vor mehreren Wochen besprochen hatten, auf die Gefahren der Verländerung hingewiesen. Die Professur ist einem jüdischen Gelehrten in Wien ebenso unzugänglich wie an der Universität Berlin. Aber noch ist es einem Juden möglich gewesen, insbesondere solange es jüdische Professoren aus früherer Zeit gab, Assistent zu werden, im klinischem Betrieb Verwendung zu finden. Noch viel wichtiger ist die Klinik für den jungen Arzt, der sich ausbilden, spezialisieren will, bevor er in die Praxis kommt. Die Verländerung der Kliniken würde zur Verdrängung der jüdischen Ärzte führen, was aber noch viel gefahrdrohender ist, sie würde dem jüdischen ärztlichen Nachwuchs die Möglichkeit derungehinderten praktischen Ausbildung nehmen. Die jüdische Ärzteschaft hat allen Grund den Kampf der Wiener medizinischen Fakultät und der Ärztekammer gegen die Auslieferung der Kliniken an die Herren Bielohlawek-Geßmann aufmerksam zu verfolgen. Die Vollstreckung des Willens Dr. Karl Luegers, die Universitäten in christlichsoziale Zwingburgen zu verwandeln, kann für die jüdischen Ärzte zu einer Schicksalsfrage werden. Im Unterrichtsministerium am Minoritenplatz sitzt kein Freund, und die jüdische Hochfinanz mit den Herren Rothschild und Guttrnann an der Spitze, hinter anonymen Aktiengesellschaften und Eisenwerken versteckt, spendet große Beträge für das Karl Lueger-Denkmal in Wien . . . Die „Reichspost", das Organ des Dr. Geßniann, klagt grundlos über die Sinnesänderung der Zionisten, die das Vorgehen der jüdischen Industriebarone brandmarken. Der Zionismus schimpft nicht über die Antisemiten, wie die Assiniilanten, weil er nicht, wie diese, in den haßerfüllten Individuen die Ursache, sondern das Produkt des Antisemitismus erblickt. Uns ist der Antisemitismus Judenfeindlichkeit, den Assimilanten bedeutet er Assimilationsstörung. Deshalb ist das Verhältnis des Zionismus, der eine Lösung der Judenfrage erstrebt zum Antisemitismus ein anderes, als das der Israeliten, die eine Auflösung des Judentums erstreben. Aber verändert haben wir uns nicht, die „Reichspost" ruft mit Unrecht Theodor Herzl an! Auch die Antisemiten haben sich nicht verändert. Das Hausierverbot des Herrn Dr. Weißkirchner und die Verländerungsgelüste des Herrn Dr. Geßmann verraten dieselbe Tendenz: den unerbittlichen Kampf gegen die armen, um ihre Existenz ringenden und arbeitenden Juden, gegen die jüdische Intelligenz. Verändert haben sich nur die Herren von der jüdischen Hochfinanz, die verschleierten Antlitzes, leise errötend, aber entschlossen und systematisch ihren Frieden mit dem Christlichsozialen machen. Die galizische Enquete Sie wird, wenn nicht Unvorhergesehenes dazwischen kommt, doch am 23. d. M. abgehalten werden. Ihr vermutlicher Verlauf hat die Öffentlichkeit zu interessieren aufgehört. Die Art unfd Weise, wie sie drei Jahre hindurch einberufen und immer wieder vertagt wurde, fessel e alle Aufmerksamkeit, das Widerstreben der Einberufer, — des galizischen Landesausschusses, — die Reue der Beschließenden, — der Landtagsparteien — boten ein köstliches Bild. Es bleibt nur zu wünschen, daß die Enquete selbst, deren Teilnehmer natürlich nur die Auserwählten des Grafen Badeni sind, nicht zum letzten Akt dieser Tragikomödie wird. Vorläufig hat sie sich als unsterblich erwiesen, denn alle Versuche, die Enquete einzusargen, sind fehlgegangen. Galizien widerhallt jetzt vom Schrei der Empörung gegen die Gewalttätigkeiten der Polen gegen die jüdische Bevölkerung bei der Volkszählung, die zu einem Volks¬ und Völkerkrieg entartet ist. Wird die Enquete doch einberufen, um diesen Schrei und die Verzweiflungsrufe der enterbten Schanker zu übertönen? Das wird ihr nicht gelingen. Aber bedeutsam ist es immerhin und ein kostbares Zugeständnis, wenn die sohlach it zischen Herren des Landes sich genötigt sehen, das Bestehen der jüdischen Not zuzugeben und ihre Linderung zu einer platonischen Diskussion zu stellen. Die neue Regierung Baron Bienerth hat sein drittes Kabinett gebildet. Er ist Regierungschef geblieben. Der Grundcharakter des Systems Bienerth ist in der Zusammensetzung der neuen Regierung noch deutlicher zum Ausdruck gelangt, als in der frühern. Die Regierung Bienerth ist eine polnisch-christlichsoziale Koalition. Fürwahr, die Herren KoIi scher und Löwenstein haben es weit gebracht: seit mehr als zwei Jahren regieren sie in unverbrüchlicher Eintracht mit den Christlichsozialen das glückliche Österreich. Der Kabinettsbildung sind „Tagesgespräche" in der Wohnung des Herrn v. Kozlowski vorangegangen. Als die Führer der Christlichsozialen eines Tages um 9 Uhr früh zum Teetrinken beim Polenführer erschienen waren, berichtete die christlichsoziale Korrespondenz „Austria" über das Frühstück: „Die Vertreter des Polenklubs gaben im Laufe der Besprechung wiederholt den Gefühlen der Sympathie für die christlichsoziale Partei Ausdruck, sowie dem Wunsche, daß das bisherige gute Verhältnis und die stetige enge Fühlung zwischen dem Polenklub und der christlichsozialen Vereinigung im Parlament ungetrübt aufrecht erhalten bleiben mögen." Die Christlichsozialen erwiderten die Liebesbeteurungen der Polen nicht minder herzlich. Wir erinnern uns bei dieser Gelegenheit, daß Abg. Dr. Löwen stein vor seinen Drohobyczer Wählern in einer Synagoge den Schwur geleistet hat, aus dem Polenklub auszutreten, sobald er ein Bündnis mit den Antisemiten eingehen sollte. Nun, diese Allianz ist seit Jahren in Permanenz und heißt — Regierungsmehrheit. Sie hat den Juden das Hausierverbot, die Vereitlung der jüdischen Wahlkurie in der Bukowina und die zwangsweise Einbehaltung der Juden in dem deutschen Wahlkörper, die Schänkerkatastrophe in Galizien und — die Enquete gebracht. Die Koalition Löwenstein-Stapinski-Geßmann Redlich dauert aber fort. Kleine Chronik Die Wiener Jüdische Toynbeehalle beging ihre zehnte Jahresfeier. Der Sprecher des Festabends, Herr Dr. Samuely, würdigte die Bedeutung dieses Volksbildungsinstituts und gedachte der Verdienste der Herren Prof. Kellner, des Gründers derToynbeehille, und Kremenezky um die Anstalt. Die Zahl der Toynbeehallen nimmt insbesondere in Galizien zu. Die galizischenToynbeehallen, die überall von Zionisten verwaltet werden, haben im November v. J. eine Konferenz in Lemberg abgehalten. Die österreichische Regierung hat dem4 von den Vereinigten Staaten vorgeschlagenen Botschafter am Wiener Hof Mr. Kelle y das Agrement verweigert, angeblich darum, weil er eine Jüdin zur Frau hat. Der gewesene Hofopernsänger Peschier ist auf der Straße wörtlich verhungert aufgefunden worden. Peschier war ein galizischcr Jude, der den Weg vom Vorbeter zum beliebten Tenor an der Hofoper zurücklegte. Von Direktor Jahn entlassen, kämpfte er schwer ums Dasein und starb schließlich vor Hunger. — Der Wagenführer Au gen stein der elektrischen Straßenbahn beging Selbstmord. In einem Abschiedsbrief gibt er das judenfeindliche Verhalten seiner Kollegen als Grund seines Entschlusses an. Der Konflikt in der A. J. U. Der Konflikt der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der A. J. U. mit dem Pariser Zentralkomitee ist als beendet anzusehen. Wir veröffentlichen nachstehend den Briefwechsel zwischen der D. K. G. und dem Zentralkomitee. Der stellvertretende Präsident der D. K. G., Justizrat Max Fuchs, hatte im folgenden Briefe das Zentralkomitee von den Beschlüssen der D. K. G. in Kenntnis gesetzt: Berlin N. 24, den 23. Dezember 1910 . Sehr geehrte Herren! Wie Ihnen bekannt ist, hat am 20. Dezember eine Tagung der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft in Berlin stattgefunden,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.