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Die Welt · 1911-01-01 · 3 (1911) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
3 (1911)
Date
1911-01-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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No. 3 DIE ELT 59 an einem verkehrten Prinzip, einem Prinzip, das in vielen andern jüdischen Jugendvereinen Deutschlands ebenfalls gilt und deswegen verdient, in einigen Worten hier beleuchtet zu werden. Der Verein will — wie gesagt — alle Kreise und Richtungen der jüdischen Bevölkerung umfassen; hierzu ist aber die Beobachtung vollster Neutralität notwendig. Diese Neutralität wird auch vom Vorstande streng bewahrt, nur auf eine falsche Art. Man kann nämlich Neutralität auf zweierlei Weise üben: indem man in den Versammlungen über alles spricht, ohne irgendwie Stellung zu nehmen, oder indem man über gar nichts spricht. Die bequemere Methode ist die letztere, die denn auch vom Vorstande befolgt wird. In den wöchentlicheil Versammlungen sprechen oft von auswärts herbeigeholte Redner — fast niemals solche aus dem Mitgliederkreis — über alle mögliche interessante und uninteressante Themen, ohne daß eine Diskussion stattfindet; über die gegenwärtigen Strömungen und Probleme des Judentums wird niemals ein Wort gesprochen, von der Veranstaltung von Diskussionen der Mitglieder über brennende jüdische Tagesfragen ist gar keine Rede. Die Folge davon ist, daß in Wirklichkeit für die jüdische Ausbildung der Mitglieder, für die Weckung ihres jüdischen Interesses, für die Förderung ihres jüdischen Verständnisses fast nichts getan wird, anderseits aber, daf3 den Mitgliedern die Sache allmählich langweilig wird; die Vortragsabende werden weniger besucht, ihr Interesse wird immer geringer und schließlich suchen sie in nichtjüdischen Vereinen die Stillung ihrer geistigen Bedürfnisse, die ihnen im jüdischen Verein nicht geboten wird, und ihr Interesse für alles Jüdische verschwindet ganz. Beide Folgen machen sich schon in letzter Zeit sehr bemerkbar. Der Vorstand sucht immer neue Mittel, die Mitglieder wieder anzuziehen, veranstaltet Deklamationen und Rezitationen, sucht die „Freitagabende" immer mehr auszugestalten, zum einzig richtigen Mittel greift keiner. Und der Grund dieser traurigen Erscheinung? Man fürchtet, daß bei Veranstaltungen von Diskussionen über jüdische Fragen die Anschauungen der Mitglieder aufeinanderstoßen werden, und so tut man lieber gar nichts. Daß es gerade Aufgabe des Vereins ist, die Mitglieder zu gewöhnen, ruhig und sachlich ihre Meinungen zu verfechten, will niemand einsehen. Und daß dieses Aufeinanderstoßen gar nicht so schlimm ist, zeigen ja andere Jugendvereine in denen solche Diskussionen schon veranstaltet worden sind, mit vorzüglichem Erfolge. Das Thema, dessen Berührung am sorgfältigsten vermieden wird, ist naturgemäß der Zionismus, und der Vorstand geht in seiner lächerlichen Furcht, ja nicht zionistisch zu erscheinen, so weit, daß er die Errichtung eines hebräischen Kurses abgelehnt hat, nur weil Zionisten es gefordert haben. So werden wertvolle Kräfte nutzlos vergeudet, günstige Möglichkeiten zur jüdischen Erziehung unserer Jugend versäumt, (welch glänzende Erfolge könnte man nicht in einem Vereine von 120O Mitgliedern erzielen!) aus dem einzigen Grunde, weil der Vorstand ja unsere „Neutralität" wahren will und um Gotteswillen nicht den leisesten Verdacht von Zionistenfreundiichkeit auf sich fallen lassen will. Daß die Zukunft des Vereins unter solchen Umständen nicht die beste ist, leuchtet jedem ein! So wirken unsere jüdischen Jugenderzieher! . . . Über den zweiten Verein ist nicht viel zu sagen. Sein Ziel ist schon von vornherein zu exklusiv und zu einseitig, als daß er ^roße günstige Erfolge erzielen könnte. Nachdem der Verein in den letzten Jahren in seiner Arbeit ein wenig nachgelassen hat, arbeitet er jetzt wieder mit allen Segeln, auch ein Zeichen, daß die Orthodoxie in Frankfurt in letzter Zeit wieder einen Ruck weiter nach rechts, zum Extremen hin gemacht hat. Er sucht dem Montefioreverein Konkurrenz zu-machen, veranstaltet gleichfalls „Freitagabende" wie dieser (nur daß hier der Tee in Tassen, dort in Gläsern gereicht wird), und infolge des sinnlosen Kampfes der beiden Vereine leistet keiner viel! In diesem Jahre ist nun endlich ins Leben der jüdischen Jugend ein neuer Zug gekommen durch die Gründung des „Zionistischen lugend Vereins." Dem Verein, der erst mehrere Monate besteht und energisch arbeitet, ist es gelungen, einen Teil der bisher ^ionistenfeindlich gesinnten Jugend der „Religionsgesellschaft" für den Zionismus zu gewinnen. Seine Aufgabe muß es nun sein, einerseits zu diesen neugewonnenen Mitgliedern noch neue anzuziehen, andererseits aber diese Mitglieder dem Zionismus zu erhalten, indem er ihre jüdischen Kenntnisse im allgemeinen, ihre zionistischen;m besonderen erweitert und vertieft. Diese Arbeit wird ihm allerdings nicht leicht werden infolge der heftigen Bekämpfung seitens der zionistenfeindlichen Orthodoxie. Diese beginnt ihren Verlust an jungen Kräften zu »'erspüren und sucht nun mit allen loyalen und illoyalen Mitteln diese wiederzugewinnen und den jungen Verein zu vernichten. Dazu noten ihr vor allem die von der Jugendgruppe veranstalteten ^iskussiousabende über „Zionismus und gesetzestreues Judentum" ."Ute Gelegenheit, die denn auch ihr streitbarer Vorkämpfer, Herr Isaak Breuer, tapfer benutzt hat, um in allen möglichen Tönen die jungen sündigen Lämmer der Religionsgesellschaft, die sich der Jugendgruppe angeschlossen haben, zur reuigen Einkehr und Rückkehr zur Mutterherde zu bewegen; allerdings troU aller Mühe mit recht wenig Erfolg. Da des Sohnes Worte ungehört verklangen, beschloß der Vater die Wirkung seiner mächtigeren Stimme in die Wagschale zu werfen, und so erlebten wir denn am- Chanukasabbath eine der oft gehörten Zornpredigten des Rabbiners Breuer gegen den Zionismus. Die Rede war auf der Stufenleiter der zornigen Gefühle des streitbaren Rabbinen einen Ton höher gestimmt als das letzte Mal; war dort der Zionismus nur „Wahnwitz" gewesen, so wurde er jetzt als „Gotteslästerung" proklamiert (das deutsche Parallelwort zur hebräischen „Apikorsus", mit deren Hilfe der Sohn den Zionismus zerschmettern wollte). So hatten denn diejenigen Gemeindemitglieder der „Religionsgesellschaft", die bei den Diskussionsabenden der Jugendgruppe nicht zugegen waren, Gelegenheit, die Ausführungen des Herrn I. Breuer vom Vater vorgetragen, nochmals zu hören, diesmal allerdings salbungsvoller und wirkungsvoller deklamiert. Daß diese Wiederholungsrede des Vaters dem Zionismus im allgemeinen und der Jugendgruppe im besonderen nicht mehr schaden wird als die Originalausführungen des Sohnes, ist sicher; möglich wäre es aber, daß sie sogar nützen könnten. So können uns diese Brandreden der Familie Breuer höchst gleichgültig sein; eine andere Frage allerdings ist es, ob es der „Israelitischen Religionsgesellschaft" recht sein kann, wenn die geweihte Kanzel ihres Gotteshauses derart mißbraucht und entweiht wird. Zu verstehen sind ja diese Wutanfälle recht wohl. Es war stets so in der Geschichte: Wenn der Papst seine Bedeutung und Macht schwinden sah, begann er gegen alle Gegner Bannflüche zu schleudern. Allein Herr Rabbiner Breuer vergißt, daß die Zeiten seit langem vorbei sind, da päpstliche Bannflüche über das Schicksal geistiger Bewegungen entschieden. Der streitbare Rabbi wird darum das Schwinden seiner Macht nicht aufhalten können! . . . i I \ - Wiener Brief (Von unserm Berichterstatter) Schänkernot und Abgeordnetenaktion Die Katastrophe, der wirtschaftliche Ruin, die verzweifelte Lage, in die die jüdischen Schänker Gaiiziens gestürzt werden, wurden von uns seit mehr als einem Jahre des öftern eingehend erörtert. Das Bild der Überschwemmung, der Brot- und Ratlosigkeit hat sich auch in den letzten Wochen nicht geändert. Der nach den Wünschen der konzessionslüsternen polnischen Volksparteiler und profitgierigen Großgrundherren, der klerikalen Judenhasser und der aalglatten Juden freunde nationaldemokratischer Gesinnung geleitete Verwaltungsapparat des Herrn v. Bobrzynski hat seine Schuldigkeit getan. Von etwa acht- bis zehntausend jüdischen Schänkerf amili en , dis die dreifache Seelenzahl ernähren, wurden rund 800 Juden mit Konzessionen bedacht. Also 7000 bis 900O jüdische Familien, die vom Ausschank geistiger Getränke lebten, sind brotlos. Das ist die Bilanz. Im Auftrage des Jüdischen Klubs hat Abg. Adolf Stand eine Konferenz der jüdischen Abgeordneten aller Parteien einberufen, zu der sowohl die Polenklubler wie auch die sozialdemokratischen Abgeordneten Gaiiziens erschienen. Nach einem einleitenden Bericht des Abg. Stand, der auf den Ernst der Situation hinwies, wurde beschlossen, der Regierung nachstehende Forderungen zu unterbreiten: 1. Es möge für alle Inhaber von Schankkonzessionen ein einjähriges Provisorium geschaffen werden, um die Liquidation der Geschäfte und die notwendig gewordene Berufsänderung zu ermöglichen. 2. Denjenigen Schänkern, die länger als zehn Jahre, d. h. seit dem Jahre 1901, das Ausschankgeschäft betreiben, sollen lebenslängliche Konzessionen bewilligt werden. 3. Sofort nach der Volkszählung, die die Notwendigkeit einer Vermehrung der Konzessionen ergeben wird, soll eine neuerliche Ausschreibung erfolgen, wobei die bisherigen Inhaber von Schankbetrieben bei der Verleihung der Konzessionen in erster Linie berücksichtigt werden sollen. Eine Abordnung der Reichsratsabgeordneten begab sich hierauf zum Ministerpräsidenten, Baron Bienerth. Abg. Dr. Kolischer formulierte die Wünsche der bedrohten jüdischen Bevölkerung. Der Regierungschef versprach die übliche wohlwollende Prüfung der Forderungen und Rücksprache mit dem galizischen Statthalter. Nun, es läßt sich voraussagen: Herr v. Bobrzynski hatte den 1 l;

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