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Die Welt · 1911-01-01 · 3 (1911) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
3 (1911)
Date
1911-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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56 Die ELT No. 3 schuldigt wurde, von Rothschild abhängig zu sein; einzig und allein deshalb, weil die „L'Humanite" die Anti-Rothschild-Kampagne nicht mitmachen wollte. Nebenbei bemerkt, wurde dies noch dazu so ernst genommen, daß die „L'Humanite" es für notwendig erachtete, darauf an leitender Stelle ausführlich und zu wiederholtem Male zu reagieren. Wenn dies nun bei einem rein passiven Verhalten der „L'Humanite" möglich war, wie wäre es nun, wenn sie sich erdreisten wollte, die Juden wirklich in Schutz zu nehmen? Sollten nun Herve und seine Anhänger wirklich auf ihrer Idee verharren, so dürfen wir uns auf das baldige Entstehen einer antisemitischen Arbeiterbewegung in Frankreich vorbereiten. Wir wollen jedoch hoffen, daß Herr Herve, der ja der Einsicht nicht unzugänglich ist, sich schließlich der Gefahren bewußt ist, denen er nicht nur die Juden, sondern auch sein eignes Ideal auszusetzen im Begriffe ist. Denn es ist klar, daß die Arbeiter, wenn sie einmal auf dem Wege des Antisemitismus sind, hier Elementen begegnen werden, die sie eine dem Sozialismus diametral entgegengesetzte Richtung werden führen können. Viel besprochen wurde in den letzten Tagen eine von Jaures im Parlament gehaltene Rede, wobei er die Juden ganz unnötigerweise in die Debatte zog. Es handelte sich nämlich um die Wiederanstellung des von den Eisenbahngesellschaften während des letzten Streiks entlassenen Personals. Da es sich hier natürlich nur um einen auf die Eisenbahngesellschaften auszuübenden moralischen Druck handeln konnte, so glaubten manche, — besonders unter den Sozialisten, — daß die Nordbahngesellschaft sich hierzu ganz besonders eigne. Diese Gesellschaft hat nämlich den „Vorteil", unter den 26 Mitgliedern ihres Verwaltungsrats 6 Rothschilds zu zählen, und da lassen sich ja Pressionsmittel anwenden, die bei judenreinen Gesellschaften schlechterdings unmöglich sind. Freilich sind die französischen Sozialisten keine Antisemiten, aber was tut man nicht alles, wenn das Wohl der Arbeiter es erheischt! Und schließlich, ist es denn nicht empörend, wenn jüdische Millionäre es wagen, ihre Arbeiter auszusperren? Sollte man dies den Juden gestatten, die zur Zeit der Dreyfus-Affäre so viel dem Proletariat zu danken hatten? Nein, nimmermehr! Und so steigt Jaures, der große Sozialistenführer auf die Parlamentstribüne, um Israel seine Undankbarkeit vorzuhalten, um Rothschild vorzuwerfen, daß es eine Zeit gab, wo „Leben und soziale Existenz aller großen Juden" in den Händen des Proletariats waren, daß sie und ihr Vermögen „wie ein Blatt hinweggefegt worden wären", wenn es dem Proletariat gefallen hätte. Und daß sie nun nimmermehr das Recht hätten, dies zu vergessen. — Es ist begreiflich, daß eine solche Sprache im Munde eines Jaures das lebhafteste Aufsehenmachen mußte. Mit Recht macht nun Gerault-Richard in seiner Zeitung „Paris Journal" auf die Wandlung aufmerksam, die die französischen Sozialisten in dieser Hinsicht durchgemacht haben. Es ist noch nicht lange her, meint er, wo eine solche Rede, wie sie jetzt vom sozialistischen Führer gehalten wurde, wo eine Einteilung der Kapitalisten in jüdische und christliche, als ein grober Verstoß gegen die sozialistische Doktrin verdammt worden wäre. Die Antisemiten anderseits triumphieren. Und obwohl Jaures es nicht unterlassen hat, seinen Angriff gegen Rothschild mit einem Seitenhieb gegen den Antisemitismus zu begleiten, den er als wild und niedrig bezeichnete, so verhindert dies die „Libre Parole" nicht, Jaures als einen der Ihrigen zu bezeichnen und den Tag, an dem Jaures die oben angeführten Worte gesprochen hat, als ein für die französischen Nationalisten denkwürdiges Datum zu bezeichnen.. . . Isch Iwri. O [(□□□□□□ o 1* FEUILLETON □o Samuel Lublinski Von Georg Hecht, Leipzig Als das Jahr 1910 zu Ende ging, starb Samuel Lublinski. Vor etwa einem Jahre hat er noch eine gewisse Sorte von Literatoren, die ihn anspie, gebändigt — durch sein Schweigen. Damals erhoben sich die Besten aus der deutschen Literatur der Gegenwart und traten für ihn ein. Man sollte glauben, daß ein solcher Vorgang, der dem Sensations-Interesse des Publikums soweit entgegenkam, den unmittelbar Getroffenen hätte „berühmt" machen müssen. Wie merkwürdig ist es daher, daß die wenigen, die Lublinski nahestanden und dem Toten einen Nachruf spendeten, eingestehen, daß kaum sein Name, geschweige seine Arbeit und seine Verdienste, über einen kleinen Kreis hinausgedrungen ist. Das ist das Schicksal des schweigenden Mannes, des Juden, der mit den kritischen Erkenntnissen seines rastlosen Geistes die Entwicklung der deutschen Literatur begleitete. Es gewährt darum eine gewisse Befriedigung, zu wissen, daß Lublinski im Kreis der Zionsfreunde kein Unbekannter ist, daß es keiner Entschuldigung und keiner Einleitung bedarf, um von ihm zu sprechen, keiner Rechtfertigung, wenn der Versuch gemacht wird, sein reiches Leben in wenigen Linien anzudeuten. Samuel Lublinski ist der Typus jener vielseitigen jüdischen Intellienzen, deren fruchtbare Begabung und unheimlicher Fleiß sich Wege eigner Art in das Verständnis jeder geistigen Materie bahnen. Er begann seine Wirksamkeit mit einer gründlichen Untersuchung über „Literatur und Gesellschaft im 19. Jahrhundert" (S. Cronbach, Berlin), schrieb dann die treffliche kleine Monographie über „Schiller" (Marquardt & Co., Berlin), die, um einmal das alte Wort mit Recht anzuwenden, wirklich sine ira et studio die Bedeutung Schiliers darlegt, zog die „Bilanz der Moderne" (S. Cronbach, Berlin), in der er dem Naturalismus in der deutschen Literatur das Ende bereitet, schrieb-den „Ausgang der Moderne" (C. Reißner, Dresden), in dem er den neu romantischen Strömungen aus seinem höhern Kulturbewußtsein heraus opponiert, und beschließt diese großen ästhetischen Arbeiten mit Untersuchungen über Shakespeare (Xenien -Verlag, Leipzig) deren bezwingende Klarheit den Fachphilologen nachahmenswertes Beispiel sein könnte. Diese Werke sind nicht mehr schlechthin Kritik, sondern Schöpfung, entsprungen einem sehnsüchtigen Verstehen für den Charakter einer gewissen Zeitspanne. Und doch wurden sie wenig beachtet, schlecht verstanden und maßlos begeifert, in diesem Schicksal und in dem heißen Temperament, das aus ihnen spricht, auch in den frappanten Parallelen, die sie bringen, nicht ganz unähnlich den zwei Nordauschen Bänden über Entartung. Aber heute hat schon der biederste Oberlehrer die geistigen Beziehungen zwischen Ibsen, Nietzsche, Tolstoi begriffen; nur wer solches zuerst verkündet, muß leiden. ... So kritisierte Lublinski in einer Zeit populär-naturwissenschaftlicher Flachheiten das Werk Ch. Darwins (T. Thomas, Leipzig) und zeigte als erster in dieser sehr lesenswerten Studie die bedeutenden Mängel der Darwinistischen Mechanik in der Deszendenz; vielleicht haben die Fachgelehrten heute schon eine kleine Ahnung davon. Als Herzl auftrat, stellte sich Lublinski unter seine Fahne. Damals etwa schrieb er, der in Berliner Kreisen bereits „geschätzt" wurde, neben einigen vortrefflichen Aufsätzen zur neuen Zionssache sein Buch über die „Jüdischen Charaktere bei Grillparzer, Hebbel und Ludwig" (S. Cronbach, Berlin), eine Frucht, seiner soziologischliterarischen Studien. Er verließ freilich die Zionsfahne, ging nach Weimar, jenem kleinen Städtchen, das bestrahlt von dem Glanz der Goetheschen Idylle, eine jüngere Generation Dichter an sich lockte, und was Lublinski aus Gründen der Abkehr als ein Stigma der Zeit über das Persönliche heraussagt, ist das offene Bekenntnis, daß er sich der deutschen Kultur zu innig verschmolzen fühle, um Zionist sein zu können. Lublinski ist so nicht der einzige. . . . Wie vielen wurde doch, als sie Kinder waren, der Anschluß an die jüdische

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