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Die Welt · 1911-01-01 · 3 (1911) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
3 (1911)
Date
1911-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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T No. 3 DIEX&ELT ,">D ihren Geist wahren nationalen und sozialen, also jüdischen Empfindens angeeignet habe. Wir werden es uns angelegen sein lassen, die zukünftigen Verlautbarungen der Chalukah unter diesem Gesichtspunkt zu prüfen. Brief aus Frankreich Seit einiger Zeit ist die gegen die Juden des Quartier Saint- Qervais des Pariser Ghettos, von Seiten einiger gewissenloser Hetzer geführte Agitation zum Stillstand gekommen. Allem Anscheine nach aber haben wir es hier mit einem durch zufällige äußere Ursachen bedingten Aufschieben, keineswegs mit einem gänzlichen Aufgeben der Hetze zu tun. Dazu wäre übrigens auch gar kein Grund vorhanden. Denn in der Tat hatte die Hetze, wie verlogen die Mittel, deren sie sich bediente, auch zuerst gewesen sein mochten, die allerbesten Aussichten, durchzudringen. In Frankreich ist nämlich alles zu erreichen, wenn man die Presse auf seiner Seite hat, und dies traf eben hier zu. Und zwar waren es nicht nur die reaktionären Zeitungen, die die Hetze mitmachten, sondern auch republikanische Blätter, von denen sogar manche sich dabei ganz besonders hervortaten. Diejenigen, denen ihr Gewissen oder ihre Interessen eine solche Stellungnahme verbot, hielten sich behutsam in der Ferne. Niemand aber, sei es von radikaler, sei es von sozialistischer Seite, hielt es für notwendig, seine Stimme gegen diese Kampagne zu erheben. Wir sagen niemand, das ist eigentlich nicht ganz wahr. Eine Stimme erhob sich wohl zur Verteidigung der armen Juden, und das war die der gewesenen Dreyfusistin, Madame Guebhard,- bekannter unter dem Schriftstellernamen Severine, die an die ehemaligen Waffengefährten den Appell erließ, sich abermals zur Verteidigung der Verfolgten einzufinden. Leider aber blieb dieser großherzige Ruf ohne Echo; und er diente nur, das Schweigen der andern um so deutlicher hervortreten zu lassen. Ein solches Verhalten der Republikaner mag wohl manchem unbegreiflich erscheinen. Doch darf man es den Republikanern nicht alzu übel nehmen: ein jeder denkt ja in erster Reihe an seine eignen Interessen. Und als Judenfreund sich hinzustellen, scheint eben heutzutage als nicht sehr opportun. Freilich ist der Antisemitismus nicht modern, und jeder Republikaner, der auf diesen Namen Wert legt, wahrscheinlich sogar mancher Nichtrepublikaner, wird sich entschieden dagegen verwahren, Antisemit genannt zu werden. Aber man verhehlt sich anderseits dennoch nicht, daß der Antisemitismus unter verschiedenen Formen lebendig ist, ja daß er in letzter Zeit sogar an Kraft zunimmt. Sieht ja Herr Drumont — und Gott weiß, wie pessimistisch er geworden ist — sogar die „Aurore" einer neuen antisemitischen Bewegung, einer Bewegung, die er allerdings nicht mehr mitzuerleben glaubt, heraufziehen! Unter solchen Umständen halten es die meisten für vorsichtiger, sich durch Judenfreundschaft nicht zu kompromittieren. Mag dem aber auch sein wie es wolle; eine Kampagne, die unter solch günstigen Auspizien begonnen wurde, hatte keinen Grund, auf halbem Wege stehen zu bleiben. Das wäre auch in der Tat nicht geschehen, wenn nicht ein unerwarteter Faktor, der Hisenbahnerstreik, dazwischen gekommen wäre. Zum bessern Verständnis des Gesagten muß nämlich bemerkt werden, daß zur Zeit des Ausbruchs des Eisenbahnerstreiks alles für den ersten entscheidenden Schlag, den Herr Badini-Jourdin, der Stadtverordnete des in Frage stehenden Quartiers, in der Stadtverordnetenversammlung zu führen sich anschickte, vorbereitet war. Die Bevölkerung war durch eine geschickt inszenierte und systematisch geführte Preßkampagne tüchtig bearbeitet worden; Versammlungen der nichtjüdischen Kaufleute des Quartiers wurden organisiert, Deputationen an die Präfekten gesandt, kurzum alles, was dazu dienen konnte, die Gefahr der Judeneinwanderung und des Ghetto ins Ungeheure zu steigern, wurde getan. Dieses Kesseltreiben brauchte nur noch einige Tage — bis zum Zusammentritt der Stadtverordnetenversammlung — anzudauern und Herr Badini-Jourdin hätte unter dem Druck der so gereizten öffentlichen Meinung alles erreichen können, was er wollte. Da — zum Unglück — brach nun plötzlich der Eisenbahnerstreik aus. Das allgemeine Interesse war mit einem Schlage abgelenkt und der günstige Moment war vorüber. Sollte nun die Sache wieder aufgenommen werden, so mußte vorerst die Hetze aufs Neue organisiert werden und hierfür braucht es eben wiederum günstigere Umstände. Diese werden nun, wie es scheint, jetzt abgewartet. So " haben die Eisenbahner, ohne daß sie es ahnten, mit ihrer Streikerklärung den armen Juden eine Erholungspause verschafft. Aber indem der Streik den armen Juden eine böse Geschichte vom Halse schaffte, lud er sie den reichen Juden auf. Wie bekannt sind die französischen Eisenbahnen zum allergrößten Teil im Besitz privater Gesellschaften. In einigen dieser Gesellschaften nun spielen die Rothschilds eine gewiße Rolle. Dies ist namentlich der Fall in der Nordbahngesellschaft, wo sechs Mitglieder der Familie Rothschild im Verwaltungsrate sitzen, dem ein Rothschild präsidiert. Dieser Umstand brachte nun einen Teil der Sozialisten, und zwar die extremlinken der Herveistischen Observanz, auf die Idee, daß hier eigentlich durch Ausbeutung des Antisemitismus etwas zu machen wäre. Wie wäre es z. B., sagten sie sich, wenn die Eisenbahnangestellten, anstatt sich gegen die unpersönlichen Kompagnien oder gar gegen die Regierung zu richten, sich gegen einen reichen Juden, sagen wir einen Rothschild, wendeten, Die Sachlage würde mit einem Schlage eine ganz andere werden. Von Gegnern, die die „Bourgeois" heute sind, würden sie, da es nun gegen einen Juden ginge, zu Freunden der Bewegung werden! Die Regierung ihrerseits würde es nicht wagen „zu Gunsten Rothschilds'' die Mobilisierung zu proklamieren. Und mithin wäre alles gewonnen. Der Plan dieser „Sozialisten-Revolutionären", wie sie sich selbst zu nennen belieben, war also zuerst eine Preßkampagne gegen Rothschild zu organisieren und, wenn diese ihre Wirkung getan haben wird, Massendemonstrationen vor dessem Hause zu veranstalten. Der Druck dieser Demonstrationen, die natürlich bald zu rein antisemitischen ausgeartet wären, wie auch der der öffentlichen Meinung, die gegen Rothschild aufgebracht worden wäre, sollte denselben bestimmen, die Nordbahngesellschaft zum Nachgeben zu veranlassen. Die Kapitulation einer einzigen Gesellschaft hätte natürlich die aller übrigen nach sich ziehen müssen. Wie man sieht, hatten wir es hier mit einem der Kriegstaktik entnommenen Plane zu tun, welcher darin bestand, den Feind an dem schwächsten Punkt, d. h. in diesem Falle den Juden anzugreifen. Daß dabei das antisemitische Gift dem Volke beigebracht wird, daß dadurch die Keime einer spätem antisemitischen Arbeiterbewegung gestreut werden, was kümmerte man sich darum? Der Antisemitismus konnte ihnen Dienste leisten, er sollte also adoptiert werden. Zu Ehren Herves muß allerdings gesagt werden, daß er anfänglich Bedenken trug, nach diesem Mittel zu greifen, und zwar eben seiner antisemitischen Folgen wegen. Und wenn wir in der Tat von antisemitischen Straßendemonstrationen verschont geblieben sind, so haben wir -es eben diesem heilsamen Zaudern zu danken. Denn als sie schließlich zur Ausführung des Planes schritten, da war es bereits zu spät. Wohl wurde die beabsichtigte Preßkampagne begonnen, aber die Bewegung war bereits lanciert und konnte von der eingeschlagenen Richtung nicht mehr abgelenkt werden. Dieses Unternehmen, wenn es auch diesmal fehlgeschlagen hat' birgt für uns nichtsdestoweniger eine ernste Gefahr, da es uns zeigt» daß ein Teil der französischen Sozialisten, und zwar derjenige Teil» dessen Einfluß auf die Arbeitennassen am bedeutendsten ist, gewillt ist, sich des Antisemitismus in ökonomischen Konflikten zu bedienen. Wenn diese Taktik nun in der Zukunft in all den Fällen adoptiert wird, wo Juden im Lager der Arbeitgeber zu finden sind, dann werden wir bald dem Aufgehen einer antisemitischen Arbeiterbewegung in Frankreich beiwohnen können. Es ist in der Tat nichts leichter als die bösen Instinkte der Massen zu entfesseln, besonders wenn sie noch merken, daß sie dabei ihr Interesse finden. An Ansätzen für eine solche Bewegung fehlt es hier nicht. So haben wir, um ein Beispiel zu nennen, seit einiger Zeit ein Arbeiterorgan „Terre Libre", dessen Leiter Emile Jou vi an, ein Mann ist, der seinerzeit eifriger Dreyfusist war und der in der Arbeiterbewegung eine Rolle spielt; sein Blatt macht sehr stark in Antisemitismus. Freilich ist anzunehmen, daß die maßgebenden Persönlichkeiten der sozialistischen Partei, besonders die Jauresscher Observanz, eine solche Tendenz mißbilligen würden. Wer jedoch den Antagonismus kennt, der hier in Frankreich zwischen der sozialistischen Partei und den Arbeitersyndikaten besteht, und weiß, wie ängstlich die sozialistische Partei es vermeidet, in Angelegenheiten der „Confederation generale de Travail" mit hineinzureden, der wird sich sagen, daß wir von dieser Seite her nur wenig zu erwarten haben. Und sollten die Sozialisten sich auch dagegen erheben, was, wie gesagt, wenig wahrscheinlich ist, so haben ihre Gegner bereits ein Mittel bereit, mit dem sie sie mundtot machen können, nämlich die Beschuldigung, im Solde der Juden zu stehen. Mancher Leser wird wahrscheinlich ungläubig dazu sein Haupt schütteln, wenn ich z. B. sage, daß man gegen Jaures eine solche Beschuldigung erheben könnte. Denen brauchte ich bloß zu erwidern, daß unlängst in der Tat das Zentralorgan der sozialistischen Partei „L'Humanite", welche eben von Jaures geleitet wird, in den Spalten des Bruderorgans „La Guerre Sociale" unzweideutig be- 2* i l t ii

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