Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 3 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 3 DIEEaEELT Kultur abgeschnitten? Wie wenige konnten Versäumtes nachholen... Auch Lublinski versuchte es, und immer wieder. Seine letzten Werke, die beiden Bände über die „Entstehung des Christentums" (Diederichs, Jena) möchte ich aus diesem Gesichtspunkt empfehlen, noch mehr aber seine kleine Broschüre „Die Entstehung des Judentums" (Jüdischer Verlag, Köln). Vieles kann nur noch ganz kurz gesagt werden. Lublinski war ein Dichter. Wie er in seinen kritischen Schriften das Leben sah, daß er keineswegs vergaß, so suchte er es zu gestalten, nicht 57 wie der Chemiker eine Synthese darstellt, sondern als ein Dichter, dem das Leben eine große weite Sehnsucht war, die zu tragen sein Körper zu schwach gewesen ist. Ist Lublinski nur eine Individualität? Ist er auch eine Persönlichkeit? . . . Was für Fragen! — Er ist wer. Das sei genug. Und wem es gleichgültig ist, ob spätere Historiker der Literatur an der Bedeutung Lublinskis achtlos werden vorübergehen können oder nicht, der bewahre dem Toten ein dankbares Erinnern. H o o o o o o o c O O O O O O O i AUS DER BEWEGUNG o o o o o o o 3 o o o o o o o Deutschland Hamburg. Der „Jüdische Turnverein Bar-Kochba" zu Hamburg veranstaltete am Sonnabend den 14. Januar im Logenheim den zweiten Vortragsabend über jüdische Fragen für seine Mitglieder. Als Redner war Herr Rabbiner Dr. Emil Cohn, Kiel, gewonnen worden, welcher vor einem überaus zahlreichen, mit gespanntester Aufmerksamkeit dem beliebten Redner lauschenden Auditorium über „Jüdische Erziehungsprobleme" sprach. Ausgehend von einem phantasiereich ausgemalten Bilde schilderte der Vortragende die Stellung der jüdischen Jugend in Staat, Gesellschaft und Familie, indem er wie ein Arzt mit heilsamem Operationsmesser die Wunden aufdeckte, welche durch falsche Erziehung und Verzärtelung am Leibe des jüdischen Volkskörpers brennen. Ein Blick in die Vergangenheit des letzten Jahrhunderts könnewohl leichtVeranlassung geben, an der Gesundung und Wiederaufrichtung des jüdischen Volksganzen zu verzweifeln; aber der Aufschwung, den die Gegenwart gewonnen habe, gebe eine sichere und begründete Hoffnung auf die^Schaffung neuer Kulturwerte durch das jüdische Volk. Dazu sei aber durchaus notwendig, daß die Jugend mehr als bisher an Selbstzucht und an die Unterordnung unter eine Autorität gewöhnt werde, wozu die Bewegung der Studentenkorporationen, der jüdischen Jugend- und Turnvereine besonders beizutragen geeignet seien. Mit einem hoffnungsfreudigen Appell an die jüdische Jugend, in deren Dienst er sich vor allem gestellt habe, für jüdische Ideale zu kämpfen und zu wirken, schloß der Redner seine begeistert aufgenommenen Worte. An den Vortrag schloß sich ein gemütliches Beisammensein der jüngern Mitglieder des Vereins, welches bis spät in die Nacht hinein dauerte und in dem der Gast des Abends von seinen alten und den neuen durch den Vortraggewonnenen Freunden gefeiert wurde. Köln. Am Samstag den 14. d. M., fand im großen Saale der Rheinlandloge eine öffentliche Versammlung statt, in der Herr Parteisekretär Kurt Blumenfeld über „Zeit- und Streitfragen im modernen Judentum" sprach. Die Versammlung war von etwa Personen besucht, die den Ausführungen des Redners mit größter Aufmerksamkeit folgten und ihm durch reichen Beifall dankten. In der Diskussion trat Herr Zahnarzt Ehrmann den Ausführungen des Redners vom Standpunkte der Orthodoxie aus entgegen, welche als erste Bedingung für die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke die Übernahme des am Sinai gegebenen Gesetzes ^erlange. Herr N. Groß wies demgegenüber auf die Zustände im Osten Europas hin, wo es der Orthodoxie von Tag zu Tag schwerer und zum Teil bereits unmöglich gemacht wird, an allen Vorschriften dieses Gesetzes festzuhalten. Er erblickt gerade für die Orthodoxie die einzige Rettung im Zionismus. Herr Leo Münk vermißt im Zionismus, dessen ehrliches Bestreben für die Rettung des jüdischen Volkes er anerkennt, die Betonung der Pflichten, die der Mensch Gott gegenüber hat. Herr Amtsgerichtsrat Cohn rühmt dem Zionismus nach, daß er die Begeisterung unter den Juden wieder geweckt habe, hält aber die Bewegung und ihre Ziele für verfehlt. Wir sollen vielmehr uns bemühen, als deutsche Staatsbürger die volle Gleichberechtigung zu erkämpfen. Herr Rabbiner Dr. Hanover vermißt im Referate des Herrn Blumenfeld die Behandlung der wichtigsten augenblicklichen Fragen des Zionismus, wie sie sich B. aus der neuen politischen Konstellation in der Türkei ergeben. Gegenüber den Ausfuhrungen einiger Diskussionsredner, die sich nur aus religiösen Gründen gegen den Zionismus gewendet hatten, hebt er hervor, daß gerade die Betonung des nationalen Momentes jind nur dieses unter den augenblicklichen Verhältnissen der Judenneit geeignet wäre, alle Elemente der Judenheit zu sammeln. Bei den immer größer werdenden Schwierigkeiten, die sich der Aus- Ehrung vieler Satzungen des Judentums entgegenstellen, sei die Erhaltung des jüdischen Gedankens in einem jüdischen xWilieu wei leichter. Man solle lieber im Zionismus seine eignen Gedanken durchzusetzen versuchen, ab ihn bekämpfen. An der Diskussion beteiligten sich noch die Herren Werth er und L van Cleef, die den Ausführungen einiger Diskussionsredner vom Standpunkte des „Misrachi" aus entgegentraten. In seinem Schlußwort wies Herr Blumenfeld besonders die Einwürfe des Herrn Amtsgerichtsrats Cohn zurück und resümierte kurz noch einmal den Zweck seines Vortrages. Mainz. Der Zionistische Gruppenverband für Hessen und Hessen-Nassau (Sitz Frankfurt a. M.) veranstaltete Sonntag im großen Saale des Mainzer Hofes einen wirkungsvollen jungjüdischen Abend der sich großer Beteiligung erfreute. Nach begrüßenden Worten des Vorsitzenden der Mainzer Ortsgruppe, Herrn H. Bloch, führte Dr. jur. J. Gottlieb-Frankfurt a. M. kurz in die jungjüdische Literatur ein, deren besten Proben er an Hand eines einheitlichen Programms ausgewählter Dichtungen der hervorragendsten Vertreter der jüdischen Renaissance, wie Rosenfeld, Frug, Buber usw. vortragen ließ, wobei Herr Dr. G. den verbindenden Text sprach. In die Rezitation teilten sich Fräulein Cilly Rapp- Frankfurt und Herr Sally Rosen heim er-Frankfurt, der in letzter . Stunde für einen verhinderten Vortragenden einsprang. In glänzender, vollendeter Form entledigten sich die jugendlichen Künstler ihrer Aufgabe und wußten durch fein sinnige Wiedergabe der stimmungsvollen Gedichte die Hörer in atemloser Spannung zu halten, die sich in begeisterten Beifallskundgebungen auslöste. Herr M. London- Mainz, ein vorzüglicher Bariton, sang einige gefühlvolle Jargonlieder und Herr Dr. Gottlieb las markante Stellen aus Bubers „Der Meister des Gebets". In zündender Rede forderte dann Herr L. Perlmutter Frankfurt a. M. zum Anschlüsse an die Zionistische Bewegung auf, welchem Appell mehrere folgten. Ein geselliges Beisammensein mit zwanglosen Vorträgen beschloß den schönen Abend. München. Seit mehr als Jahresfrist besteht hier ein Verein „Ivriah", der den Zweck hat, die Pflege der hebräischen Sprache in München zu fördern. Der Verein macht erfreuliche Fortschritte und gewinnt immer neue Mitglieder. Fast jede Woche veranstaltet die „Ivriah" Versammlungen, in denen die Mitglieder über jüdische Themata und aktuelle Fragen Vorträge in hebräischer Sprache halten. Vor zwei Woehen referierte stud. phil. Milniann über „Die Grundzüge der Volkswirtschafslehre". Vorige Woche sprach in der „Ivriah" ein junger Sephardi aus Bulgarien, Herr Pardo aus Philippopel über „Bialik als Dichter". Herr Pardo, der in Bulgarien als hebräischer Lehrer wirkte und sich vor kurzem in München niedergelassen hat, begeisterte die zahlreichen Zuhörer durch seine überaus wohllautende hebräische Aussprache, sowie durch die Tiefe und Gediegenheit seiner Ausführungen. In einer mehr als 1V2 stündiger geistvoller Rede schilderte uns Herr Pardo die Persönlichkeit Bialiks und seinen Rang in der junghebräischen Dichtung. An den Vortrag schloß sich eine überaus interessante Diskussion, in der auch des Wiedererwachens der Sephardim im Orient gedacht wurde. Österreich Graz. Am 26. Dezember 1910 hielt der Verein „Jischuw Erez Israel" seine Makkabäerfeier in den Annensälen ab. Herr Dr. Otto Abeles-Wien hielt die Festrede, in der er das alte und neue Makkabäertum pries. Ein Studentenchor sang hierauf die Hatikwah. Als Vortragende ernteten stürmischen Applaus die Koloratursängerin Fräulein Elly Nardini, der Komponist und Klaviervirtuose Herr Baron Zois und der Schauspieler Herr Egon Brecher von den Vereinigten städtischen Bühnen. Ein kleines Orchester, aus Studenten! H-