Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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36 DIE EaXE LT No. 2 „Der Teufel ist dein Sohn, nicht ich", gab Samson zurück. „Ist es möglich!" stöhnte die Löwin, „du verleugnest dein Blut, du vergißt deine Herkunft, du schändest das Andenken deines herrlichen Vaters, der für dich gestorben ist. Du stößt deine Mutter zurück, du dienst den Menschen, die deinen Vater getötet haben und deine schlimmsten Feinde sind —" Statt aller Antwort brüllte Samson: „Die Hunde los! Die Schützen heraus! Drauf auf den Feind!" Die Löwin sah ein, daß weitere Bemühungen zwecklos wären, und sie kehrte mit bitterm Schmerze nach ihrer Wüste zurück. Als der Schloßherr am Morgen Samson wie gewöhnlich an die Kette legte, schalt er ihn unwirsch: „Dich reitet wohl der Teufel, daß du in den beiden letzten Nächten solch einen höllischen Rumor vollführtest? Du hast uns alle aus dem Schlafe geschreckt" „Verzeihe, Herr," erwiderte Samson unterwürfig; „es schlichen Löwen ums Schloß, die Arges vorhatten. Ich mußte meine Wächterpflicht erfüllen." „Löwen?" fragte der Schloßherr und faßte Samson mißtrauisch ins Auge. „Jawohl, Herr," antwortete Samson, „und ich rate dir, unverweilt ein großes Jagen anzuordnen, damit dem Räubergesindel der Garaus gemacht wird." Der Schloßherr ging vor das Tor, suchte die Umgebung der Ringmauer ab und überzeugte sich alsbald von der Anwesenheit zahlreicher Löwenspuren im Boden. Er rief die Nachbarn zusammen, sie erschienen mit ihren Meuten auf dem Schloßhof und zogen mit Getümmel, Geschrei und Hundegebell zur hohen Jagd aus. Samson wartete vergebens, daß man ihn losmache. Als der Schloßherr an ihm vorüberkam, rief er: „Und ich? Werde ich denn nicht mitgehen?" „Es geht heute gegen Löwen," erwiderte der Schloßherr. „Gerade darum möchte ich mit," sagte Samson. „Es sind doch die Deinigen," meinte der Schloßherr, „und es könnte dir peinlich sein —44 Samson fiel ihm gekränkt ins Wort. „Die Meinigen? Habe ich das um dich verdient? Gehöre ich nicht mehr dir an? Was habe ich mit dem Löwengesindel gemein? Ich bitte dich, mich an der Jagd teilnehmen zu lassen. Du darfst mir das nicht versagen." „Wenn du durchaus willst," murmelte der Schloßherr und löste zögernd die Kette. Kaum fühlte Samson sich frei, als er aufjauchzend in großen Sätzen zum Tor hinaus sprang und an die Spitze des Jagdzugs eilte. Immer allen andern weit voran folgte er mit ungeduldiger Hast stundenlang den nach der Wüste führenden Spuren, bis er die Löwen eingeholt hatte. Als er das Rudel der Fliehenden erblickte, schien frischer Kampfesmut über ihn zu kommen, und er stürzte mit so wildem Eifer vorwärts, daß die Meute und die Jäger ihm nicht gleich folgen konnten. Ganz allein erreichte er die Löwen und flog in weitem Bogen mit aufgerissenem Rachen und ungeheurem Gebrüll mitten in ihre Gruppe. Sie umgaben ihn sofortfielen grimmig über ihn her, schlugen ihn mit wuchtigen Prankenhieben zu Boden und gingen ihm mit Zähnen und Klauen zuleibe, während seine Brüder mit äußerster Erbitterung: ,,Tod dem Verräter!" riefen. Ehe sie ihn indes gefährlich verletzen konnten, war seine Mutter an seiner Seite und brüllte seinen Bedrängern zu: „Zurück! Zurück!'' Dann wandte sie sich zu Samson, der blutend und mit schäumendem Rachen am Boden lag: ,,Gehe zu deinen Menschen zurück, wenn du darin dein Glück siehst. Ich verliere dich heute zum zweitenmal. Geh! Geh!" Ohne einen Blick zurück setzte sie ihre Flucht fort, die andern Löwen folgten ihr, und alle verschwanden alsbald hinter den Bergen. Die Meuten hatten mittlerweile den allein zurückgebliebenen Samson erreicht. In der Hitze der Verfolgung erkannten sie ihn entweder wirklich nicht oder taten doch so und drangen blutlechzend auf ihn ein. Er war vom ausgestandenen Kampfe noch betäubt, und der plötzliche Angriff seiner Jagdgenossen überraschte ihn so, daß er keine Bewegung machte, um sich zur Wehre zu setzen. Im Nu hingen ihm zehn Bluthunde an jeder Pranke, sechs am Schwanz, acht an den Ohren, der Mähne und den Lefzen, er konnte gerade nur einen kläglichen Hilferuf' ausstoßen, dann erlag er den Bissen unzähliger gieriger Hundezähne. Seine Mutter hörte in weiter Entfernung seinen Todesschrei und kehrte ohne Zögern um, ihm beizustehen. Sie kam zu spät, um ihn zu retten, und konnte nur sein Schicksal teilen. Als der Schloßherr den Ort erreichte, waren beide Löwen tot. Er konnte nur eben noch die Hunde zurücktreiben, daß sie sie nicht in Stücke rissen und ihre Felle verdarben. Diese ließ der Schloßherr zu einem Bettvorleger und einem Teppich zurichten und wenn er in der Folge fremde Gäste hatte, zeigte er ihnen mit Stolz die Prachtstücke und erzählte ihnen umständlich die Geschichte von den Löwen, die er unter großen Gefahren mit eigener Hand teils gefangen und zu seinen Kettensklaven gemacht, teils im Kampfe getötet hatte. Dann bewunderten die Zuhörer seine Tapferkeit und rühmten ihn wegen seiner mutigen Taten. o o o o o o o 1 o o o o o o o )J AUS DER BEWEGUNG Palestine Land Development Co Ltd Bericht über die am 29. Dezember 1910 abgehaltene Sitzung des Direktoriums und die Generalversammlung der Aktionäre der Palestine Land Development Co. Ltd. Der von dem Vorsitzenden der P. L. D. C. Herrn Prof. Dr. Warburg über ihre bisherige Tätigkeit erstattete Bericht enthielt verschiedene Punkte, die das Interesse der Allgemeinheit beanspruchen dürften. o o o o o o o o o o o o o o I. Farm Kinereth. Die Einrichtung der Farm Kinereth war mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Als die P. L. D. C. das Land in Besitz nahm, war dasselbe von den frühern Besitzern noch nicht vollständig geräumt und außer einem kleinen, halbverfallenen arabischen Gebäude waren keinerlei Unterkunftsräume vorhanden. Es galt sich mit den feindseligen Vorbesitzern und Nachbarn auseinanderzusetzen, die herumschweifenden Beduinen, die mit ihren Herden aufs Land kamen, an die Respektierung des jüdischen [Eigentums zu gewöhnen, die Wirtschaftsgebäude zu erbauen und für einen Ort, der bis dahin