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Die Welt · 1911-01-13 · 2 (13.1.1911) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
2 (13.1.1911)
Date
1911-01-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 2 DIE^ELT 35 Hühner zeigen ihr rührendes Vertrauen zu mir, indem sie gerade vor meiner Nase ihr Wesen treiben." Des Nachts wurde er immer von seiner Kette losgemacht, und er umschritt als unermüdlicher Wächter die Schloßmauer bis zum Morgen. Kein Feind oder Missetäter wagte nahezukommen, wenn er auf dem Mauergrat oder hinter den Turrnzinnen im Mondlicht seine ungeheure Qestalt sich fahl am dunkeln Himmel abzeichnen sah oder wenn er in mondlosen Nächten den Donner seiner Stimme hörte. Auch an Jagdtagen löste der Schloßherr Samsons Kette und nahm ihn mit. Der Löwe bezwang dann für ihn Eber, Auerochsen und Bären, schleppte ihm die Jagdbeute im Maul auf das Schloß und tat die Arbeit, zu der sonst zwanzig tapfere und starke Jagdgehilfen nötig waren. Und wenn alles vorüber war, nahm er geduldig die Kette wieder auf sich, leckte sich die schmerzenden Wunden, die er im Kampfe mit den stärksten und gefährlichsten Tieren der Wildnis empfangen hatte, und freute sich still darüber, daß er sich seinem Herrn wieder hatte nützlich machen können. Da schlich sich die Hauskatze wohl zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: „Prinz, sehen Sie nun, wie man Sie behandelt. Sie dürfen sich dieses unwürdige Los nicht länger gefallen lassen!" „Unwürdiges Los? Daß man mich als schönste Zier des Schlosses mit einer prächtigen Ehrenkette geschmückt neben das Tor setzt?" „Ach, Prinz, das glauben Sie ja selbst nicht. Benutzen Sie die Freiheit, die man Ihnen gibt, wenn man Sie auf der Jagd ausbeuten will! Bleiben Sie in den Wäldern! Erinnern Sie sich, daß dort Ihre Heimat ist, daß Sie dort der Herr sind!" Der Löwe aber fuhr auf und erwiderte grimmig: .Kein Wort mehr, oder ich breche dir den Hals. Meine Heimat ist hier im Schlosse, ich bin der Angehörige uid Genosse der Herrschaft und will dein unsinniges 'leschwätz nicht hören." Seine Mutter hatte ihn inzwischen niemals vergessen. Sie trauerte jahrelang um ihn und blieb immer in der legend, weil sie hoffte, einmal zu erfahren, was aus im geworden war, nachdem er den Menschen in die lande gefallen. Als nun unter den Tieren des Waldes Mild der Wüste das Qerücht umzulaufen begann, daß ier Schloßherr sich auf seinen Jagden eines Löwen beiene, der gegen Recht und Sitte die Söhne der Wildnis ngreife und unter ihnen schlimmer hause als zwanzig Menschen, da kam es zuletzt auch ihr zu Ohren, und ie jubelte laut auf, obschon die Affen, Pfauen und iazellen es ihr bestürzt und entrüstet zutrugen. Sie Flinte mit ihrem Mutterherzen sofort, daß der Jagdlöwe •es Schloßherrn ihr eigener verlorener Sohn war, und ■-"ie befahl einem ihrer beiden Söhne, die bei ihr geblieben-waren, auf Kundschaft auszuziehen und zu verliehen, ob er sich seinem Bruder nicht nähern und ihn yu den Seinigen zurückbringen könne. Der Löwe machte sich in einer finstern Nacht auf, trabte hurtig durch die Wüste, über die Berge und durch den Wald bis an den Palmenhain, schlich vorsichtig durch diesen bis an die Ringmauer des Schlosses und schickte sich eben an, mit dem Aufgebot all seiner Gräfte über sie zu setzen, als ihm plötzlich eine furchtbare Stimme von oben: „Wer da!" zudonnerte. Zugleich erblickte er zwei große glühende Augen, die ihm aus dem Dunkel entgegenflammten. Die Stimme, die jedes andere lebende Geschöpf mit Entsetzen erfüllt, ließ sein Herz freudig schlagen, denn er erkannte sie als die eines Artgenossen. „Gut Freund!" rief er gedämpft zurück; „komme zu mir herunter, wenn du frei bist, und wenn nicht, will ich zu dir hinaufkommen und dich befreien.'* „Natürlich bin ich frei," erwiderte der Löwe auf dem Mauergrat stolz; „aber wer bist du?" „Ich bin, ein Löwe wie du, noch mehr, ich bin dein Bruder, dein eigen Fleisch und Blut. Ich bin gekommen, um dich zu unserer Mutter zurückzuholen, der die Menschen dich geraubt haben, als du ganz klein warst, und die nie aufgehört hat, um dich zu trauern." „Du lügst!" rief der Löwe von der Mauer /zurück; „ich bin kein Löwe, sondern ein Schlo(3eingesessener, meine Brüder sind die Söhne der Schloßherrschaft, und andere Brüder habe ich nicht. Trolle dich, oder es soll dir schlimm ergehen." Im Löwen am Fuße der Mauer begann es zu kochen. „Schandbube!" grollte er zornig hinauf. „Du hast keine Löwenseele mehr. Du bist ein feiger Menschenknecht geworden. Nochmals: willst du zu uns zurückkehren oder sollen wir dich endgültig aus unserer Gemeinschaft ausstoßen?" Samson stieß ein Gebrüll aus, von dem die fernen Berge schaurig widerhallten: „Weg, wenn dir dein Leben lieb ist!" Seine Donnerstimme weckte alle Schloßbewohner, die Hunde schlugen wütend an, in der Gesindestube und im Herrenzimmer regte es sich, Waffen klirrten, Türen gingen dröhnend auf, der Löwe außen hörte diese drohenden Geräusche, und er hielt es für geraten, sich zurückzuziehen. Er eilte durch die Wälder, über die Berge in die Wüste zu seiner Mutter zurück und berichtete ihr über den Mißerfolg seiner Sendung. Die Löwin hörte seine Erzählung mit tiefer Bewegung an. „Ich weiß nun., daß mein Kind lebt. Das ist die Hauptsache. Daß er uns entfremdet ist, darf uns nicht wundern. Die Arglist der Menschen hat sein junges Gemüt vergiftet. Es kann aber nicht schwer sein, die Stimme seines Blutes zum Sprechen zu bringen. Du hast ihn nicht richtig zu fassen gewußt. Ich will selbst zu ihm gehen und ihm zusprechen. Ihr sollt sehen, daß ich euch einen Bruder bringe, der glücklich sein wird, die Seinigen wiedergefunden zu haben." Sie wartete kaum den Anbruch der Nacht ab lind trat den Weg nach dem Schloß an. Ihre beiden Söhne und einige Nachbarn und Freunde folgten ihr in kurzer Entfernung, um ihr in der Gefahr beizuspringen. Der Löwe hielt diese Nacht noch aufmerksamer als gewöhnlich Wacht, sah sie schon von weitem herankommen und rief ihr ein grimmiges „Halt!" zu, ehe sie noch am Fuße der Schloßmauer angelangt war. Der Löwin zitterte das starke Herz, als sie den Ruf hörte. Sie erkannte in der Stimme des Sohnes die des Vaters wieder. „Deine Mutter ist gekommen, um dich heimzuholen. Mein Sohn! Komm herab! Laß mich dein teures Antlitz belecken!" Der Angerufene erwiderte hart: „Du faselst. Ich kenne dich nicht. Ich bin Samson, der Menschengenosse, und mit solchem Gelichter wie du habe ich nichts gemein. Wenn du kein Weib wärst, würde ich dir zeigen, daß man mich nicht ungestraft beleidigt." „Sprichst du so mit deiner Mutter, die jahrelang um dich geklagt hat?"

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