Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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34 DIE3&ELT \7 No. 2 No. 2 Rast hin und wartete auf den Begleiter mit dem dritten. Da er nicht kam, machte sie sich nach mehreren Stunden mutig auf, um ihn zu suchen, fand aber nur sein abgezogenes Aas, doch von ihrem dritten Jungen keine Spur. Sie brach in ein durchdringendes Jammer-, geheul aus und schleppte sich langsam zu den beiden Kleinen zurück, die ihr geblieben waren. Dieser Jagdtag hatte ihr den Qatten und ein Kind geraubt, des Freundes nicht zu gedenken. Ihre Totenklage erfüllte die ganze Nacht alle Tiere der Wildnis mit Angst und Bangen. Der kleine Löwe war mittlerweile auf das Schloß gebracht worden, wo alle Hausgenossen sich um ihn versammelten, um ihn zu bewundern. Er war ein allerliebstes Geschöpf, nicht größer als eine große Hauskatze, mit einem feinen gelben Fell und einem schwarzen Quästchen am Ende des Schwanzes. Anfangs stellte er sich sehr ungebärdig an und biß und klaute nach jedem, der ihn streicheln wollte. Allmählich beruhigte er sich jedoch und wurde zutraulich und zahm. In seinem Alter vergißt man rasch und schickt sich leicht in alle Veränderungen. Bald waren ihm seine Mutter und Brüder und das freie Leben in Wald und Wüste aus der Erinnerung geschwunden; er kannte nur noch die Menschen, die ihn reichlich fütterten und freundlich behandelten, er ließ sich gern liebkosen, dankte dafür mit lautem Purren, wohl auch mit Lecken seiner rauhen Zunge, und wurde der Liebling aller. Er schlief im Zimmer der Herrin auf weichen Teppichen, spielte und balgte sich auf dem Schloßhof mit den Kindern der Herrschaft und lief dem Herrn auf seinen Spaziergängen wie ein Hund nach. Man hatte ihm den Namen Samson , gegeben, und er eilte gehorsam herbei, wenn man ihm rief. Er betrachtete sich als Mitglied der Familie und hing an den Personen, die er für seine Angehörigen hielt, mit der ganzen Wärme seines Löwenherzens. Bei den übrigen Haustieren war er keineswegs beliebt. Die Pferde schnaubten und schlugen aus, wenn er einmal den Kopf neugierig in ihren Stall steckte oder ihnen auf der Wiese hinter dem Schloß nahekam, die Hunde knurrten und zeigten ihm die Zähne, die Hühner rissen flügelschlagend und kreischend vor ihm aus. Er war mit allen freundlich, aber alle wiesen ihn feindlich ab. Nur, die Hauskatze schloß sich ihm von allem Anfang an und suchte beharrlich seinen Umgang. Sie behandelte ihn ehrerbietig und sprach mit ihm im Ton einer Untergebenen. Als er größer und ein verständiger junger Löwe wurde, machte sie ihm Bemerkungen über sein Verhalten gegen die Hausgenossen. „Sie sollten sich mit dem Pferde- und Hundepack nicht gemein machen," sagte sie. „Warum nicht?" fragte der Löwe; „leben wir nicht unter einem Dach? Sind wir nicht Gefährten und Freunde?" „Nein," erwiderte die Katze: „Sie sind ein Prinz und die andern sind Sklavengezücht; Sie sind ein Löwe, und die andern sind Mähren und Köter. Sie behandeln sie wie Ihresgleichen, und zum Danke dafür hassen sie Sie und möchten Sie am liebsten erwürgen." „Das glaube ich nicht, Katze", rief der Löwe unwillig. „Es ist aber doch so," versicherte die Katze. „Auch den Menschen gegenüber sollten Sie mehr auf Ihre Würde eines Königssohns bedacht sein. Geben Sie Ihr Herz nicht an sie hin. Sie werden Ihre Liebe doch mit Undank belohnen." „Nun höre aber auf," grollte der Löwe. „Ich erlaube dir nicht, von meinen Herrschaften übel zu reden. Ich gehöre zu ihnen, und sie gehören zu mir, wir sind ein Fleisch und Blut, ich habe meinen anerkannten Platz in ihrer Familie, und nichts kann uns trennen." Die Katze duckte sich unterwürfig und schlich betrübt davon, da der Löwe ihr den Rücken kehrte. Samson wuchs zur vollen Größe und Stärke seiner Art heran. Sein Wesen änderte sich jedoch deswegen nicht, er blieb zärtlich gegen den Schloßherrn und seine Frau und gegen deren Kinder, seine Spielgefährten, und gutmütig gegen alle Haustiere. Ihn aber begann man allmählich anders zu behandeln. Die Herrin beklagte sich, daß er schlecht roch, und wollte ihn nicht länger in ihrem Zimmer dulden. Um ihn nicht zu kränken, sagte man ihm, er sei nun groß, und es gezieme sich nicht, daß er im Schlafgemach seiner Herrin sein Nachtlager habe. Man wies ihm eine Schlafstätte im Hundestall an; aber die Hunde erklärten, er sei ein Fremder und Eindringling, sie weigerten sich, ihn unter sich zu dulden, und um einen Aufruhr der Meute zu vermeiden, mußte man dem Löwen einen besondern Schuppen anweisen. Die Kinder der Herrschaft wollten nicht mehr mit ihm spielen, denn obschon er sich von ihnen alles gefallen ließ und sie liebevoll streichelte und leckte, wenn sie ihn knufften und zausten, hatten sie doch heimlich Furcht vor ihm. Forderte er sie, auf, sich nach ihrer Gewohnheit mit ihm auf dem Schloßhof herumzubalgen, so ließen sie ihm durch einen Diener sagen, sie hätten keine Zeit, sie seien mit ihren Lehrern beschäftigt. Den Gutsbesitzern der Nachbarschaft wurde es unheimlich, ihm frei umherschweifend zu begegnen, wenn sie auf das Schloß zu Besuch kamen, und sie machten dem Gutsherrn Vorstellungen wegen seiner Sorglosigkeit. „Man darf einer solchen Bestie nie trauen," sagten sie; „früher oder später bricht seine Räubernatur doch durch." Sie wiederholten ihm dies so oft, bis er schließlich doch bedenklich wurde und befahl, Samson an die Kette zu legen. Als die Diener sich anschickten, diesen Befehl auszuführen, stieß der Löwe denn doch ein Gebrüll aus, das sie eiligst zurückweichen machte. Sie meldeten ihrem Herrn, daß Samson sich gegen die Ankettung sträube, und der Herr ging selbst zu ihm auf den Hof hinunter und sagte ihm: „Sei artig, Samson, lasse dich mit diesem Kettchen schmücken." „Aber warum?" klagte der Löwe, was habe ich verbrochen, um die Strafe zu verdienen?" „Es ist ja keine Strafe," begütigte ihn der Herr und legte ihm, während er ihm zusprach, schmeichelnd die dicke, schwere Eisenkette um den mähnengeschmückten Hals; „es ist eine Auszeichnung; du sollst am Tage meinen Schloßhof zieren und nachts frei sein." Samson ließ den Kopf hängen und schickte sich ergeben in den Willen seines Herrn. Er war nun ein Gefangener und von allen Hofgenossen verachtet und verhöhnt. Das Pferd schlug nach ihm aus, wenn es an ihm vorüberkam, die Hunde kläfften nach ihm und benahmen sich höchst unschicklich in seiner Nähe, just außer dem Bereiche seiner Tatzen, und sogar die Hühner scharrten und gackerten dreist dicht vor seinem furchtbaren Rachen. Samson wollte es nicht bemerken. Er machte sich selbst weis, daß all das ohne Absicht geschah. „Pferde schlagen, aus, das ist ihre Art," sagte er sich; „es ist Hundenatur, unflätig zu sein, und die