Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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32 DIE^ELT No. 2 und aller Völker auf der gottesgeschaffenen und gottesschaffenden Erde. Nicht umsonst ist der Jude Marx der Verkünder der sozialen Glückseligkeit auf Erden; nicht umsonst quält sich der Jude Oppenheimer um eine radikale Lösung der Agrarfrage. In den Adern beider fließt das Blut der Träger des urjüdischen Schöpfungsgenies. Die jemenitischen Ansiedlungen in Rechoboth und Rischon le Zion Seit 30 Jahren wandern jemenitische Juden allmählich nach Palästina ein. Aber während sie sich früher ausschließlich in Jerusalem niederließen, bevorzugen sie in letzter Zeit die Kolonien. Gegenwärtig befinden sich in der Kolonie Rechioboth 52, in Rischon le Zion 28 jemenitische Familien. In der Kolonie Gederah, wo man ebenfalls bestrebt war, Jemeniten heranzuziehen, und zu diesem Zwecke bereits einige Wohnungen erbaut hat, ist es doch den Jemeniten bis jetzt nicht gelungen, Fuß zu fassen. Der Grund hierfür ist hauptsächlich der Umstand, daß sie dort nicht das ganze Jahr hindurch Beschäftigung finden, weil insbesondere für die Frauen keine ständige Arbeit wie in den großen Kolonien Rischon und Rechoboth vorhanden ist. Zum Teil liegt es auch daran, daß sie ähnlich wie die osteuropäischen Juden in Amerika in geschlossener Masse zusammen zu leben wünschen, schon um ihre besondern religiösen und synagogalen Bedürfnisse leichter befriedigen zu können. Es ist kein Zweifel, daß Palästina für die jemenitischen Juden ein sehr erwünschtes Immigrationsgebiet ist. Sie finden sich in die neuen Verhältnisse außerordentlich schnell zurecht. Vor zwei Jahren kam die erste größere Gruppe, in Lumpen gehüllt, zum größten Teil ohne ein Hemd und ohne jede Beschuhung. Da sie zumeist nicht einmal das Schiffsbillett aus eignen iWittein bestreiten konnten, mußten sie sich das dafür nötige Geld bei den wenigen ,,Wohlhabendenkt unter ihnen leihen. In Palästina angelangt, wurden sie, dank der rührigen Vermittlung einiger Mitglieder des ,,Hapael Hazair", nach Rechoboth gebracht. Da dort permanent Wohnungsnot herrscht, war man gezwungen, die „Brüder aus dem Jemen" in Kellern und Kammern unterzubringen. Im Keller des Beth ha Waad allein haben einen Winter hindurch 7 Familien gewohnt. Sehr wenig an Sauberkeit gewöhnt und so zusammengepfercht, wurden sie auch viel von Krankheiten heimgesucht, die im krassen Widerspruch zu den befriedigenden hygienischen Zuständen der Kolonie stehen. Nichtsdestoweniger ist man auf das angenehmste berührt, wenn man jetzt in Rechoboth das jemenitische Viertel besucht. Es sind dort bereits zehn Häuschen fertiggestellt, zum größten Teil von ihren Bewohnern erbaut, die ca. 16 Wohnungen umfassen. Alle diese Häuschen sind mit Gemüsegärten umgeben, die mit einem wahren Bienenfleiß bearbeitet werden. Zumeist sind auch bereits Nutz- und Zierbäume angepflanzt, die den kleinen niedlichen Häuschen eine gewisse Anmut verleihen. Die meisten dieser Häuschen sind durch Anleihen seitens des Waad und der Wolffsohnstiftung erbaut worden. Bis jetzt haben die Jemeniten die Zahlungstermine pünktlich eingehalten, ja, es gibt sogar nicht wenige unter ihnen, die in der relativ kurzen Zeit Ersparnisse gemacht haben. Alles arbeitet: der Mann in Garten und Feld, die Frau wäscht und bäckt bei den Kolonisten, und auch die Kinder finden lohnende Beschäftigung. Dabei sind sie von einer unglaublichen Anspruchslosigkeit. Schenkt ein Kolonist einem Jemeniten einen abgetragenen Anzug, so kann es vorkommen, daß derJemenite den Anzug zu Geld macht und weiter seine Lumpen trägt . . Von Hause aus waren sie zumeist kleine Handwerker, insbesondere Siberschmiede, Thoraschreiber. Man muß ihnen Geschicklichkeit für jede Arbeit, die eine gewisse Handfertigkeit erfordert, zuschreiben. So beschäftigen sich einige ihrer Frauen in Rechoboth, darunter die Frau ihres ältesten Chacham, mit dem Flechten von Körben, das sie ebenfalls bereits in Jemen betrieben haben. Einige Jemeniten haben sich, besonders in Rischon le Zion, zu guten Handwerkern, Schneidern, Schustern usw., ausgebildet. Besonders ist die günstige Einwirkung der palästinensischen Verhältnisse auf ihre Knaben zu bemerken. Ohne viel die Schule zu besuchen, sprechen sie doch ein klassisches Hebräisch und lernen es, tüchtige Arbeit zu leisten. In religiöser Beziehung unterscheiden sich die Jemeniten nicht bloß von den Aschkenasim, sondern auch von den Sefardim. Besonders schwerwiegend ist der Umstand, daß die Polygamie bei den Jemeniten in vollem Flor steht, von der sie auch in Palästina nicht lassen wollen. Hand in Hand damit steht die Erscheinung, daß die Erteilung eines Scheidebriefes seitens eines Ehegatten in Ermanglung eines hierfür bei den Aschkenasim üblichen, recht peinlichen und minutiösen Zeremoniells sehr leicht von statten geht. Ebenso gibt es eine Menge anderer ritueller Unterschiede, die nun bei dem Zusammenleben von Aschkenasim und Jemeniten innerhalb einer Kolonie einer gründlichen Regelung bedürfen. Rabbi A. J. Kuk, der Oberrabbiner von Jaffa, gedenkt daher eine wichtige Aktion einzuleiten, um dietalmudischen Unterlagen für den jemenitischen Ritus in Jemen selbst aufzusuchen und auf Grund des herbeizuschaffenden Materials festzustellen, inwiefern man den jemenitischen Überlieferungen Konzessionen einräumen müsse. Abge-. sehen von diesen Unterschieden, die als Produkte einer langen historischen Entwicklung zu verstehen und zu würdigen sind, muß ohne weiteres zugegeben werden, daß die talmudische Durchbildung der Massen bei den Jemeniter viel höher ist als bei Juden anderer Länder. Einen jemenitischen Am-ha-Arez gibt es nicht. Jeder hat Thora, Mischnah und Maimonides studiert, und jeder spricht auch mehr oder minder geläufig die hebräische Sprache. Auch ihre Frauen, die äußerlich wie die Araberinnen gekleidet sind, bekunden in ihrer Lebenshaltung echt jüdische Gesinnung und Frömmigkeit. Das Familienleben gleicht dem der osteuropäischen Juden. Charakteristisch ist es, daß einer ihrer Rabbiner, der durch Haltung und Gesinnung gleich vornehme Chacham Abraham in Rechoboth, der von seiner Gemeinde keinen Pfennig Gehalt bezieht und seinen Unterhalt, gemäß der Lebensweise der Tanaiten, als Tagelöhner verdient, von seinen kärglichen Ersparnissen ein Bethaus für seine Gemeinde baut. Welche tiefinnerliche Liebe zu Erez Jisrael in den Seelen der Jemeniten wohnt, kann man sich leicht vergegenwärtigen, wenn man bedenkt, daß ihre Auswanderung aus dem Jemen mit den manigfachsten Schwierigkeiten verbunden ist. Es ist häufig vorgekommen, daß sie dort ihr Hab und Gut unveräußert