Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-01-13 · 2 (13.1.1911) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
2 (13.1.1911)
Date
1911-01-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316462--54185-3347960
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nö. 2 DIEIaEELT 31 der „Arier" geschaffen. Der Judäer rechnete mit Tatsachen, und dadurch erreichte er instinktiv eine wissenschaftliche Höhe, die die moderne Menschheit nur in unserer Epoche erklommen hat. Und die Tatsache ist: es gibt weder ein Individuum für sich, noch eine abstrakte, unterschiedslose Menschheit. Das Individuum ist ein Teil einer Nation, und erst die Nebeneinanderanreihung der Nationen bildet die Menschheit. Und wenn der Kopenhagener sozialistische Kongreß letzthin das Ideal der Internationalität unter Wahrung der nationalen Interessen (nur nicht der jüdischen!) sanktioniert hat, so hat er nur einen uralten judäischen Gedanken aufgegriffen. Da sehen wir, daß das Judentum — das palästinensische wohlgemerkt — ewige Wahrheiten schuf, die der ganzen Menschheit zugute kommt. Der ganze Fortschritt der Gegenwart ist vom Judaismus angesteckt, und dagegen wird kein Antisemitismus helfen, wenn die Völker nicht zur Barbarei zurückkehren wollen. Mit einem Worte: Die Frage, ob das palästinensische Judentum originell schöpferisch war, muß mit einem freudigen Ja beantwortet werden. Im Buche des Herrn Schneider wird der Leser diese Antwort in ihrer breiten Ausführlichkeit finden. III Die Frage bekommt tragischen Beigeschmack, sobald wir sie auf das Diasporajudentum anwenden. Schon a priori können wir da zu bestimmten Resultaten gelangen. Falls das altjüdische Schaffen sozialer Natur war, so mußte das Diasporajudentum in seinem Schaffen erlahmen. Denn der Judäer schuf aus der Nation heraus für die ganze Nation. Und wenn er auch Theologie trieb, so war diese Theologie immer und immer vom Ideal des Volkswohles, des sozialen Eudämonismus durchdrungen. Deshalb nahm seine Religion den Charakter des Nomismus, des festgelegten Gesetzes an, was man uns gerne von christlicher Seite zum Vorwurf macht, weil man den sozial-nationalen Grundzug des Judaismus außeracht läßt. Dieses Schaffen konnte nur so lange dauern, als eine unabhängige jüdische Nation mit einem normalen gesellschaftlichen Leben existierte. Sobald die Nation den Wanderstock ergriff und sich zu atomisieren begann, mußte die Quelle des originellen Schaffens versiegen. Solange die Juden wenigstens gewisse Modalitäten des unabhängigen sozialen Lebens besaßen, konnten sie teilweise ihr Schaffen fortentwickeln. So war es z. B. in Babylonien, wo der Talmud entstanden ist und vollendet wurde. Aber nachher die Zerbröckelung der Nation vernichtete die schöpferische Energie. Für den soziologisch denkenden Beobachter ist dieser aprioristische Schluß selbstverständlich. Und die Geschichte rechtfertigt dieses Urteil. Die Geschichte beweist, daß sogar das Schaffen der Hellenen auf dem Individualgebiete in dem Momente aufhörte, wo die Nation unterging. Die Griechen der nachchristlichen Epoche haben nichts hervorgebracht, obwohl sie früher an der Spitze der schöpferischen Arier standen. Um so mehr mußte es der Fall sein bei Völkern, die von Anfang an hauptsächlich auf sozialem Gebiet schöpferische Leistungen aufzuweisen hatten. Die Geschichte beweist uns, daß das Diasporajudentum speziell seit der nachbabylonischen Periode nicht geschaffen hat. Die ganze Energie wurde verwendet einerseits auf die „ Erbauung eines Zauns", d. i. auf die Schaffung von ideologischen Mitteln, um wenigstens den nationalen Geist zu konservieren, und anderseits — auf die Anpassung an die neuen fremden Lebensbedingungen. Die erste Energieentfaltung schuf die starre Orthodoxie, die aber voll innerer Lebenskraft war, und die zweite Energieäußerung verwandelte die Juden in Kultlirvermittler. In der Diaspora besaßen wir nur zwei Typen: Kommentatoren der alteigenen Werte und Popularitatoren der fremdneuen Werte, aber niemals Schöpfer. Und sogar Spinoza ist kein Schöpfer im alten Sinne des Wortes. Schneider irrt sich, wenn er meint, daß „Spinoza in seiner Lehre der unmittelbare Fortsetzer der Entwicklung in der Reihe der großen Denker von Arnos bis Jesus ist". Daß er irrt, beweist er am besten durch seine eignen Worte, in denen er sein Urteil über Spinoza zusammenfaßt: „Praktisch bedeutet der Schritt (Spinozas) den Bruch mit dem Judentum, — der jüdische Eleat wird Hellene"*). Ob Spinoza zum Hellenen wurde, ist eine andere Frage, die wir nicht bejahend beantworten. Daß er aber mit seiner ganzen Ethik den Bruch mit dem Judentum proklamiert hat, ist sicher. Denn er hat den Boden des sozialen Schaffens — das ureigenste Gebiet der Propheten — verlassen und das Ideal der individuellen Heiligkeit proklamiert. Aber nicht Spinoza allein hat das urjüdische Gebiet verlassen, sondern das ganze Diasporajudentum, sogar wenn es äußerlich orthodox blieb. Das können wir am besten am Chassidismus beobachten, der ja auch dasIndividuelleüberdasSozialeerhoben hat und auch den Gottesmensch auf Erden — gerade wie das Christentum — in der Gestalt des Zaddiks hervorbrachte und ebenfalls das soziale Heil durch die individuelle Heiligkeit ersetzte. Spinoza ist viel weniger Nachfolger der Arnos und der Jesaiah, als Vorgänger des Chassidismus, trotz seines Rationalismus und seiner mathematischen Formeln. Spinoza gehört zu den Liquidatoren der jüdischen Originalität. Und da offenbart sich unsere furchtbarste Tragik: bekommen wir — in der Diaspora — einmal Schöpfergenie, so muß er mit Naturnotwendigkeit zum Totengräber des Judaismus werden. So einer war Spinoza. Denn sobald man nicht auf ureigenem Boden schafft, muß man Fremdes hineintragen, das mit dem Eigenen in vollem Widerspruch steht. Erst in der Fremde wurde der Jude zum „Individualatomist", wie sich Schneider ausdrückt. Und erst hier haben wir neue Fähigkeiten entwickelt: die der Assimilation. In Palästina gerade zeichnete sich das Judentum dadurch aus, daß es eben nichts Fremdes assimilieren konnte und wollte, denn es war an Ureignem allzu reich. Wer aber nur assimiliert, kann nichts Originelles schaffen. Und so müssen wir das Urteil Schneiders über das gegenwärtige Judentum — im Schlußkapitel seines Buches — voll unterschreiben: es ist vernichtend für uns, aber wahr. Während der letzten 18 Jahrhunderte haben wir keine einzige Original Schöpfung aufzuweisen, die auf Ewigkeit prätentieren könnte und die der ganzen Menschheit nützen sollte. Wir, die gewesenen Schöpfer ewiger Werte, wurden zu Pedlarn von Tagesneuigkeiten. Wir, die Träger des unerschütterlichen Glaubens vorher, wurden zu Verbreitern des ätzenden Skeptizismus der Neuzeit. Aus Ackerbauern wurden wir Händler und aus Propheten — Journalisten. Daran wird die ganze jungjüdische Kunst nichts ändern. Manche hitzige Ideologen sprechen gleich von einer Renaissance des Judaismus. Das ist Selbstbetrug. Die ganze Jargonkunst ist eben Jargon, — d. i. Anfang der Assimilation. Nur ist sie die Durchgangsstufe zur völligen Assimilation. Mit einem Worte — eine vorübergehende Erscheinung, ein Zeitungsfeuilleton im großen Buche der jüdischen Geschichte. Sehen wir in der letzten Zeit manche Anzeichen des Erwachens des jüdischen Schöpfungsgenies, in denen wir den Hauch der Ewigkeit spüren, — z. B. bei einem Bialik,— so geschieht es nur unter dem direkten Einfluß des nationaljüdischen Ideals. Die Sehnsucht nach sozialer Unabhängigkeit ist schon genügend, um den echtjüdischen Schaffensgeist zu erwecken. Aber es ist eine Palme in einem Treibhaus, d. i. ohne sichere Zukunft, wie wir das an Jehuda Halevi beobachten können. Und damit haben wir eins bewiesen: die potenzielle Schaffensenergie hat das Diasporajudentum bewahrt. Wenn unsere Feinde die von uns in der Diaspora erworbenen Eigenschaften und speziell den Mangel an origineller Schaffenskraft als unsere immanente Rasseneigenschaften hinstellen, so ist dies Unterfangen eine böse Lüge. Wir haben geschaffen, solange wir ein eignes nnd normales soziales Gebilde besaßen, und wir werden wieder schaffen, sobald wir wieder eine normale soziale Unterlage haben werden. Das bloße Streben nach Verwirklichung dieses Ideals lockt leise Töne aus der verstummten Davidsharfe hervor. Und wird das Ideal zur Wirklichkeit werden, dann wird diese Harfe neue Lieder ertönen lassen. Und diese Lieder werden vor allem von sozialer Gerechtigkeit singen, — vom diesseitigen Glücke Israels *) Schneider, 1. c. S. 484—485

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.