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Die Welt · 1911-01-13 · 2 (13.1.1911) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
2 (13.1.1911)
Date
1911-01-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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30 No. 2 bis zu einem wirklichen Monismus gelangt, und anerkennen wir den Dualismus so wie er in Wirklichkeit ist. Dieser Dualismus ist besonders stark im Leben des Menschen ausgeprägt. Und speziell auf dem Gebiete des Schaffens. Und da können wir konstatieren, daß von jeher die Völker sich in zwei Gruppen teilten: in solche, bei denen das individuelle Schaffen besonders stark entwickelt war, und in solche, bei denen das soziale Schaffen im Vordergrunde war, Ist daran das Innere und das Äußere schuld, hängt es von den Rasseneigentümlichkeiten oder von den spezifischen Eigenschaften der die verschiedenen Völker umgebenden Natur ab, entscheiden wir hier nicht, denn es würde auch zu weit führen, und wir würden doch zu keinen absolut sichern Resultaten gelangen. Halten wir uns an die Tatsachen. Und diese zeigen uns, daß noch kein Volk zu einer Synthese in seinem Schaffen gelangt ist. Das eine entwickelt hauptsächlich das individuelle Schaffen in allen seinen Manifestationen. Auf dein religiösen Gebiete — das Ideal des individuellen Heils, auf dem Gebiete des Denkens — das Ideal der philosophischen Erkenntnis, auf dem politischen Gebiete — das Ideal der individuellen Freiheit und schließlich die Vergöttlichung des Menschen, — das Ideal der individuellen Schönheit. Dies ist das Charakteristische für die sogenannten arischen Völker. Andere Völker wieder konzentrieren ihre ganze Schaffensenergie auf dem Gebiete der Gesellschaftlichkeit. Das Individuum ist kein „Ich", sondern nur ein Teil des „Wir". Dementsprechend das Schaffen. Auf dem religiösen Gebiete — das Ideal der Volksheiligkeit durch den einzigen Gott „Am Kadesch", auf dem Gebiete des Denkens — das Ideal der Gotteserkenntnis, als Lenkers der Volksschicksale und als Schöpfers der Welt, auf politischem Gebiete — das Ideal der sozialen Gerechtigkeit, in der auch das Ideal der Volksschönheit enthalten ist. Dies ist das Charakteristische für die sogenannten semitischen Völker. Dadurch entwickelt sich eine Gegensätzlichkeit: die individuell schaffenden Völker schreiten vom Individuum zum Kosmopolitismus, d. i. Bruderschaft aller Menschen, die sozial Schaffenden — vom Volkstum zur Internationalität, d. i. Frieden unter allen Völkern, jene sind mystische Idealisten, diese sind nüchterne Realisten, jene schaffen die leicht beflügelte Poesie, diese — die tiefernste Prosa, jene haben den Gottessohn, diese den Menschheitsgott geschaffen. Zwischen beiden aber ist kein aufsteigender oder heruntersteigender Übergang, wie es sich Herr Schneider vorstellt, sondern ein mehrläufiger Gegensatz. Man kann nicht sagen, die Kultur der Hellenen ist eine höhere als die der Juden, sondern es handelt sich um zwei gegensätzliche Schaffensmodalitäten. Es ist da kein Höherer und kein Niederer vorhanden, sondern jeder ist Meister auf seinem Gebiete. Wird sich mal aus diesem Dualismus eine Synthese entwickeln, das entscheiden wir hier nicht, denn wir beschäftigen uns hier nur mit der Vergangenheit. Aber in jeder dieser zwei Gruppen von Völkern gibt es ein Mehr und Weniger. In jeder dieser zwei Völkergruppen gibt es eine Aristokratie, die das Maximum der spezifischen Schaffens- "energie entwickelt hat. Alle sogenannten semitischen Völker haben dieselbe Schaffensform — die soziale — enfwickelt. Aber ihre Aristokratie, die das Maximum des sozialen Schaffens realisiert hat, ist das Judentum, wie es sehr schlagend Herr Schneider in seinem zitierten Buch bewiesen hat. Die Aristokratie der sogenannten arischen Völker, die das Maximum des individuellen Schaffens erreicht hat, ist nach unserer Meinung das Hellenenvolk. Da ist der große Gegensatz: Judentum Hellenentum, und nicht, wie manche meinen: Judentum — Christentum. Das letztere ist ein — mißlungener — Versuch, Hellenentum und Judentum zu vereinigen, zu synthetilieren. Deshalb konstatieren wir, daß echte „Arier" resp. echte Hellenen sich auch vom Christentum befreien wollen, als von einem fremden Elemente. Nietzsche, der selbst ein Schöpfer auf dem individuellen Gebiete war, mußte notgedrungen ein Feind des Christentums werden. Wer das Individuum zum Zentralpunkt des ganzen menschlichen Lebens macht, kann sich nicht mit einer Lebensanschauung aussöhnen, die an die Spitze das soziale Heil stellt, dem sich das Individuum unterordnen muß. II. Nach dem Obengesagten ist es klar, daß auf die erste Hälfte unserer Frage, ob das Judentum ein schöpferisches Volk war, unbedingt eine bejahende Antwort erfolgen muß. Ob die Juden von den Babyloniern viele Kulturelemente übernommen haben? Ganz sicher. Die Juden waren das jüngste semitische Volk, das. die Kulturbahn beschritten hat, und somit hat es sicher manche, ursemitische Kulturelemente übernommen, und wieder ^manche Elemente hat es von den ältern Brudervölkern entlehnt. Aber schon Prof. Carnill hat die Sache richtig aufgefaßt, als er schrieb: „Was Israel von andersher entlehnte, wurde von ihm zu etwas völlig Neuem und Eigenem umgebildet, so daß es schwer wird, in der herrlichen israelitischen Umgestaltung und Neuschöpfung das ursprüngliche Original wiederzuerkennen .... Israel gleicht in geistiger Beziehung dem fabelhaften Könige Midas, welchem alles, was er berührt, sich zu Gold verwandelt"1). Mit reichem tatsächlichem Material ausgestattet, hat Schneider dasselbe bewiesen. Auf allen Gebieten des Kulturlebens schuf das palästinensische Judentum Originelles. Unter den semitischen Völkern erreicht der Judäer den höchsten Gipfel: er bildet die Aristokratie des Semitentums. „Was in der babylonischen Weltanschauung geahnt und geübt wird, "schreibt Schneider, „spricht er (der judäische Prophet) als ihren wesentlichen Gehalt bewußt aus; der Babylonier hat Götter und die Gottheit, — der Judäer hat den Gott; der Babylonier hat Wissenschaften von göttlichem Willen, auch ein Gesetz, — der Judäer hat den Willen, das Gesetz, die einzige Wissenschaft; der Babylonier hat eine Praxis, die kausal orientiert ist, — der Judäer hat den Grundsatz der alleinigen göttlichen Kausalität"2). Aber trotzdem hat Schneider das Grundwesen des judäischen Schaffens nicht erfaßt, denn auch er, wie gesagt, stellt sich die Sache so vor, als ob die Juden nur Theologie trieben. Alles, was er über die Originalität des jüdischen Monotheismus sagt, ist richtig. Aber nicht bloß darin ist die Originalität des Juden. Auch er ist im Wahne befangen, als ob unsere Propheten nur Schöpfer des reinen und konsequenten Monotheismus waren. Dem ist aber nicht so. Ein Volk lebt nicht bloß von Ideen. Ein Volk lebt vor allem ein soziales Leben, das voll von innern Widersprüchen ist und nach Harmonie verlangt. Diese soziale Harmonie zu schaffen, — das war der Zweck und das Ziel des originellen Schaffens des palästinensischen Judentums. Die soziale Gerechtigkeit war das Hauptmotiv der prophetischen Arbeit. Und dies haben die Juden von niemanden übernommen, nicht einmal von ihren altern Brüdern, — den Babyloniern. Und daß es sich nicht bloß um fromme Wünsche handelt, ist durch die Geschichte bewiesen: das kleine jüdische Volk hat am längsten dem überall siegreichen Rom standgehalten, was sich nur dadurch erklärt, daß Israel die gerechteste soziale Organisation unter allen antiken Völkern besaß. Es hat niemals Sklavenaufstände gehabt, wie Griechenland, Rom, Phönizien, Babylonien, Karthago. Die prophetische Ethik war keine Individualethik, sondern Normen der Volkslebens, Mittel zum sozialen Eudämonismus. Und wenn auch im Anfang dieses Ideal nur auf Israel beschränkt war, so haben die spätem Propheten diesen fruchtbaren Gedanken weiterentwickelt und ihn zur Höhe eines Ideals für die ganze Menschheit erhoben. Das nationale Ideal erhob sich zum Ideal der Internationalität. Diese Höhe haben die „arischen" Völker nur in der letzten Zeit erreicht, und das auch nur in der Person einer winzigen Oberschicht. Wohlgemerkt: das Judentum hat niemals den unreellen Kosmopolitismus gelehrt, der die Menschen nur als unabhängige Individuen betrachtet und der von den reellen sozialen Organismen — den Völkern und Nationen — absieht. Diese ideologische Schrulle hat l.) Prof. Carnill: Der israelitische Prophetismus. 19ÜG. S. 15. 2j Schneider: 1. c. S. 578.

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