Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Fehlschlagen seiner eignen territorialen Pläne zur Lösung der jüdischen Nationalfrage beweisen, daß solch ein jüdischer Nationalismus unmöglich ist. Anderseits ist er dagegen, daß das türkische Reich ein Schmelztiegel von Rassen und Nationalitäten wie Amerika wird. Währender also einenallgemeinen jüdischenNationalismus leugnet,fabriziert er sichdieTheorie, daß dieottomanischen Juden nur einen streng lokalen jüdischen Nationalismus behalten können. Dies mag ein feiner Streich polemischer Taschenspielerei sein, aber in der Erörterung ernster Fragen müssen wir uns Taschenspielkunststücke verbitten. Wir stimmen mit Herrn Zangwill darin überein, daß die Juden in der Türkei ihren jüdischen Nationalismus beibehalten sollen, aber wir behaupten zugleich, daß die Juden in allen andern Ländern dies tun sollen und aus einem ähnlichen Grunde — damit sie nicht in den lokalen Schmelztiegel wandern. Alle diese lokalen Manifestationen des jüdischen Nationalismus sind indessen ebensoviele Ausdrücke des allgemeinen jüdischen Nationalismus, da wir nur eine einzige jüdische Nation kennen. Herr Zangwill scheint der Meinung zu sein — wenigstens in seinem letzten Artikel — daß außerhalb der Türkei nur die Juden in Österreich ihren Nationalismus beibehalten können, da es hier verschiedene Nationen gibt. Er hat anscheinend vergessen, daß es in einer Menge anderer Länder, einschließlich Amerikas, welches er als den klassischen Typus eines Rassenschmelztiegels betrachtet/Reihen wackerer jüdischer Nationalisten gibt. Was Österreich anbetrifft, so gibt es dort zahlreiche Juden, die die jüdische Nationalität nicht anerkennen wollen und die sich mit Deutschen, Polen, Tschechen usw. zusammengruppieren, selbst gegen die Interessen des jüdischen Volkstums. Es gibt aber dort eine jüdisch-nationale Partei, die eifersüchtig über die nationalen Interessen ihres Volkes wacht. Aber diese pflegen keineswegs irgendeinen „österreichischen jüdischen Nationalismus". Diese Partei ist keine isolierte Körperschaft, die von ihren Volksgenossen in allen andern Teilen der Welt abgeschnitten ist. Im Gegenteil, sie hat erkannt, der jüdische Nationalismus wäre inkonsequent und sinnlos, wenn er nur auf ihr Heimatsland beschränkt wäre. Sie pflegt den jüdischen Nationalismus, weil sie fühlt, daß sie zu der jüdischen Nation gehört, die über die ganze Welt zerstreut ist. Und konsequenterweise sind die Anhänger der jüdisch-nationalen Politik in Österreich zugleich Mitglieder der zionistischen Organisation, die für die Wiederherstellung der jüdischen Nationalität in dem alten Lande des jüdischen Volkes arbeitet. Wenn die ottomanischen Juden den Rat des Herrn Zangwill annehmen, ihre jüdische Nationalität zu bewahren, so werden sie ebenfalls wahrnehmen, daß dies nur dann in Sinn und Wert richtig sein kann, wenn sie sich mit den nationalbewußten Teilen des jüdischen Volkes in der übrigen Welt solidarisch erklären. Und da sie zur Realisierung der Ideale ihres Volkes in einer besondern Art beitragen können, so hoffen wir, daß sie diesen ihren Vorzug würdig und klug ausnützen werden. Sind die Juden ein schöpferisches Volk? Von Dr. Daniel Pasmanik, Genf Für viele christliche Gelehrte, auch für solche, die ihre antisemitische Tendenz nicht gerne aufdecken, ist es eine ausgemachte Sache, daß die Juden, wie alle andern semitischen Völker, niemals schöpferisch waren. Und als man voll Erstaunen all die babylonischen Entdeckungen machte, die doch beweisen sollten, daß die Semiten eine großartige Kultur schufen zu einer Zeit, als die Arier noch Wilde waren, da rettete man sich bei den Sumerern; die ersten Bewohner Babyloniens waren Sumerer, die echte Arier gewesen wären. Ob die Sumerer Arier waren, kann absolut nicht bewiesen werden, denn bekanntlich weist nicht immer die Sprache auf Rassenabstammting hin. Und dann wissen wir vom Kulturschaffen der Summerer herzlich wenig. Dagegen wissen wir ganz positiv daß die Babylonier Semiten waren und daß die ganze babylonische Kultur echt semitisch war. Die mehr oder weniger objektive Wissenschaft (ganz objektive Wissenschaft auf gesellschaftlichem Gebiete existiert überhaupt nicht) muß dies bestätigen. Besonders klar und einleuchtend ist dieser Beweis letzthin von Hermann Schneider in seinem prachtvollen Buch: Kultur und Denken der Babylonier und Juden, Leipzig, Hinrichs'sche Buchhandlung, 1910, das vor kurzem erschienen ist, geführt worden. In demselben Buch deckt er auch die originellen Schöpfungen des alten palästinensischen Judentums auf, wobei er aber immer das Schaffen des Hellenentums als höchstes Kriterium aufstellt. Der Verfasser bemüht sich, ein objektiver Arier zu sein, und — es gelingt ihm. Und trotzdem bleibt noch die Frage offen: Ist das Judentum ein schöpferisches Volk? Denn wir nennen ein schöpferisches Volk nur ein solches, das ewige Wahrheiten schafft, die der ganzen Menschheit zugute kommen. Nach Schneider sieht es so aus, als ob die Juden nur eine Mittelstufe in der Kette der schöpferischen Völker einnehmen' etwa so: Ägypter-Babylonier-Juden-Griechen. Diese ganze Auffassung ist falsch, denn sie rechnet nicht mit den besondern Formen des Schaffens. Auch Schneider ist in der Ideologie befangen, a!s ob die Völker nur Götter und Philosophien schaffen. Die von uns gestellte Frage zerfällt in zwei Teile, denn die Juden haben bis jetzt zwei verschiedene Phasen in ihrer Geschichte durchgemacht, was bei keinem andern Volke der Fall war. Epoche der unabhängigen Bodenfestigkeit und die Epoche des wurzeltoten Wanderns, oder palästinensisches und Diaspora-Judentum. Mit einem Worte, unsere Frage muß lauten: war und ist das Judentum ein schöpferisches Volk? I Im Grunde genommen ist das menschliche Schaffen bei allen Völkern identisch, denn die Grundeletnente der menschlichen Natur und Entwicklung sind überall dieselben. Alle Menschen schaffen auf allen Gebieten. Die Originalität eines Volkes wie eines Individuum besteht nur im Betonen dieses oder jenes Schaffensgebietes Und betrachten wir die möglichen Schaffensgebiete, so gibt es deren nur zwei: das individuelle und das soziale. Denn der Mensch ist eine Welt für sich und zugleich ein Teil einer größern Welt, — der Gesellschaft. Dasselbe Verhältnis wie dasjenige der Zelle und des tierischen Organismus auf dem Gebiete der Biologie. Und diesem Dualismus — Individuum-Gesellschaft — können wir nicht entrinnen, wie wir überhaupt bis jetzt noch dem Dualismus nicht entronnen sind. Was man gewöhnlich Monismus nennt, ist entweder Verleugnung einer halben Wahrheit oder aber nur eine logische Vereinigung zweier objektiv verschiedener Elemente. Der materialistische Monismus war von jeher eine Verleugnung der rein geistigen Erscheinungen; und die spinozistische Substanz ist eine logische Vereinigung von Geist und Materie, die zwei Seiten der uns unbekannten Medaille. Überall Dualismus: gut und bös, Licht und Finsternis, Stoff und Kraft, Materie und Geist, Individuum und Gesellschaft. Seien wir bescheiden und gestehen wir offen: wir sind noch nicht 2