Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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28 DIE2UKELT No. 2 •1! gesetzt zu sehen, die bereits tot ist oder nur mehr in Kreisen lebt, die sich außerhalb Palästinas befinden und / alle Absicht haben, es auch zu bleiben . . ." Es ist schwierig, zu entscheiden, ob Herr Zangwill, seit er die zionistische Organisation verließ, es unterlassen hat, ihrer Entwicklung und Tätigkeit zu folgen — oder ob er absichtlich seine Kenntnis der Tatsachen unterdrückt. Aber er sollte denn doch wissen, daß ein „langsames Aufbauen der jüdischen Position" in Palästina die Politik ist, die der Zionismus während der letzten fünf Jahre ständig verfolgt hat. Für diesen Zweck hat das Aktionskomitee in Jaffa ein Palästinaamt errichtet, das seine ganze Energie auf die Stärkung und Ausdehnung der jüdischen Position in dem Lande verwendet. Weiß Zangwill nichts von der Tätigkeit der Anglo- Palestine-Company, die, gemäß wiederholtem und unparteischem britischem Zeugnis, so viel zur Förderung von Agrikultur und Industrie beigetragen hat? Weiß Herr Zangwill nichts von dem Wirken des „Bezalel" für die Verbreitung und Entwicklung von Kunst und Handwerk in einer Bevölkerung, die sonst zur Bettelei herabgesunken wäre? Weiß Herr Zangwill nichts über den Jüdischen Nationalfonds, der verschiedene Strecken Landes zur Bebauung erworben hat und mithilft, die Häuserfrage, sowohl in den Städten wie in den Kolonien, durch Errichtung moderner Wohnungen zu lösen? Weiß Herr Zangwill nichts von der Palestine Land Development Company, die die Bebauung großer Grundstücke und ihre Parzellierung für gering bemittelte Personen unternimmt? Und weiß er nichts 'über die Propaganda, die während der letzten zwölt Monate für einelandwirtschaftliche Siedlungsgenossenschaft betrieben wurde, ein Plan, der infolge freigiebiger Zuwendungen nunmehr zur Wirklichkeit werden und einen neuen Magnet für die Heranziehung jüdischer Arbeit in das Heilige Land bilden wird? Nach Herrn Zangwill würde es wirklich scheinen, als wenn die Arbeit der zionistischen Organisation sich kaum von der eines literarischen Vereins unterschiede. Da nun Herr Zangwill entweder nichts weiß oder sich den Anschein gibt nichts von alledem zu kennen, was der Zionismus bereits geschaffen hat, so schließt er daraus, daß derZionismus „sich unmerkbar in Nationalismus umgewandelt hat". Unter Nationalismus versteht er „die Theorie, daß die Juden selbst ohne territoriales Ubergewicht irgendwo, und selbst ohne das Band des Judaismus eine nationale Einheit bilden". Aber dieser Nationalismus, sagt er, ist unmöglich wegen „desDruckes oder der Anziehungskraft Verschiedenartigerumgebungen und verschiedenartiger patriotischer Empfindungen". Wenn also Herr Zangwill findet, daß der Zionismus tot ist oder sich in Nationalismus verwandelt hat, der wieder unmöglich ist, welche Theorie bleibt ihm, ihn den Ott omanischen Juden zu empfehlen? Hier zeigt Herr Zangwill seine ganze große Originalität. Er rät den ottomanischen Juden einen eigenen lokalen Nationalismus zu pflegen, — einen „jüdisch-ottomanischen Nationalismus". Er ermahnt sie, nicht Türken zu werden, und er warnt sie davor, etwas mit der „internationalen Einheit des zionlosen Zionismus" zu tun zu haben. Die ottomanischen Juden sollen einen ottomanisch-jüdischen Nationalismus pflegen, aber, bemerkt Herr Zangwill, der Erfolg wird davon abhängen, ob man es gestatten werde, daß verschiedene Nationalitäten nebeneinander, etwa so wie in Österreich, existieren. „Eure eignen höchsten Instinkte, eure eignen höchsten Interessen", erklärt er in einem pathetischen Schlußwort, „müssen eure Führer sein und nicht die angeblichen Interessen oder Instinkte von Juden in andern Ländern, die eure politische und moralische Lage nicht kennen, und deren Lehren und Posaunenstöße, so begeisternd sie auch ,: für sie selbst sein mögen, für euch nur Verblendung und Fallstrick sein mögen können!'4 Der Ausspruch, daß die Zionisten die politische und moralische Lage der ottomanischen Juden nicht kennen, ist ebenso willkürlich wie grundlos. Es haben nicht allein der Präsident und verschiedene Mitglieder des Aktionskomitees die Lage in der Türkei studiert, indem sie sich verschiedentlich dort aufhielten, sondern die zionistische Leitung hat auch seit mehr als zwei Jahren einen verantwortlichen Vertreter in Konstantinopel. Wir wünschten aber zu erfahren, wann und wie lange Herr Zangwill die Lage ebenfalls am Platze selbst studiert hat. Aber die Beschuldigung der Unwissenheit wiegt leicht gegenüber der Behauptung, daß die zionistischen Lehren „nur Verblendung und Fallstrick" sein können. Es ist schwer verständlich, wie so eine Bewegung, die tot ist, fähig sein kann, „Verblendung undFallstrick"zu sein. Vielleicht ist die Verblendung auf Seiten Zangwills, wenn er wähnt, der Zionismus sei tot. Aber selbst wenn der Zionismus, nach Zangswills anderer Meinung, „nur eine Bewegung für die Verbreitung jüdischer Kultur in der Diaspora" ist, kann man noch immer nicht einsehen, wie er blenden oder verführen kann, — wenn anders nicht Herr Zangwill zu verstehen geben will, daß der Zionismus nicht wirklich echte, jüdische Kultur verbreitet. Wenn das Komitee der „La Tribuna Libera" frei von „sephardischer Dummheit" ist, die Herr Zangwill den ottomanischen Juden j im allgemeinen zuschreibt, dann wird es wahrscheinlit \ die Inkonsequenz seines Beraters wahrnehmen und iV um die Freundlichkeit bitten, seine Behauptungen mi j einander in Einklang zu bringen. | j Aber das interessanteste Moment in dem ganzen! I Artikel ist der Rat, daß die ottomanischen Juden einen! j ottomanischen jüdischen Nationalismus pflegen sollen. Leider vergißt Herr Zangwill zu erklären, was er darunter; j versteht, so daß die ottomanischen Juden kaum viel j Aufklärung von ihm in ihrer vermuteten Verwirrung erhalten werden. Aber es muß versucht werden, das Rätsel zu lösen. Es ist klar, daß selbst nach Herrn Zangwill ottomanisch-jüdischer Nationalismus etwas; weiter geht als die jüdische Religion, da er ihn als die [ gemeinsame Platform, auf der sich glaubenstreue uhS-'\ ungläubige Juden vereinigen können, erklärt. Dem v irreligiösen Juden wird daher der Anschluß an den ottomanisch-jüdischen Nationalismus empfohlen. Aber da Herr Zangwill ihn ermahnt, sich nicht in einen Türken zu verwandeln, müssen wir schließen, daß der Ausdruck „Ottomane" nur die Lokalität bezeichnet, in der ein jüdischer Nationalismus gepflegt werden soll, und nicht im geringsten Qrade das Wesen des; jüdischen Nationalismus berührt. Mit andern ' Worten: jüdischer Nationalismus ist ein absoluter Be-; griff, unabhängig von dem Lande, in welchem Juden i wohnen. Aber in einem vorhergehenden Satze ] charakterisiert Herr Zangwill den jüdischen Nationalis-( mus als „hohl und phantastisch", rät also den otto-f manischen Juden, einem Phantom zu folgen. Herr Zangwill bewegt sich in einem sonderbaren Dilemma. Einerseits will er aus Erbitterung über das