Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-01-06 · 1 (6.1.1911) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316460--54168-3347942
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 1 DIE3|EELT 11 manchen ehrlichen jüdischen Missionsprediger zu einer Revision seiner Anschauungen zu veranlassen. Die messsciaiehe Hoffnung der Propheten ist die Hoffnung des jüdischen Volkes. Darum hat man sich von gewisser Seite immer bemüht, durch falsche Interpretierung und Umdeutung des'Prop rieten wortes den Messias, von dem er spricht, zu „vergeistigen" und von der Hoffnung auf die „leibliche" Wiederherstellung des jüdischen Volkes, von der Sehnsucht nach Selbständigkeit, nach einem eigenen staatlichen Leben, vom Territorrialismus loszulösen. Diesen Jongleurstückchen macht Klein für allemal ein Ende, indem er uns den Messianismus der Propheten zeigt, wie er tatsächlich ist, und nicht, wie'die subjektive Ansicht über religiöse oder politische Fragen wünscht, daß er wäre. Der Besprechung zweier Bücher, die sich mit der biblischen Zeit und der Periode der Soferim beschäftigen, lasse ich die Anzeige einiger Neuerscheinungen folgen, die das Zeitalter der Tannaiten zum Gegenstände haben. Ich erwähne zunächst: M. Mainzer über Jagd, Fischfang und Bienenzucht bei den Juden in der tannäischen Zeit (Frankfurt a. M., J. Kauffmann, 1910). An der Hand von Mischna, Talmud, Midrasch und anderer in Betracht kommender älterer und jüngerer Werken des jüdischen Schrifttums, sowie unter ausgiebiger Berücksichtigung der Quellen über die Kulturgeschichte der andern antiken Völker bemüht sich der Verfasser mit Erfolg, uns ein anschauliches Bild von der Beschäftigung der Juden mit Jagd und Fischfang zu geben, uns mit dem Jäger, mit seinen Jagd Werkzeugen, mit seinen Waffen, Netzen und Lehmruten i mit dem Fischer, mit seinen Netzen, Harpunen und Angeln; mit der Biene und dem Bienenstock; mit dem Honig und seiner Verwendung; mit dem Jagd-, Fischerei- und Bienenrecht udgl. vertraut zu machen. Sein Buch bildet eine lehrreiche Lektüre, wenn auch manche 'Einzelheit speziell in den philologischen Bemerkungen der Korrektur bedarf. Die Arbeit Mainzers ist ein schätzenswerter Beitrag zu „talmudischen Archäologie", dieS. Krauß in ihrem ganzen Umfang in einem großangelegten Werke behandelt, von dem der erste Band vor kurzem erschienen ist. Ich behalte mir vor, über dieses Werk in meinem nächsten Briefe zu referieren; heute bringe ich ein anderes Buch von Krauß zur Kenntnis: Antoninus und Rabb (Wien 1910, wissenschaftliche Beilage zum XVII. Jahresbericht der Isr.-theol. Lehranstalt, Vill und 148 S. 8°). Das Antoninusproblem ist bekannt. In mehr als dreißig agadischen Berichten, den sogenannten Antoninus-Agadoth, wird in Talmud und Midrasch Rabbi (der Patriarch R. Jehuda I.) mit einem Kaiser Antoninus in Verbindung gebracht, und zwar in einer Wreise, aus der man schließen muß, daß zwischen den beiden Männern ein Freundschaftsverhältnis bestanden habe. Wer ist dieser Antoninus? Die jüdischen Chronisten des Mittelalters und die christlichen Geschichtsschreiber die ihnen folgten, identifizierten ihn ohne weiteres mit Antoninus, Pius. Die wissenschaftliche Schule, die mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzt, erkannte, daß diese Identifikation aus chronologischen Gründen unmöglich sei. Eine genauere Prüfung der Anton nus-Agadöth einerseits, anderseits der Geschichte der römischen Kaiser, hat die Frage immer mehr kompliziert, anstatt sie zu lösen. Man hat alle Kaiser, die von 138 bis 235 regiert haben, von Antoninus Pius bis Alexander Severus gemustert, anderseits außer R. Jehuda I. auch R. Jehuda II. in Betracht gezogen, aber die Sache wollte nicht stimmen, so daß man schließlich teils den Glauben an die Möglichkeit einer Lösung aufgegeben, teils die Historizität der Antoninus-Agadoth ganz in Abrede gesteilt hat. Und doch handelt es sich um eine bedeutsame Frage, von deren Beantwortung — wie Krauß richtig bemerkt — die chronologische Bestimmung der ganzen talmudischen Epoche abhängt, die Zeit der Redaktion der Mischna, der Ankunft Rabs und der Gründung der talmudischen Akademien in Babylon usw. Krauß versucht nun eine neue Lösung, und er führt sie in ganz origineller Weise durch. Er behandelt zunächst Antoninus als eine unbekannte Größe und führt uns vor allem die Antoninus-Agadoth (in deutscher Übersetzung) vor, indem er bei jeder einzelnen gleich alles das herausschält, was bei der Lösung des Problems von irgendwelchem Nutzen sein kann. Er teilt die zwischen Antoninus und Rabbi geführten Gespräche ein in politische, religiöse und Privatgespräche; die politischen Gespräche betreffen. Ägypten, Palästina und Rom. Er zeigt uns die beiden Männer bei der Tafel und bei geheimen Zusammenkünften, er klärt uns über Gunstbezeugungen auf, deren die Juden von Seiten der Römer teilhaftig wurden; er macht auf Vorgänge aufmerksam, die darauf schließen lassen, daß es sich hierbei um eine Verschwörung handelte, für die der Rabbi bzw. das jüdische Volk gewonnen werden sollte usw. Wir werden so allmählich auf die Lösung vorbereitet, aber schon auf dem Wege dahin erfahren wir eine reiche Belehrung übt' Detailfragen historischen, philologischen und archäologischen Charakters, die schon an sich die Lektüre des Buches als lohnend erscheinen lassen; es sei nur auf die schönen Ausführungen über den landwirtschaftlichen Betrieb Rabbis (S. 19 ff.) hingewiesen, dessen Schauplatz Verf. auch geographisch näher bestimmt, weil ihm das bei der Lösung des Problems sehr zustatten kommt. Diese Lösung lautet: Der talmudische Antoninus ist Avidius Cassius, der langjährige Statthalter von Palästina, der dann kurze Zeit auch Kaiser war (was an sich nicht nötig wäre, weil Anton, in den ihn betreffenden Agadoth nie „Kaiser" genannt wird, und es außerdem die Agada damit nicht so genau nimmt). In seinem Streben nach dem Puipur plante er eine Verschwörung gegen Mark Aurel; ' zu diesem Zwecke trat er in Verbindung mit Rabbi und mit dem jugendlichen praktischen Prätendenten Artaban, die er für seinen Plan gewinnen wollte. Nun ist es interessant, zuweilen geradezu spannend zu lesen, wie Verfasser die geschichtlichen Ere:gnissö schildert und mit welchem Scharfsinn er die Überlieferungen der Agada auf seine Helden bezieht. Rabbi wird unter seinen Händen ein ganz anderer als der, für den wir ihn bis heute gehalten haben. Er lebt zunächst — von seiner Ökonomie abgesehen — hauptsächlich für die Politik. Aber seine Pläne gehen fehl und „jetzt erst, als er seine politische Rolle ausgespielt hatte, wurde er erst recht der große Lehrer, der Sammler der Mischna" (S. 134! Mit diesem Rabbi kann man sich nicht einverstanden erklären; es liegt auch kein Grund vor, sich ihn so vorzustellen. Wir lassen dem auf Rabbi geprägten Worte n^rLV) min se'ne ureigenste Bedeutung und erblicken in ihm einen jener seltenen Männer von ungewöhnlicher Tatkraft, die — von ihren Privatangelegenheiten abgesehen — ihrem Volke als Politiker dienen und zugleich auch als Lehrer und Gesetzesforscher Großes leisten. Auch die Annahme, Rabbi sei „heilig*1 genannt worden, „weil er sich für die nationalen Ideen seines Volkes geopfert hatte", hält der Kritik nicht stand. In diesem Sinne wurde das Wort „heilig" im Mittelalter gebraucht; in der talmudischen Zeit nicht. Weder R. Akiba noch ein anderer der „zehn Märtyrer" wird „Kadosch" genannt, auch nicht R. Jose selbst und R. Meir von diesem nur einmal (S. 111, vgl. auch S. 115), keineswegs im Hinblick auf dessen Martyrium. In der Hauptsache aber muß man zugeben: die Lösung, die Kr. dem Antoninusproblem gibt, ist die plausibelste unter allen, die bis heute versucht wurden. Das will nicht sagen, daß in ihr alle Schwierigkeiten restlos aufgehen. Das fühlt der Verfasser selbst, wenn er (S. 148) bemerkt, daß es hier noch genug zu tun gebe. So will mir z. B. die Erkläiung der Agada Nr. 20 (S. 50) als eine Absage optima forma nicht einleuchten; ich würde sie eher in die erste Zeit setzen und so auffassen, daß Rabbi zunächst von einer Verschwörung nichts wissen wollte, dann aber von Avidius Cassius umgestimmt wurde. Auch die Berichte über die Beziehungen zwischen Rabbi und den Kindern des Antoninus (Avidius Cassius) müssen noch besser durchgea betet werden. Antoninus der Jüngere namentlich schwebt noch in der Luft. Aber diese und ähnliche Bedenken sind nicht geeignet, die Lösung von Kr. wesentlich zu erschüttern. Anderer Ansicht freilich ist Rudolf Leszynsky in seiner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.