Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- Achish 1× ep/1003213
- Odesa 1× ep/1000834
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V von Christlichsozialen Versuche unternommen, die Niederlassung von jüdischen Auswandern aus Rußland zu verhindern. Aber im gro!3en und ganzen hat sich die Wiener Polizei verständigen Einwänden zugänglch gezeigt und sich in den Grenzen der Menschlichkeit bewegt. Nun gibt es aber ein feierliches Versprechen des seinerzeitigen Ministers des Innern Grafen Bylandt-Rheidt (im Jahre 1905), den russischen Flüchtlingen in Österreich keine Schwierigkeiten zu bereiten. Es wäre an der Zeit, dafür zu sorgen, daß die russischen Juden in Österreich nicht der Willkör jedes Bezirkshauptmanns freigegeben werden. Die jüdischen Reichsratsabgeordneten, der „Gemeindebund" und die „Allianz" wären berufen, die nötigen Schritte in dieser Richtung zu unternehmen. j O [(□□□□□□;| O V> FEUILLETON =^S □ □□□□ 3 Literaturbriefe Von Dr. H. Brody, Prag III Unter dem Titel n^vnt^ nmtOD^n veröffentlicht J. Klausner zwanzig Vorlesungen über de ältesten Perioden des jüdischen Volkes (bis zu den Hasrnonäern), die er in den Jahren 1907 08 vor den Hörern der reorganisierten „Jeschiba" in Odessa gehalten hat (Odessa 1909, XI u. 300 S. 8°). Klausner ist einer der weirgen Neuhebraisten, die das Vorhandensein einer jüdischen Wissenschaft nicht negieren und nicht in dem verderblichen Wahne leben, daß es in Israel keine Großen gegeben habe, mit deren Schöpfungen man sich heute noch intensiv beschäftigen sollte. Er liebt es, sich auch wissenschaftlich zu betätigen, und wir sind daran gewöhnt, in seinen Arbeiten Beachtenswertes zu finden. Darum bietet die vorliegende Schrift gewissermaßen eine Enttäuschung. Zwar kann nicht geleugnet werden, daß auch sie an interessanten [Einzelheiten nicht arm ist, aber als eine wissenschaftliche Leistung kann sie nicht bezeichnet werden. Von einigem Werte ist nur die Darstellung des innern Lebens und der kulturellen Arbeit der Juden im babylonischen Exil undder Rückkehr in die alte Heimat, Schön kann man die Ausführungen über das Entstehen und die E.-twicklung der Gedankenwelt bei den Propheten nennen, wenn auch ihre wissenschaftliche Bedeutung nur problematisch ist Daran trägt freilich nicht der Verfasser die Schuld. Er verwertet das Material, das uns erhalten geblieben ist Vieles aber ist im Laufe der Jahrtausende in Verlust geraten, und gar mancher ethischer Gedanke, den wir zufällig erst bei einem jüngern Propheten finden, mag schon früher in einer nicht mehr vorhandenen Rede eines altern Propheten zum Ausdruck gebracht worden sein. H ngegen muß es befremden, daß ein ausgezeichneter Kenner der Propheten, — und ein solcher ist Klausner, — den Sinn mancher Verse völlig verkennt; man vergleiche die Bemerkungen S. 79 (zu Zefan. 2, 3), S. 137 (zu Scharja 8, 4—5) und drgl. Im allgemeinen behandelt der Verfasser die Geschichte sehr oberflächlich, trotzdem er sich bemüht, den Ereignissen einen Zusammenhang zu geben. Zuweilen gewinnt man den Eindruck als ob er lehrend lernen wolle, d. h. als ob er an das Studium seiner Themata erst herangetreten wäre in dem Momente, wo es galt, über sie seinen Hörern Vortrag zu halten. Nur so erklären sich manche Widersprüche, denen wir in den Vorlesungen begegnen. So z. B. lesen wir S. 15, die Flucht Davids zu Achisch sei eine Handlung, für die es keine Entschuldigung gebe; aber schon S. 18 verteidigt er David gegen die Angriffe, denen er vonseiten der Historiker ausgesetzt ist, und da weiß er auch die Flucht zu Achisch so schön zu entschuldigen! S. 52 kann man sich auf den Bericht der Chronik über Usijah verlassen, trotzdem von seinen Angaben im Buche der Könige sich nichts findet, denn der Chronist hat „sicher aus alten Quellen geschöpft"; S. 67 wird eine Angabe der Chronik über Menasse verworfen, weil sie sich nicht auch im Buche der Könige findet! Nach S. 240 hat der Redakteur in die Überschrift des Buches Koheleth, das von Hyrkanos b. Tobija — ausgerechnet! — verfaßt wurde, die Worte „Ben-Dawid" eingefügt; nach S. 283 ist es ein Zeichen der Zeit, daß sich der Verfasser des genannten Buches eines Pseudonyms bedienen und den Glauben erwecken muß, sein Buch sei vom Sohne Davids verfaßt! Klausner steht in bezug auf Komposition und Glaubwürdigkeit der Bibel auf dem Standpunkte der protestantischen Bibelkritik, wenn auch der Nationaljude in ihm den Personen und ihren Gesinnungsgenossen, Handlungen und Schöpfungen mehr Liebe, Achtung und Wertschätzung entgegenbringt. Aber es berührt doch ganz merkwürdig, wenn er — trotzdem er selbst (S. 170) davor warnt, die Angaben der Alten auf bloße Hypothesen hin zu verwerfen, — biblische Daten prinzipiell verwirft und z. B. (S. 54) auf die zahlreiche Bevölkerung Judäas erst aus den prahlerischen Worten Sancheribs schließt, dessen Wahrheitstreue nicht im geringsten angezweifelt wird. Wie wenig sich der Verfasser in seinen Hypothesen vom Schriftworte stören läßt, mag von vielen nur ein Beispiel beweisen. Nach S. 19 hat Salomo die Stadt Geser an die Ägypter verloren und dann als Heiratsgut mit der Tochter des Pharao zurückbekommen. Aber Rieht. 1, 29 lehrt, daß Geser den Kanaanitern nicht entrissen werden konnte, und II. Sam. 5,25 sagt deutlich, daß Pharao in Geser die Kanaaniter besiegt habe. Über die politische Bedeutung dieses Ereignisses vgl. Alt, Israel und Ägypten, S. 19—23. Es ließe sich noch eine ganze Zahl von Einzelheiten anführen*), die das eingangs gefällte ungünstige Urteil über das vorliegende Buch zu erklären geeignet sind; aber das Gesagte dürfte genügen, und der Raum gestattet mir nicht, über das Maß des Notwendigen hinaus zu gehen. Betont sei nur, daß der Hauptfehler des Buches der ist, daß darin zu viel mit Hypothesen gearbeitet wird. Der Verfasser bietet uns die Geschichte, wie sie sich seiner Ansicht nach abgespielt haben müsse; die Angaben der Tradition müssen zurückgewiesen werden, weil sich die Ereignisse wahrscheinlich so zugetragen haben wie bei andern Völkern. Aber in der Geschichte ist nichts wahrscheinlich. Analogien können zur Erklärung von Tatsachen herangezogen werden, aber man darf von ihnen keine Tatsachen ableiten. Hat doch die Geschichte unseres Volkes überhaupt ihresgleichen nicht in der Geschichte anderer Völker! Einen Gedanken betont Klausner oft und mit Nachdruck, den nämlich, daß die Propheten nicht den idealen Gütern allein Wert beigemessen, sondern auch für die materiellen Existenzbedürfnisse des Volkes das richtige Verständnis besessen haben. Mit größerer Ausführlichkeit und unter Anführung aller in Betracht kommenden Belegstellen wird dieser Gedanke vom Verfasser im ersten Teile seines ^jni&^D ^rp#DD -Pinn (Krakau 1909, Verlag Aschiasaf- Warschau, 134 S. 8°) behandelt. Die Arbeit ist der w issenschaftlichen Untersuchung der Entwicklung des Messiasgedankens in Israel gewidmet. Hier bewegt sich der Verfasser auf einem Gebiete, das er souverän beherrscht, und seine Ausführungen sind geeignet, *) Zu der in der Anm S. 14 aufgeworfenen Frage vgl. die jüdischen Quellen bei Ratner, Olainrabba, S. 2i) Anm. 10; woher weiß aber Kl., daß I. Sam. 13,1 gerade das Wort D^^D")N einzufügen sei r